Hinweise Pfarrer Hofius 29.12.2015

Woher kommen Ochs und Esel an der Krippe?

„Zwischen den Jahren“ wird die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr häufig genannt. Doch im christlichen Kalender ist diese Zeit mit den sogenannten Zwölf Heiligen Nächten verbunden, der Zeit von Heiligabend bis zum 6. Januar. Viele Bräuche und Sagen knüpfen sich seit alters her an diese Tage und Nächte - als ob es eine „Zeit zwischen den Zeiten“ ist, die unsere besondere Aufmerksamkeit braucht. -  Mir geht’s so, dass es eine besondere Zeit des ‚Nach-Denkens‘ ist.

Und so höre und denke ich auch in diesem Jahr wieder der Weihnachtsgeschichte des Lukas, den Predigttexten dieser Tage und den Liedern nach. Wenige Texte haben das Weihnachtsfest so stark geprägt wie Martin Luthers strophenreiches Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von 1535. Die einzelnen Verse geben die Weihnachtsgeschichte nach Lukas in Form eines Krippenspiels wieder; und der große Johann Sebastian Bach hat die Melodie in seinem Weihnachtsoratorium verwendet. In diesem Lied werden Ort und Umstände der Geburt Jesu und sein Liegen in der Krippe angedeutet: „Da findet ihr das Kind gelegt, / das alle Welt erhält und trägt.“ Und dann heißt es in der neunten Strophe „Ach Herr, Du Schöpfer aller Ding / was bist Du worden so gering / dass Du da liegst auf dürrem Gras / davon ein Rind und Esel aß.“

Damit hat Martin Luther ein bis in unsere Gegenwart gültiges Bild von der Geburt Jesu geschaffen: Stall, Krippe, Engel, Hirten … und eben Ochs und Esel. Als traditionelle Stalltiere stehen sie für den überlieferten Geburtsort des Gottessohnes.

Zudem verweisen sie symbolhaft auf die ungewöhnliche Zukunft, die ihm verheißen ist: Als ein Anwalt der Armen wird er seine Mitgeschöpfe lieben und ein Leben in bedingungsloser Hingabe und im Dienst der Menschen führen.

Während aber ein Großteil der zur Krippe gehörenden Figuren ihren biblischen Anhalt im Lukas-Evangelium haben, fehlen gerade diese beiden, Ochs und Esel, in allen Evangelien. – Hingegen ist auf eine Stelle des Alten Testaments hinzuweisen, von der her sich ein direkter Bezug konstruieren lässt: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht" – heißt es in Jesaja 1,3. Daneben tritt eine Stelle aus dem Propheten Habakuk (3, 2), das sich in der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, der Septuaginta, findet: „In der Mitte zwischen zwei Tieren wirst du bekannt werden.“

Dass Ochs und Esel an der Krippe Jesu zu finden sind, hat symbolische Bedeutung. Schon recht früh haben Christinnen und Christen die beiden genannten Textstellen auf Jesus bezogen – unter Verweis auf Johannes 1,11: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Von daher gibt es die Deutung, dass der Esel für die Juden steht, der Ochse für die Heiden. Beide haben ihren Ort an der Krippe, beide sind gleichberechtigt berufen, Volk Gottes zu sein. Und das bedeutet wiederum: Das Volk Gottes ist der Grund der Menschwerdung Gottes und deshalb von Anfang an symbolisch anwesend. Der Esel als Tier der Demut ist gleichzeitig Metapher für Jesus Christus, in dem sich Gott so klein macht wie der kleinste abhängige Mensch. Der Ochse als das alttestamentliche Opfertier verweist auf den Opfertod Jesu am Kreuz.

Das Verständnis derart vielschichtiger Deutungsansätze ist aber inzwischen klar hinter den oberflächlichen Bezug der Tiere zu Stall und Krippe zurückgetreten.

Einen letzten Aspekt möchte ich – gerade auch in Hinblick auf das zu Beginn mit abgedruckte Bild eines byzantinischen Reliefs aus dem 6. Jahrhundert – nicht verschweigen: Das Jesus-Kind liegt hier gewickelt und gebunden in bzw. auf der Krippe, die eher auch an einen Tisch und/oder Altar erinnert. Mag das vielleicht auch Hinweis auf die Grablegung Jesu oder Hinweis auf die Eucharistie - Leib und Blut – sein? … Und stehen Ochs und Esel nicht häufig einander gegenüber, so dass sich ihr Atem über dem Kind kreuzt? Dann wäre damit die Bestimmung dieses Kindes, das als Mann am Kreuz den Tod der Erlösung sterben wird, ausgedrückt.

Mir gefallen diese vielschichtigen Deutungen. Das Wissen um die unterschiedlichen Motive und Deutungen kann uns die Zwischentöne in der Weihnachtgeschichte hören lassen. Und es kann helfen, zwischen den Zeilen zu lesen, wenn wir einmal wieder dastehen wie der Ochs vorm Scheunentor.

 

„Zwischen den Jahren“, „Zeit zwischen den Zeiten“, Zeit, um zwischen den Zeilen zu lesen“ und zu denken. – Eigentlich gar nicht schlecht als Auftakt und Einübung für das, was uns im Neuen Jahr entgegenkommt … meint und denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 18.12.2015

Das Lied „Wir sagen euch an, den lieben Advent. Seht die … Kerze brennt …“ ist jetzt vielerorts zu hören; in der Grundschule singen wir’s zu Beginn einer jeden neuen Woche im Advent – zur Freude der Singenden. Gott kommt in die Welt. Jede Strophe kündigt dabei ja ein weiteres Adventslicht an. Und mit jedem Licht wird es auf dem Adventskranz heller. Das ist schön und erwärmt ein Menschenherz.

Das Licht will aber noch weiter als auf dem häuslichen Adventskranz leuchten. Heißt es doch in einer der Strophen:

„Nehmt euch eins um das andere an. …

 Nun tragt eurer Güte hellen Schein weit in die dunkle Welt hinein.“

Dieses singend … denke ich daran, dass sich unsere Gesellschaft gerade rasant verändert. Schutzsuchende kommen in großer Zahl nach Europa. Viele wollen hier bleiben. Niemand weiß heute, ob es so etwas Ähnliches wie ein Ende geben könnte, am besten ein gutes. Mittendrin erschrecke ich über die stimmenstarken Protestler – ob nun zuletzt in Frankreich oder auch bei unseren östlichen oder nördlichen Anrainern. Sie hetzen die Menschen gegeneinander auf: Abgebrannte Unterkünfte, in denen Flüchtlinge im Winter wohnen sollten, legen beredtes Zeugnis davon ab. – Doch mittendrin erlebe

ich viele engagierte Helfende – jetzt erst recht und kreativ.

Ehrenamtliche und Hauptamtliche widerstehen der geschürten Angst. Stattdessen arbeiten sie sich durch  Fragen, Probleme und hören zu.  Was einmal werden wird, weiß niemand. Vielleicht ist das auch viel zu groß – vom Ende her zu denken. So, als müsste man nur ein paar Zahlen zusammen rechnen und dann  wüsste man alles ganz genau, was geht, und was vor allem nicht geht.

Ich denke, die  Schritte davor sind viel kleiner; aber dabei um so wichtiger:

„Nehmt euch eins um das andere an“ heißt es schlicht, wie in dem Adventslied. Annehmen – ein Wort, bei dem immer beides gedacht werden kann.  Einem Schutzsuchenden zu helfen, kann bereichern. Man kommt in Berührung mit einer unbekannten Kultur. Es kann aber auch geschehen, dass man von „dem einen oder anderen“ enttäuscht wird. Nicht jede Hilfe wird immer als hilfreich erlebt, die Angst ist manchmal einfach größer. Das kann passieren. Wohl deshalb erinnert das Lied auch an den hellen Schein der herzlichen Güte: Mitfühlen, teilnehmen, sich zu wenden, hilfsbereit sein, Menschlichkeit üben. Solche Lichter erhellen das Dunkle.

Gott selbst kam ja ganz und gar, mit allem, was an Liebe zu verschenken war und ist.

Man stelle sich vor, ganz viele Menschen lassen sich anstrahlen von diesem Licht der Liebe Gottes, das in der Weihnacht dann in der Krippe zu finden ist. Man stelle sich vor, ganz viele Menschen reflektieren den hellen Schein der herzlichen Güte Gottes … und scheinen zu leuchten für andere. „Nun tragt eurer Güte hellen Schein weit in die dunkle Welt hinein.“ - Wie das wohl aussehen wird?

Ich denke: Staunenswert schön. Erfreulich. Friedlich.

Darauf hoffe ich; und darum wünsche ich Ihnen und Euch allen eine weiterhin gesegnete Adventszeit … und jetzt schon frohe, licht- und friedvolle Weihnachten und einen gesunden Jahreswechsel.

Ihr / Euer Pfarrer Christoph Hofius 

Hinweise Pfarrer Hofius 08.12.2015

Bereitet dem Herrn den Weg! (Jesaja 4o,3)    

So lautet der Wochenspruch für die kommende Woche.

Wege zu bahnen und zu bauen, das ist nicht erst in unserer Zeit ein aufwändiges, lärmendes, schweißtreibendes Unterfangen. Nicht nur bei uns in Nebringen wird ein ganzes Quartier mit neuen Wegen versehen, auch im Heiligen Land werden immerzu Straßen gebaut. Dabei ist die Stadt Bethlehem keine biblische Idylle! Denn dort wird Straßenbau nötig, da Bomben fallen und Panzerketten rollen, da die alten Wege zerstört und die bewährten Brücken abgerissen werden. Wegbereitung und Straßenbau werden nötig, wo meterhohe Betonmauern die Menschen voneinander trennen, Lebensgrund auseinanderreißen und eingelaufene Pfade unterbrechen.

„Bereitet dem Herrn den Weg!“ – ruft uns Jesaja zu. Denn das ist oft gar nicht so einfach: Der Weg nach Betlehem ist ein steiniger und von Leid getränkter; bis heute.

Gut 10 Prozent der Palästinenser sind Christen; mit ihnen zusammen und um ihretwillen gilt es Wege und Möglichkeiten zu suchen, wie Juden, Muslime und Christen gemeinsam bauen und leben können.

„Bereitet dem Herrn den Weg!“ – das kann aus meiner Sicht nur gelingen, wenn wir den Blick von der Erde und ihren Niederungen erheben und auf den Schauen, der da kommt: Auf unseren Herrn. Angekündigt und sichtbar durch den Stern, der den Weg weist – bis heute. Der Stern von Bethlehem leuchtet jenseits der eindeutigen und trennenden Identifikationszeichen von Halbmond, Davidsstern und Kreuz. Der Stern von Bethlehem leuchtet für alle Menschen.

Vom Stern der Liebe und des Friedens beschienen können wir tatsächlich den Weg der Versöhnung suchen. Wir können gegen Wildwuchs und Geröll angehen – auch in unseren Köpfen und Herzen, damit Gott kommen kann. Und damit die Menschen bleiben - im Heiligen Land, in Bethlehem – und damit wir (mit-)menschlich bleiben – überall auf der Erde.

 

Ich wünsche Ihnen und Euch, wünsche uns allen eine gute Wegbereitung auf und für das Kommen des Sohnes Gottes.     Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius. 

Hinweise Pfarrer Hofius 01.12.2015

„Als er 90 war, sagte Ernst Bloch bei einem Frühstück im Freien, er sei nur noch neugierig auf das Sterben - er war damals nicht krank - Sterben als die Erfahrung, die er noch nicht gemacht habe und die nicht aus Büchern zu beziehen sei.“ So hat der Schriftsteller Max Frisch in einer Totenrede berichtet. Und dann fügt dieser seiner Erinnerung an die Begegnung mit dem Philosophen Bloch hinzu: „Das war ein geselliges Frühstück; nicht alle mussten es hören, als er hinzufügte: Er könne sich nicht vorstellen, dass nach unserem Tod einfach nichts sei.“

Ernst Bloch wurde berühmt durch sein mehrbändiges Werk „Das Prinzip Hoffnung“. Zur Zeit der Studentenbewegung stieß dies auf große Resonanz. Hoffnung könne und müsse man lernen, betont der Philosoph. Sie fällt also nicht vom Himmel. Für Bloch gibt es ein tätiges Hoffen, das ins Gelingen verliebt ist. Zur tätigen Hoffnung gehört für Bloch unbedingt, den „aufrechten Gang“ zu üben. Neugierig sein, hoffen, aufrecht gehen - das sind gute Stichworte auch für die Adventszeit.

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ (Sacharia 9,9)  Dieser König ist so ganz anders als das, was wir sonst von Herrschenden gewohnt sind. Da zieht man nicht unwillkürlich den Kopf ein und die Schultern hoch, sondern reckt viel eher den Hals, um das zu sehen; um den zu sehen.  -  Und dazu fordert uns dann auch der Wochenspruch der zweiten Adventswoche auf: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28). Dieses Mut-mach-Wort Jesu aus dem Lukasevangelium klingt ja schon so, als ob er zum aufrechten Gehen auffordere.

Ein beeindruckendes „Prinzip Hoffnung“ – eines, das neben „Gerechtigkeit“ und „Hilfe“ sogar von „Erlösung“ spricht.

Hoffnung auf Erlösung wird auch in der Popmusik artikuliert. Sir Paul McCartney hat – nach seiner Zeit als Mitglied der ‚Fab Four‘ - vor über 20 Jahren ein geradezu adventliches Lied angestimmt: „We live in hope of deliverance from the darkness that surrounds us.“ / „Wir leben in der Hoffnung auf Erlösung aus dem Dunkel, das uns umgibt.“ Im Englischen ist das Wort Deliverance verwandt mit Delivery. Das bedeutet unter anderem „Entbindung“ und „Geburt“. Es bleibt spannend, was mit dem Advent auf uns zukommt: Eine Erlösung. Eine Geburt. Das sind doch gerade auch biblische Bilder, die sich sowohl auf die Welt, das Volk Gottes wie auf den einzelnen beziehen lassen. „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden“, sagt die Bibel (1. Johannes 3,2).

 

Gehen wir doch adventlich weiter hinein in das Neue, das vor uns liegt, in dieses neue Kirchenjahr auch; erwartungsvoll und neugierig. Erhobenen Hauptes dem entgegen, was kommt … und eben dem, der kommt.

Hinweise Pfarrer Hofius 24.11.2015

Die Bäume sind kahl und es wird früh dunkel. Der erste Schnee des Winters kam auch schon. Und am zurückliegenden Sonntag fing mit dem Ewigkeitssonntag die letzte Woche des Kirchenjahres an. Mancher  hat  an  diesem  Tag  einen  Friedhof  und  die  Gräber  seiner Liebsten  besucht. In sehr unterschiedlichen Schattierungen denken wir an das „Aus“ und den Abschied vom Vertrauten und spüren es in uns. Ob wir wollen oder nicht: Mal abrupt und völlig unerwartet, mal mit Ansage – aber doch so, dass es uns an unsere eigene Endlichkeit gemahnt. Unsere Lebensgrenze  wissen  wir nicht - Gott sei Dank -; doch mancher erschrickt auch darüber, weil man sich so schlecht darauf einstellen kann.

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ hat der Beter von Psalm 9o gesagt.

„Bedenken“, das ‚ja‘, aber nicht Angst davor haben (müssen). – Denn auch das zeigt diese Woche, die ein „wenig aus der Zeit gefallen“ ist“ Diese Tage zwischen dem Ewigkeitssonntag und dem  1.  Advent  sind  besonders.  Ein  Ende  ist  markiert,  liegt  mit dem  letzten  Sonntag des Kirchenjahres hinter  uns. Und ein neuer Anfang steht mit der Adventszeit noch aus; aber doch deutlich vor Augen. Und beides hat mit Licht, mit Kerzen zu tun. In der Mitte zwischen Vergangenem und Zukünftigen spüre ich ein Zögern: Was kommt nun?

 „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.“ – so in Abwandlung ein Slogan von Friedrich von Logau. Es gibt Umbruch- und Krisenzeiten, in denen man nichts falsch machen will. Dann entscheidet man lieber nichts, laviert sich durch und wählt eben den Mittelweg. Getreu dem Motto, dass In der Mitte „holdes Bescheiden“ liege, wie einst Eduard Mörike dichtete. Wurde uns das nicht ins Poesiealbum und damit hinter die Ohren geschrieben? Doch der Mittelweg, „das holde Bescheiden“, führt nirgendwo hin. Man kann in einer schleichenden Resignation sich selbst abhanden kommen. Es gibt Menschen, die ziehen sich gerade in dieser dunkler werdenden Zeit zurück. Und dieses schwingungslose Sein birgt in sich irgendwann unweigerlich den Tod. – Von Gott her geht es mit dem Blick auf die Ewigkeit aber darum, die seelischen und körperlichen Kräfte wieder neu zu beleben, dem Licht entgegen.

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ - so betet der Psalmist (121,1). Und erfährt als neue Spannkraft: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Von dem, dessen Kommen zu uns die Lichter des Advent augenfällig ankündigen. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ (Lk 21,28)   Wer sich so öffnet, den Blick hebt und zum Himmel schaut, der weiß um die eigene Grenze, bleibt zugleich aber auch wach, erwartungsvoll, bereit, Mut zu fassen und sich rufen zu lassen.

Eine solche Haltung wünsche ich uns allen. Denn unsere Erlösung naht!

 

Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 10.11.2015

Wer wissen will, wer er ist,

muss wissen, woher er kommt, 

um zu sehen, wohin er will!

(Jean Paul, 1763-1825)

 

Jean Paul war neben Goethe einer der bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit. Doch er war weder in der Klassik noch im Sturm und Drang einzuordnen. Er blieb in seinen Gedanken richtungsunabhängig und frei. Als modern gilt heute sein Stil: Er inszenierte sein Schreiben als eine Art Journal, verfasste seine Geschichten in Notizen und Skizzen aneinander; ein von vielen Improvisationen charakterisiertes Aufzeichnen, welches das Offene, Zufällige und Zerfließende eines Lebens in den Blick nahm. – Ein heute sehr modern anmutendes Konzept; weshalb Jean Paul gewiss seine wahre Freude an Post-It-Zetteln, SMS und WhatsApp-Nachrichten gehabt hätte – von Facebook ganz zu schweigen.

Das Fragmentarische, die Aus- und Abschweifungen eines Lebens versuchte Jean Paul auch in seinem Schreibstil auszudrücken, in langen, gewundenen, verschnurrten Satzschlangen. Aber da war, bei allem ihm zur Verfügung stehenden Witz und Humor, der oft in eine beißend-satirische Gesellschaftskritik umschlagen konnte, immer auch ein nachdenklich-dunkler Ton;

„Sobald wir anfangen zu leben,

 drückt oben das Schicksal den Pfeil des Todes aus der Ewigkeit ab.“

Sein Lebensanfang lag am 21. März 1763 in Wunsiedel im Fichtelgebirge. Dort wuchs Johann Paul Friedrich Richter, so sein Geburtsname, nach dem frühen Tod des Vaters, eines Dorfschullehrers und Predigers, in Hof bei den Großeltern auf. Ein Studium der Theologie und Philosophie musste er aus finanziellen Gründen abbrechen. Es folgten Schreibversuche und erste kleinere Veröffentlichungen, bis aus dem jungen Autor „Jean Paul" geworden war – die Umwandlung des deutschen ‚Johann‘ ins französische ‚Jean‘ geschah aus Verehrung für Jean Jacques Rousseau. Seither verbrachte Jean Paul, abgesehen von ein paar Reisen und damit verbundenen Ortswechseln, die meiste Zeit seines knapp 62 Jahre währenden Lebens am Schreibtisch mit Träumen.

Doch der bekannte Biograph Günter de Bruyn schreibt über Jean Paul: „Alle mit Fleiß und Eifer aufgenommenen philosophischen Systeme, aller Scharfsinn, alle Verstandeskraft erweisen sich dem in der Kindheit aufgenommenen Glauben als unterlegen. Ohne Gott ist ihm die Welt leer und tot. Ohne Unsterblichkeit der Seele wird das Leben sinnlos, der Mensch ein Nichts.“  -  Jean Paul gebraucht die Vernunft und ist doch ein Künstler in der Beschreibung der Gefühle - auch der religiösen Gefühle. Er durchlebt die Haltung des Atheismus, der für ihn letzter Grund der Amoralität ist, in seinen Romanfiguren, um sich doch in der Dankbarkeit für die Schöpfung und im Vertrauen auf seinen Schöpfer wiederzufinden. Der in meinen Augen schönste Satz in der eben genannten Biographie lautet: „Nur eins konnte er, trotz aller Verführungskünste der Vernunft nicht: den Kinderglauben an Gott aufgeben“. Wohl dem, der so  Kind bleibt wie Jean Paul.

 

An seinem letzten Lebensort Bayreuth angekommen, wo ihn der bei seiner Geburt aus der Ewigkeit abgeschossene Pfeil von nunmehr 190 Jahren am 14. November 1825 traf, war Jean Paul nach seiner lebenslangen Schreibarbeit doch innerlich ein wenig zur Ruhe gekommen. - Jean Pauls Zukunft beschrieb Ludwig Börne in seiner Totenrede: „Nicht allen hat er gelebt. Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er steht aber geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.“

Hinweise Pfarrer Hofius 26.10.2015

Erbarmt euch derer, die zweifeln.  -  Judas 22

Der Monatsspruch für November 2015 erinnert mich an den ungläubigen Thomas, den Zweifler. Er wollte erst sehen und dann glauben. Und Christus nimmt ihn ernst: Thomas darf mit seinen Händen die Wundmale Jesu berühren. So zeigt Jesus ihm seine große Liebe und hilft Thomas, seine Zweifel zu zerstreuen. Dazu nimmt er ihn so an, wie er ist – mit seinen Zweifeln.

Das macht mir Mut, denn ich denke, Zweifel kennen sicherlich alle von uns. Wir zweifeln an Zusagen oder Versprechen, an der Ehrlichkeit von Menschen, an der Aufrichtigkeit von Politikern. Oder wir zweifeln an der Verbesserung der Lage angesichts der vielen weltweiten Probleme … oder der schweren Erkrankung uns Nahestehender. Allzu oft führt das dann auch zu Zweifeln, die unsere Beziehung zu Gott zerstören können, zu Glaubenszweifeln.

Gerade im November, der ja meist ein trüber, dunkler und grauer Monat ist mit seinen traurigen Gedenktagen, überkommen viele oft traurige und dunkle Gedanken. Viele spüren gerade jetzt besonders Einsamkeit oder Verzweiflung. Und keiner sollte so tun, als wäre sein Glaube immer unerschütterlich. Denn Glaube ist keine Leistung und Zweifel ist kein Versagen. Die Bibel erzählt uns an vielen Stellen von Zweifeln im Glauben. Der Prophet Elia hat an Gottes Macht gezweifelt, als er von der Königin seines Heimatlandes Israel verfolgt wurde. Jesu Jünger haben manchmal gezweifelt. In vielen Psalmen schleudern die Beter Gott ihren Zweifel entgegen. Und Gott hält diese Zweifel aus und verstößt den Zweifler nicht.

Im Judasbrief wird im griechischen Urtext für „Zweifel“ ein Begriff verwendet, der anders übersetzt auch bedeutet: „im Streit mit jemandem sein“. Wer zweifelt, ist im Streit mit sich. Er ist in sich gespalten: Sein Glaube und seine Erfahrungen passen nicht mehr zusammen. Und er ist auch im Streit mit Gott: Der Gott, dem er geglaubt hat, passt nicht mehr mit dem Gott zusammen, den er erlebt.

Zweifel gehören dazu; auch zum christlichen Glauben. Aber sie können gefährlich werden, wenn sie zur Verzweiflung werden. Verzweiflung ist Aufgeben, ist den-Glauben-Verlieren, ist sich-von-Gott-Abwenden. Verzweiflung ist lebensgefährlich, wenn sie zur Absage an Gott führt. Denn sie bedroht unser Heil.

Wie also gehen wir mit Menschen um, die zweifeln?

Der Text des Monatsspruches aus dem Judasbrief ruft dazu auf, uns um zweifelnde oder verzweifelte Menschen zu kümmern. Dafür dürfen wir zu Gott beten und ihn darum bitten, uns mit dem Heiligen Geist zu erfüllen, um zu erkennen, wo wir helfen können und wer unseren Zuspruch nötig hat. Auch und gerade wenn es uns im Leben schlecht geht, wenn Gott uns ferner denn je erscheint, können und dürfen wir mit seiner Barmherzigkeit rechnen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott bei uns ist und uns wie Thomas auf unser Angenommen-Sein verlassen. Manchmal übersehen wir Gottes Zuwendung oder erkennen sie nicht als solche. … Da ist und tut es gut, wenn sich jemand unser „erbarmt“; anders übersetzt: Wenn jemand „Mitleid hat“. Wenn da einer mit leidet, das Schwere mit trägt! Zweifel sind Leiden. Menschen in Zweifeln brauchen unsere Begleitung, Ermutigung, Gebet. Durch Zweifel hindurch können wir Gott ganz neu finden. Gott führt uns durch Zweifel hindurch zu einem neuen, veränderten Glauben, zu einer viel tieferen Gotteserfahrung, als wir sie bisher gemacht haben, zu einem neuen, bisher unbekannten Frieden mit ihm. Aber dieser Weg kann steinig sein. Christen, die unter Zweifeln leiden, dürfen auf diesem Weg nicht allein gelassen werden.

Ich denke, dass Gott uns gern gebrauchen möchte, um anderen Menschen wieder Freude am Leben zu geben. Das kann durch ein nettes Wort, einen kurzen Überraschungsbesuch oder durch ein gutes Gespräch geschehen.     Sich anderen Menschen zuzuwenden kann dazu beitragen, Zweifel und Verzweiflung aufzulösen. Es kann helfen, wieder ein positives Lebensgefühl zu bekommen und ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind, dass sich Menschen für sie interessieren.

„Erbarmt euch derer, die zweifeln.“  -  Sagt der, der uns allen in Matthäus 28,20 zusagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ … ‚Immer für dich da‘ steht es auf den Bechern, die wir in diesem Jahr 2015 den Über-70-Jährigen unserer Gemeinde zum Geburtstag schenken. – Eigentlich sollten wir alle so einen Becher haben … jeden Tag aufs Neue!

Hinweise Pfarrer Hofius 26.10.2015

Am Reformationstag erinnere ich gerne an Martin Luther; das ist eine schöne Pflicht. Denn eine  der großen Leistungen des Wittenberger Professors war, dass er die ganze Bibel aus ihren beiden Ursprachen ins Deutsche übersetzt hat. Sprachmächtig hat er den Leuten dabei und dazu „aufs Maul geschaut“ und hat nicht nur für sich selbst grundlegend Neues entdeckt. Er hat einem ganzen Volk die Bibel neu geschenkt. Sein Deutsch wirkte stil- und sprachbildend für Jahrhunderte.

Neben den Briefen des Apostels Paulus hat Martin Luther vor allem immer wieder alttestamentliche Texte ausgelegt. Insgesamt hat er in den 32 Jahren als Hochschullehrer das Alte Testament eindeutig bevorzugt. Denn er liebte die hebräische Sprache; sie, so sagt er einmal „ist die allerbeste und reichste in Worten, (ist) rein, bettelt nicht, hat ihre eigene Farbe.“ (WA TR1,524.21) „Und sonderlich ynn göttlichen heyligen sachen ist sie reich mit Worten, das sie wol zehen namen hat, da sie Gott mit nennet, wo wyr nicht mehr haben  denn das eynige wort, Gott“ (WA DB 10/1, 94).

Das den Menschen in ihrer Sprache nahe zu bringen, das in die jeweilige Lebenssituation hinein zu „dolmetschen“, das war Luthers höchstes Ziel. Dafür ließ er sich tief berühren durch die alttestamentliche Glaubenswelt. So hat Martin Luther in einer Predigt zum Sonntag Invokavit ein besonderes Sprachbild gefunden; ein Bild, welches die spannungsvolle Einheit Gottes, wie sie vor allem das Alte Testament erzählt, deutlich macht: Gott sei „ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“ (7. Invokavitpredigt, WA 10/III, 56,2f.)

Da ist von der Liebe Gottes die Rede, die steht allem voran. Und doch ist das Bild mit dem Ofen mehrdeutig. „Es hat etwas Anziehendes und Behaglichkeit Verheißendes – wie ein Kachelofen; es hält aber auch auf Distanz  – wie eine unerträgliche Feuersbrunst. Es bewahrt davor, den ‚lieben Gott‘ nur einen ‚guten Mann‘ sein zu lassen.“ – so hat es einmal einer meiner Kollege ausgedrückt.

Luther nähert sich dem biblischen Gottesbild so an, wie auch wir es immer wieder versuchen sollten: Daran festzuhalten, dass Gott „gnädig und barmherzig“ ist, ohne zu verleugnen, dass Menschen Gott auch immer wieder als fern und mit seinen dunklen Seiten erleben. Und zugleich steht über diesem allen die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung.

Denkt Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 13.10.2015

Weltweite Aktionswoche für Nahrung

Etwas über eine Woche nach dem Erntedankfest seht in meinem Kalender nun die kirchliche Aktionswoche für Nahrung; diese umfasst den Internationalen Tag der Katastrophenvorsorge (13. Oktober), den Internationalen Tag der Frauen in ländlichen Gebieten (15. Oktober), den Welternährungstag (16. Oktober) sowie den Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut (17. Oktober).

Diese Aktionswoche ist eine Gelegenheit - nicht nur für Christen weltweit, sondern für uns alle - , sich gemeinsam für Nahrungsmittelgerechtigkeit und die Souveränität bei der Ernährung einzusetzen. Nur wenn  wir einander und die unterschiedlichen Probleme wahrnehmen und sehen, können wir gemeinsam handeln, um den Hunger auszurotten, um ausreichende Ernährung zu fördern und nach gerechten und nachhaltigen Nahrungssystemen zu streben!

Von ‚Erntedank‘ herkommend kann unser Blick doch nicht nur auf uns selbst gerichtet sein; sondern er muss doch auch den Anderen, den Nächsten im Fokus haben.  -  Dazu gehört für mich auch, dass wir unser Augenmerk auf die Nachhaltigkeit von landwirtschaftlichen Verfahren und die Situation von Kleinbauern und ihrem Zugang zu den natürlichen Ressourcen wie Land, Wasser und Saatgut sowie die Kontrolle darüber legen.

Denn: Über eine Milliarde Menschen hat täglich weniger als einen Euro (1€) für ihr (Über-)Leben zur Verfügung. Und große multinationale Firmen entziehen mit dem gezielten Aufkauf gigantischer Flächen, dem sogenannten ‚landgrabbing‘ / ‚Landraub‘ der ortsansässigen Bevölkerung den Zugang zu einem selbstbestimmten Leben. – Für mich immer weder überraschend ist, dass das leider nicht erst ein Problem unserer Zeit ist, sondern dass sich das gleiche Phänomen schon im 9. bzw. 8. Jahrhundert vor Christus findet: Im 1.Königebuch des Alten Testamentes wird in Kapitel 21 die Geschichte von König Ahas und Nabots Weinberg erzählt. Ein Lehrstück über den Mut, Mächtigen zu widerstehen. Doch der Preis ist unverhältnismäßig groß: Sein Mut kostet Nabot das Leben.

Weltweite Aktionswoche für Nahrung, für die Beseitigung von Armut, für das Recht auf eigenes Land und Wirtschaften. … Schade, dass wir seit 3 Jahrtausenden das immer noch brauchen! Und gut, wenn uns dieses bewusst wird (und bleibt) … und wir das Unsere zur Verbesserung beizutragen suchen.

Denkt Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 06.10.2015

Zu leben heißt, Ja oder Nein sagen zu können.

 Tot zu sein heißt, von Schweigen umschlossen zu sein.“

Einer der letzten Sätze aus dem neuen … und zugleich letzten Buch des schwedischen Autoren Henning Mankell, der Anfang dieser Woche gestorben ist.

Wer an Henning Mankell denkt, dem fällt sofort ein weiterer Name ein: Kurt Wallander. Der Kommissar ist seine prominenteste Figur, die in zehn Büchern im südschwedischen Ystad ermittelt. Wallanders Fälle sind immer hart und brutal, doch oft angelehnt an die Wirklichkeit: Im ersten und auch im letzten Roman der Reihe dienten Mankell reale Kriminalfälle als Vorlage. In „Mörder ohne Gesicht“ von 1991 wird ein altes Ehepaar auf einem Bauernhof brutal ermordet. Bevor die Frau im Krankenhaus stirbt, flüstert sie Wallander noch zu: „Ausländer, Ausländer.“ – Nur sei hier ob unserer heutigen Situation klargestellt: Sie waren gerade nicht die Täter, sondern … ach, lesen Sie’s lieber selbst! – In „Der Feind im Schatten“ aus dem Jahr 2009 hat es der Kommissar mit einer Serie von Brandstiftungen zu tun. Mit Vorliebe nahm Mankell sich Themen vor, die wehtaten: Zuwanderung und Fremdenhass („Mörder ohne Gesicht“), Polizeikorruption („Hunde von Riga“, 1992), häusliche Gewalt gegen Frauen („Die fünfte Frau“, 1996), die Gefahren der Digitalisierung („Die Brandmauer“, 1997) oder religiöser Fanatismus („Vor dem Frost“, 2002). Vieles dabei ist düster bis deprimierend, selten gönnte Mankell seinen Figuren ein Happy End. Allen voran Kommissar Wallander: Scheidung, Depression, Alkoholismus, diverse gescheiterte Liebschaften - und ganz am Ende Alzheimer. Ja, Hennig Mankell galt nicht umsonst als einer der populärsten Vertreter der düsteren skandinavischen Kriminalliteratur. Einer Kultur jedoch auch, die sich sehr subtil mit dem Menschsein und der Frage nach etwas Höherem, Besserem auseinandersetzt – ohne dass das Wort ‚Gott‘ explizit fiele.

Dabei war Mankell ein Wanderer zwischen den Welten: Der Bestseller-Autor von Thrillern und Kinderbüchern, Theaterregisseur und Intendant, gefeierter Schwede und seit 1972 engagierter Liebhaber das afrikanischen Kontinents. Einige seiner bewegendsten Bücher spielen dort. Denn: „Wir gehören zur gleichen Familie“, erklärte Mankell einmal. „Wir mögen verschiedene Hautfarben haben, aber wir fürchten und lieben die gleichen Dinge.“ Für ihn war mit Blick auf Afrika die wichtigste Erkenntnis, dass dort die Wiege der Menschheit gestanden habe. „Unsere Urmutter war schwarz, daran sollten wir immer denken.“ Seine jüngste Veröffentlichung widmete Mankell seinem Kampf gegen den Krebs. In seinem letzten Buch „Treibsand - was es heißt, ein Mensch zu sein“  setzte sich Mankell sehr persönlich mit den Themen Hoffnung, Angst und Tod auseinander. Und er übertrug die Fragen nach dem Sinn des Lebens dann auch aufs große Ganze: Wie gehen wir alle mit der Erde um, was wird vergehen - und was bleibt? Auf untypische Weise hat Mankell darin eine Art Nachruf auf sich selbst geschrieben.

 

Ich denke es lohnt sich, sich diesen Fragen immer wieder offen zu stellen … und auch eigene Antworten zu finden. Denn „zu leben heißt, Ja oder Nein sagen zu können. Tot zu sein heißt, von Schweigen umschlossen zu sein.“

 

Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 29.09.2015

ErnteDANK

Danken ist das Gegenteil von Ge-danken-losigkeit.

Wer dankt, denkt an den, der etwas gibt.

Danken hat also auch ganz viel mit Antworten zu tun. - Und wer nicht dankt, bleibt diese Antwort schuldig; ignoriert und entehrt den Geber.

Danken macht aber selbst auch dankbar: Ich empfange etwas, was ich mir nicht verdienen, nicht selber erarbeiten kann. - Dankbare Menschen sehen auf das, was sie haben, wofür sie dankbar sind. Der Undankbare schaut auf das, was er nicht hat; fühlt sich vielleicht gar vom Leben betrogen. Er meint, allen anderen ginge es besser, alle anderen hätten mehr vom Leben. … Und dann kommt leicht die Frage auf:

Warum soll ich geben, wenn keiner mir etwas gibt? Solch eine Haltung macht einsam und bitter … und manchmal sogar geizig – wie der Predigttext für das Erntedankfest 2015 zeigt.

Der Dankbare hingegen weiß sich beschenkt; er freut sich über das, was er empfangen hat, und lebt heiterer und sorgloser.

Mit unserem Dank zum Erntedankfest danken wir Gott für die Gaben, die Früchte des Feldes, für alle Nahrung, die wir zum Leben brauchen. Gott hat die Welt gemacht, eine Atmosphäre in der Leben gedeihen kann geschaffen. Er ist der Geber aller guten Gaben. - Doch darin erschöpft sich sein Handeln für und an uns nicht; und auch unser Dank greift zu kurz, wenn wir nur den agrarischen Bereich sehen - so sehr er auch augenfällig in den Vordergrund tritt.

Darum hierbeispielhaft angerissen drei kurze Geschichten, welche die Betroffenen zutiefst dankbar zurückließen:

Eine Frau kommt in der Kirche zu Fall. Blut rinnt aus der Nase. Aber schon sind die ersten aufgesprungen, eilen zu Hilfe, stützen und unterstützen. Eine medizinisch geschulte Person nimmt ruhig und beruhigend die Verletzungen in Augenschein. Andere holen den Verbandkasten; weitere schauen nach der Beseitigung der Rutschgefahr; einer ruft den Notarzt. - „Ich weiß gar nicht, wer mir alles geholfen hat; wie soll ich da ‚Danke‘ sagen?“, so die Betroffene später zu mir.

Ähnliche Geschichte: Auf dem Rückweg aus der großen Stadt mittags am Bahnhof: Der Weg in die Unterführung - nur will der Körper die letzten drei Stufen nicht mehr gehen. Erst am Boden merkt die Betroffene, dass sie gefallen ist. Aber wieder sind Menschen spontan helfend zur Seite; gerade auch die ‚Generation Smartphone‘, die sonst (Gerüchten nach) alles sofort filmt und ins Internet stellt, nicht aber Hand anlegt, gerade die helfen auf, rufen einen Krankenwagen. Unaufgeregt und selbstverständlich, fürsorgend und aufmerksam. - Und die Frau weiß mit ihrem Dank gar nicht wohin … und erzählt’s mir.

Eine dritte Frau – wobei alles auch Männern passieren kann; nur reden die nicht drüber! - : Im Laden die Einkäufe in die Taschen geräumt, beladen zum Auto, heimgefahren … und dort mit Schrecken festgestellt, dass die Handtasche fehlt. Und damit alle wichtigen Dinge: Fahrzeugpapiere, Hausschlüssel, Ausweis, Bankkarte, Krankenkassenkarte, Brille, … und all die ‚Kleinigkeiten‘, die lieb und wert der Beachtung sind; vom Bargeld ganz zu schweigen. – Aufgeregt zurück zum Geschäft, wo die Tasche aber nicht mehr ist. Was nun? – Zum Glück der erlösende Hinweis: Ein Unbekannter hat die komplette Tasche samt Inhalt unangetastet zur nahegelegenen Polizeistation gebracht und dort abgegeben.

Was für ein Segen, dass uns der Geber all des Guten nicht unbekannt ist. Welch ‚Glück‘, dass wir ein Gegenüber haben, dem wir aufrichtige und von Herzen ‚DANKE‘ sagen können. Ihm die Ehre geben für alles, was er uns unverdientermaßen schenkt.

 

Wenn wir durch Gottes schöne Schöpfung laufen, wenn wir einmal bei uns bedenken, was Gott auch uns geschenkt hat - an Gütern und Fähigkeiten, an Freude und an Hilfe -, dann fällt jedem und jeder von uns bestimmt ein Grund ein, Gott zu loben und zu danken.

 

Ja, Danken ist das Gegenteil von Ge-danken-losigkeit

 

Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 22.09.2015

Brücken und Menschen

Die erste Stunde Religion in einer zweiten Klasse – und das am 21. September; am Tag nach dem Weltkindertag. Dazu habe ich das obige Bild gefunden … und zum Ausmalen mitgebracht. Eifrig gehen die Schülerinnen und Schüler ans Werk … und einer kommt dann zu mir, zeigt und erklärt stolz seine Idee: Nicht nur farbig gestaltet hat er, sondern gleich auch Bäume, Fische und vor allem eine ganze Reihe Brücken zwischen den Ländern bzw. Kontinenten hinzugemalt.

„Über sieben Brücken musst Du geh’n …“ kommt mir spontan in den Sinn; in    Lied von  Karat,  einer  der  erfolgreichsten  Bands  der  ehemaligen  DDR (auch  Peter  Maffay hat ihn gesungen).  Seit  Jahrtausenden  bauen  Menschen  Brücken,  um Abgründe,  Flüsse  und  andere  Hindernisse  zu  überwinden,  um  Wege  zu  verkürzen.  Über Grenzflüsse  hinweg  verbinden  sie  Länder  miteinander.  Brücken  ermöglichen  menschliche Begegnungen.  Aber  nicht  nur  das.  Die Brücke  veranschaulicht  auch  die vielfältigen  inneren Erfahrungen  der  Menschen.  Sie  ist  ein  Bild  des  Überganges,  der  inneren  Entwicklung  vom alten Ich zum neuen, veränderten, fortgeschrittenen. Und für noch etwas steht das Bild der Brücke: Für die Überwindung von Grenzen, von dem, was   Menschen   voneinander   trennt.   Wenn   etwa   Freundschaften   und   Beziehungen zerbrechen,  wenn  Schuld  zwischen  Menschen  steht,  wenn  buchstäblich  alle  Brücken eingestürzt sind. – Da muss ich immer wieder an die Brücke von Mostar denken.  - Auch   Parteien,   Staaten   und   Religionen   können   durch   unüberwindbar   erscheinende Hindernisse  voneinander  getrennt  sein.   Dann   werden  Brückenbauer  gesucht,  die  die Verbindungen  zwischen  den  zerstrittenen  Menschen  und  Nationen  wieder  herstellen  und versöhnen.

Ein  solcher  Brückenbauer  war   Jesus  von  Nazareth.   Er  hat Brücken  gebaut  zu  den Ausgegrenzten,  Verachteten,  Armen,  Kranken  und  Schwachen.  Damit  hat  er  gezeigt,  wie das gehen kann, Brücken zu bauen von Mensch zu Mensch. Sie entstehen nicht von selbst, wir müssen etwas dafür tun. Zum  Beispiel  den  anderen  in  seiner Individualität  und mit  seinen  Eigenheiten  wahrnehmen, ihn als anderen gelten lassen, sein Verhalten verstehen lernen, entdecken, was ihn bewegt, was ihn froh oder traurig macht, und nach dem suchen, was verbindet.

Brücken schütten aber die Gräben nicht zu, ebnen auch Unterschiede nicht ein. Sie schaffen Hindernisse  nicht  einfach  weg,  sondern  erkennen etwas Trennendes  an  und  ermöglichen dennoch Begegnung.

Über  Brücken  kann  man  gehen.  Brücken  kann  man  bauen. 

Dazu  benötigen  wir  bildlich ausgedrückt dann:

Die Füße, die aufeinander zugehen,

die Arme, die man einladend ausbreitet,

die Hände, die man sich reicht,

die Augen, die sich treffen,

die Ohren, die man einander leiht,

den Mund, der ein Lächeln übrig hat,

das gesprochene Wort von Mensch zu Mensch.

So Brückenbauerin und –bauer sein zu können, das wünscht Euch, Ihnen und sich

 

Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 16.09.2015

Montag, 21. September 2015 - UNO-Weltfriedenstag

Am 21. September 2015 wird der Internationale Tag des Friedens gefeiert.

Die Jahresversammlungen der UN-Generalversammlung beginnen traditionell am dritten Dienstag im September. Am 21. September 1981, dem Tag der damaligen Vollversammlung, verkündete die Generalversammlung: Dieser Tag solle offiziell benannt und gefeiert werden als Weltfriedenstag (International Day of Peace) und solle genutzt werden, um die Idee des Friedens sowohl innerhalb der Länder und Völker als auch zwischen ihnen zu beobachten und zu stärken. - Am 30. November 1981 wurde dieser Tag, der 21. September, dann in der UN-Resolution 36/67 zum „International Day of Peace“ erklärt.

Die Idee eines solchen Weltfriedenstages ist alt. Schon im 19. Jahrhundert gab es in verschiedenen europäischen Staaten Menschen, die sich sehr für einen friedlichen Umgang zwischen den Staaten einsetzten und dies mit Demonstrationen und Verlautbarungen auch öffentlich machten.

Doch bis heute wird dieser Tag und sein Anliegen leider nur von wenigen beachtet.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) seit 2004 alle Kirchen dazu aufruft, jährlich den 21. September zu einem Internationalen Tag des Gebets für den Frieden zu machen, „als eine Möglichkeit, die Zeugniskraft der Kirchen und Glaubensgemeinschaften den vielen Kräften der weltweiten Bewegung für Frieden und Gerechtigkeit hinzu zu fügen“.

Aber soll man darum schweigen und alles wieder in der ‚Versenkung‘ verschwinden lassen? Gerade in Zeiten wie den unseren, die so massiv von Unfrieden geprägt sind? – Ist es nicht viel eher angezeigt, sich nicht nur einen Tag im Jahr, sondern tagtäglich des Friedens zu erinnern, sich dafür einzusetzen – gerade in dem uns zugänglichen Bereich um uns herum - … und der Würde uns Anerkennung aller zu ihrem (Menschen-)Recht zu verhelfen.

Montag, 21. September 2015 - UNO-Weltfriedenstag … wir brauchen solche (Ge-)Denktage und Merkposten, um nicht noch weiter ins Chaos zu schlittern.

 

Denkt sich Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 08.09.2015

Den artikellosen Slogan „Schule hat begonnen“ kennen wohl viele von uns. Die Deutsche Verkehrswacht wirbt alljährlich mit ihm auf leuchtend-gelben Spannbändern für eine vorausschauende und rücksichtsvolle Fahrweise.

In der kommenden Woche ist’s dann bei uns auch wieder so weit: „Schule hat begonnen.“ Und dann herrscht kurz vor der ersten Stunde und auch nach Schulschluss rund um die Schulen ein reges Treiben. Kinder laufen nach Hause oder werden von den Eltern trotz Spielstraße und eingeschränkter Parksituation mit dem PKW an der Schule abgeholt. In diesem Durcheinander ist es wichtig, dass alle aufeinander Rücksicht nehmen und den Überblick behalten. Gerade die Schulanfänger sind aber mit dem neuen Schulweg noch nicht alle ausreichend vertraut und kennen nicht alle Gefahren, denen sie auf dem Weg nach Hause begegnen können.

Darum dieses „Brems Dich“?

Das Bild hat bei mir die Erinnerung an eine Geschichte der Bibel in Gang gesetzt: Im 10. Kapitel des Markusevangeliums wird auch von Kindern und vom Bremsen gesprochen; sogar vom ‚Anfahren‘. Es geht um den Ärger der Jünger über die Mütter und ihre Kinder. Sie bremsen die Mütter und die Kinder aus, schicken sie sogar weg – nach dem Motto: ‚Ihr habt hier nichts verloren.‘

Doch Jesus wird zornig darüber und ruft: ‚Niemals!‘ Niemals dürft ihr Frauen und Kinder wegschicken. Und darum lässt er sie dann spüren, wie lieb er sie hat:

„Und er nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.“

Wie wäre das, wenn für Euch Erstklässler jeder Schultag so beginnen würde: Papa oder Mama nehmen Euch in den Arm, legen Euch sanft die Hand auf den Kopf und sagen: „Gott schütze dich.“ - Ich denke, das wäre ein guter Beginn für jeden Schultag. … Und wir Älteren könnten einsichtiger auf aufmerksamer sein – und uns beim Rasen und Autofahren und beim vorschnellen Urteilen bremsen.

Ja, „Die Schule hat begonnen“. Und wir alle können noch ganz viel lernen!

 

Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 28.07.2015

Sommerfrische
Ein fast ausgestorbenes Wort kreuzt meinen Weg; und ich mache mich fasziniert auf die Suche:

Wikipedia sagt: „Das Wort Sommerfrische bezeichnet sowohl die jahreszeitliche Übersiedlung aus der Stadt auf das Land als auch den Zielort.“ Und dann ist zu lesen: „Der Ausdruck „Sommerfrische“ hat sich im 19. Jahrhundert verbreitet, heute ist er veraltet. Im Wörterbuch der Brüder Grimm wird der Begriff definiert als „Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“ oder „Landlust der Städter im Sommer“. … Das Wort selbst soll dem Italienischen entstammen, venetianisch spricht man, dass „der einzige zweck des spaziergangs zu sein scheint, frische und kühlung zu suchen. sie sagen nicht 'spazieren gehen', sondern 'prendere il fresco' (kühlung nehmen)“.“ – Ja, ab und an bildet auch das Internet.

Ich selbst verbinde damit Bilder aus der vorletzten Jahrhundertwende und aus Erzählungen meiner Urgroßmutter und meiner Oma: Raus aus der Stadt / dem Dorf in etwas luftigere Gefilde. Ein Bild im konkreten Sinne mag das illustrieren:

 

 Und ich denke an Joachim Ringelnatz (1883-1934), der dazu dichtet:

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,

das durch den sonnigen Himmel schreitet.

Und schmücke den Hut, der dich begleitet,

mit einem grünen Reis.

 

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.

Weil's wohltut, weil's frommt.

Und bist du ein Mundharmonikabläser

Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

 

Und lass deine Melodien lenken

von dem freigegebenen Wolkengezupf.

Vergiss dich. Es soll dein Denken

nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

 

Eine schöne Sommerfrische wünscht Ihnen und Euch Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 21.07.2015

HALT !

Mobilität ist in unserer Welt eine lebensnotwendige Voraussetzung. Wer heute nicht mehr unterwegs sein kann, der oder die hat es schwer im Leben. Diese Tatsache gilt für alle Generationen: Kinder müssen zur Schule fahren - oft eine längere Zeit. Erwachsene müssen zur Arbeit gelangen - oftmals quer durch das ganze Land. Alte Menschen müssen zum Einkaufen immer öfter aus dem eigenen Dorf in den nächsten Ort oder die nahe Stadt. Zwangsläufig sind wir heute ständig unterwegs. Je mehr Mobilität gefragt ist, um so dankbarer sind wir für die Aufenthalte, an denen wir bleiben können. Und wir brauchen solche Haltepunkte, um uns zurechtzufinden.


Ja, wir suchen doch auch Rückhalt, damit wir gestärkt sind für das Leben und für die Fragen des Alltags. Rückhalt, auch ein Gehalt, möglichst nachhaltig. - Das Wort ‚Halt‘ in diesem Zusammenhang signalisiert, wie wichtig und lebensnotwendig es ist, ‚halten‘ zu können. Anhalten, ausruhen, Sicherheit und Zuversicht auftanken. Aber auch aushalten müssen wir manches im Leben: Meist sind es Situationen, in denen wir merken, dass wir nichts ändern können. Ohne einen Halt im Leben wird es ruhelos, hektisch, es führt uns an den Rand der Existenz. Spätestens dann merken wir, dass wir einen festen Halt im Leben brauchen. Einen, nach dem wir uns richten können und bei dem wir uns geborgen wissen dürfen. „Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich“ - so sagt es ein Wort der Bibel aus Psalm 63,8 … und meint damit Gott.

Gottes Hand - das ist ein starkes Symbol. Es ist wie ein Geführt-Werden, wenn wir merken, dass wir im Leben nicht allein unterwegs sind. In manch haltlosen Augenblicken des Lebens tut es gut, um solch eine sicher haltende Hand zu wissen.

Sie kann uns aus den Tälern des Lebens hinausführen, weil wir uns auf Gottes Wort verlassen können. Und sie kann uns in den Sonnenmomenten und Hoch-Zeiten des Lebens erden und daran erinnern, wem wir all das Gute und Schöne zu verdanken haben.

Ich wünsche Ihnen … und mir … immer wieder diese Erfahrung, dass Gott unserem Leben einen festen Halt gibt – gerade auch in den Ferien, wo es für Viele und Vieles kein Halten gibt.


Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 14.07.2015

Je wärmer es wird, je näher die Ferien kommen – in manchen Bundesländern sind sie ja schon da - , desto mehr können wir es im Fernsehen sehen, in der Zeitung lesen oder auch in unserer Umgebung erleben: Immer mehr Menschen zieht es im Urlaub in die Ferne. Sie entdecken auf mehr oder weniger abenteuerliche Weise fremde Länder und Kontinente. Oder fahren mit dem Kreuzschiff auf Routen über das Meer und rund um die Welt.

Übers Meer und auf anderen Wegen kommen seit Monaten jeden Tag auch Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zu uns: Aus Syrien und dem Irak, aus vielen Ländern Afrikas und dem Balkan. Aber sie alle kommen nicht als Touristen, sondern sie sind geflohen vor Krieg und Unterdrückung, Hunger und Not. Fast immer haben sie für ihre Flucht Leib und Leben riskiert und oft ihre Familie und allen Besitz zurück lassen müssen.

Menschen sind unterwegs … und doch sind ihre Bedingungen ganz verschieden.

Sicher, viele von uns wollen gerade in ihrem Urlaub eine Zeit fern ab von den Problemen des eigenen Alltags, die oft genug belastend genug sind. Dennoch: Meine Reise in ein anderes Land sollte nicht dazu führen, dort nur die Schokoladenseiten wahrzunehmen, sondern mich auch sensibel machen und mir die Augen öffnen für die Herausforderungen und Sorgen der Menschen dort. Wenn ich mit aufmerksamem Blick reise, dann bleiben meine Eindrücke nicht nur beschränkt auf das eigene Hotel, die schöne Natur oder die überlieferten kulturellen Schätze; sondern gerade auch die Alltagsbedingungen sind doch spannend und anregend. 

Wer so reist, der kann den Blick dafür schärfen, dass „global denken“ heißt, dass wir uns weder im Urlaub noch hier vor Ort zurückziehen dürfen in schöne, ungestörte Sonderwelten, die nichts zu tun haben mit dem wirklichen Leben … und manchmal eben auch Leiden … der Menschen – dort … wie auch hier.

„Global denken“ heißt wahrzunehmen, dass viele der Flüchtlinge, die zu uns kommen, nicht als Touristen und Urlauber für einige Wochen hier bleiben, sondern vielmehr auf der Suche sind nach einem Zuhause - und dies vielleicht für immer.

In der Bibel heißt es: „Ich war fremd und ihr habt mich freundlich aufgenommen!“ Es muss nicht immer ein Bett sein; manchmal genügt schon ein freundlicher Blick, ein Lächeln oder konkrete Hilfe bei der Suche nach der richtigen Adresse.

Ob ich’s auch tue … ? Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 07.07.2015

„Wie im Himmel …“

… so kann man sich angesichts des sommerlichen Wetters gerade fühlen. Andere Bundesländer haben da schon Ferien; nur wir in der Südschiene müssen noch etwas au die freien Tage warten.

„Wie im Himmel …“, das ist aber auch der Titel eines sehenswerten Filmes, den wir auch schon einmal im Rahmen eines Reformationstages in der Stephanskirche angeschaut haben: Der weltbekannte Dirigent Danyel zieht darin nach einem starken Herzinfarkt zurück. Er geht in das kleine schwedische Dorf seiner Kindheit. Dort findet er einen kleinen Kirchenchor vor und wird schließlich dessen Leiter. Immer wieder kommen ihm Bilder von damals in den Sinn: Ein Feld, in dem er als Junge mit seiner Geige in der Hand von stärkeren Kindern verprügelt wird und alleine dort liegen bleibt. In dem schwedischen Film „Wie im Himmel“ kommt also der kranke Dirigent im Dorf seiner Erinnerungen an. Er begegnet Menschen von damals und vielen liebevollen aber auch skurrilen Figuren. Im Chor nehmen sie ihn als musikalischen und geistigen Leiter an. Eine vertrauensvolle Gemeinschaft entsteht. Zum ersten Mal erlebt Danyel, dass er von Menschen geliebt wird und selbst lieben kann.

Gegen Ende fährt der Chor zu einem Chorwettbewerb nach Salzburg. Der schwedische Chor ist auf der Bühne, aber Danyel kommt nicht, er liegt schwer atmend im Waschraum. Der Chor beginnt schließlich allein, unsicher. Jeder singt einen eigenen Ton, so dass ein sphärischer Klang entsteht. Berührt stimmen die anderen Chöre und Zuschauer mit ein. Im Waschraum hört Danyel diesen Gesang, kann sich aber nicht bewegen. Und dann haben wir Kinobesucher wieder an seinen Erinnerungen teil. Er sieht sich erneut als den kleinen Jungen, der weinend auf dem Feld liegt. Doch diesmal kommt der erwachsene Danyel der Gegenwart ins Bild: Läuft zu dem Jungen, nimmt ihn in den Arm, tröstet und trägt ihn davon.

Diesen Schluss im Film finde ich sehr weise und tröstlich. Danyel kann seine Kindheit nicht rückgängig machen, nicht die gemeinen Kinder und nicht den Tod der Mutter. Aber der erwachsene Danyel steht in der neuen Erinnerung nun dem kleinen bei. Die Erfahrungsbilder von damals werden übermalt.

„Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, schrieb Erich Kästner. Dieser Film beschreibt die Wahrheit dahinter. Erinnerungen sind Teil der Gegenwart. Sie fließen und verändern sich. Die Idee: Der Erwachsene von heute kann dem Kind von gestern beistehen, es ist nicht mehr allein. Oder anders formuliert: Was ich jetzt erfahre an neuen guten Erlebnissen, verändert das innere Gefühl auch des Kindes, das ich in mir trage.

 

„Wie im Himmel …“ - hier auf Erden kann das ein Ort sein mit schönem Gesang, liebevollen Kindheitserinnerungen und dem Gefühl von Weite. – Solch einen Ort wünscht jetzt sich und Ihnen Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 30.06.2015

„Sei ein lebend‘ger Fisch …!“

„Nicht Fisch, nicht Fleisch“ – diesen Spruch kennen wir alle. Und er steht meist für eine Phase im Leben, die wohl alle als sehr schwierig empfinden bzw. empfunden haben; die Rede ist von der sogenannten Pubertät. Gemeint ist damit also der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Verstanden wird dieser Spruch dann so, als ob der Jugendliche nicht wirklich selbst definieren könne, wo er im Leben stehe. Dies bezieht viele verschiedene Bereiche des Lebens mit ein. Zusammenfassend wird dann oft gesagt: Junge Menschen in der Lebensphase der Pubertät sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Das ist wohl wahr … und doch zugleich auch falsch.

Denn: Sind nur  junge Menschen auf der Suche nach der eigenen Identität?

Sind nicht wir alle, ganz egal ob jünger oder älter, darum bemüht, ‚uns‘ zu finden; das eigene ‚Ich‘ zu finden und zu stärken? … Und müssen wir nicht mit zunehmendem Alter erkennen, dass eine einmal gefundene und bezogene Position dann doch im Laufe der Zeit ins Wanken kommt, vielleicht gar von außen zum Einsturz gebracht wird, so dass mir im wahren Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Oder aber ich mich selbst in eine andere Richtung entwickle … und dann neu Position beziehen muss, will, soll?

Je länger ich über dieses recht spontan und blauäugig gewählte Thema des Gemeindefestes für den kommenden Sonntag nachdenke, desto mehr fällt mir auf, wie schillernd und vielschichtig es ist. – Vielleicht haben Sie ja Lust und genug Neugier, sich auch mit auf die Suche und ans Entdecken zu machen. Nicht träge in der Masse dümpeln, sondern quietschvergnügt und quicklebendig mit spannenden An- und Einsichten, mit der gemeinsamen Suche nach Orientierung und Halt.

 

Ich freue mich – auch wenn ich sonst gar kein Fisch-Liebhaber bin – auf möglichst viele bunte Fische allen Alters und aller Größen!   Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 23.06.2015

Halt in dunkler Nacht

Gestern Abend habe ich noch einen Text von Rüdiger Jope gelesen, dem Chefredakteur des Magazins 3E. Er schreibt unter dem Titel ‚1.48 Uhr‘ folgende nette Beobachtung:

„Ich schrecke hoch. Der Radiowecker zeigt 1.48 Uhr. Doch was ist das? Ich lausche ins Dunkle. Weint mein Sohn? Etwas verlangsamt schlage ich die Decke zurück; setze mich auf die Bettkante. Jetzt klingt es klar und deutlich an mein Ohr: ‚Da ist im Dunkeln ein helles Funkeln, da war ein Leuchten in der Nacht. Da war ein Singen, ein helles Klingen, das hat uns alle froh gemacht.‘ [Anm.: Das ist ein steirisches Volkslied zur Weihnacht.]   -  Unser Dreijähriger gibt seinen Kuscheltieren ein Konzert spät nach Mitternacht. Er singt sich das aus dem Herzen, was er tagsüber von seiner großen Schwester aufgeschnappt hat. Die Auftrittszeit ist gewöhnungsbedürftig. Und doch ringt mir dieses klare, selbstbewusste Stimmchen ein Lächeln ab. Joshua braucht Papa offensichtlich nicht. Er singt der Dunkelheit und der Einsamkeit, die ihn umgibt, ein Geborgensein in Gott entgegen.

Ich atme auf. Staunend und ein bisschen stolz auf diese kindliche Bewältigungsstrategie lasse ich mich zurücksinken. Umfangen von den warmen und weichen Daunen summe ich innerlich mit und hänge dem Gehörten nach.  -  Wie reagiere ich in den ‚Nächten des Lebens‘? Was kommt mir über die Lippen, wenn es ‚dunkel‘ ist? Was singe ich den ‚Einsamkeits- und Mitternachtserfahrungen‘ entgegen, die mich aufwecken, ängstigen, bedrängen?“  (3E – 2/2015 – Juni-August – Seite 7)

 

Berechtigte Fragen. Was gibt Halt, wenn die eigene Kraft versagt und die Hände ins Leere greifen? – Der Verfasser kommt im weiteren Verlauf auf Gesangbuch-Lieder und Paul Gerhards „Befiehl du deine Wege …“ (EG 361) zu sprechen. … Und ich erinnere mich freudig und voll Dankbarkeit an Kinder- und Schulgottesdienste, an Kinderbibeltage und Unterrichtsstunden, an Kindergottesdienste und so manche Begegnung, bei denen solcher Halt laut wurde: Neue und alte Lieder, die von der Liebe Gottes singen. Junge Stimmen, die erstaunlich textsicher von dem weitersagen und –tragen, der uns in jeder Sekunde unseres Lebens … und darüber hinaus … in Liebe zugewandt ist.   Und ich denke, das ist nicht nur auf eine spezielle Art des Liedgutes und der Texte beschränkt. Das Bereichernde liegt gerade auch in der Vielfalt, in, mit und aus der heraus und durch die wir alle sprachfähig werden für das Geborgensein in Gott. – Für mich hat das vergangene Wochenende davon wieder mal ganz viel gehabt. Und ich bin froh und dankbar für alle, die auf ihre ganz eigene Weise uns selbst und unsere Kinder und Enkel sprachfähig machen und von Gottes Liebe singen.  D a n k e !      Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 16.06.2015

Einsatz für andere – auch das ist ‚Glück‘

Am vergangenen Wochenende waren wir mit unserer Partnergemeinde Ifta in Waldenbuch bei einem bekannten Schokoladenhersteller. Neben dem Herstellungsprozess war gerade über die positiven Wirkungen der beliebten Süßigkeit eine ganze Menge zu lernen. Das Naschen von Schokolade führt etwa zur Ausschüttung von Glückshormonen. Das Gleiche passiert erstaunlicher Weise, wenn wir uns anderen Menschen zuwenden. Es soll sogar wissenschaftlich nachgewiesen sein, dass die Sorge um Mitmenschen dieselben Hirnschaltungen anregt wie eine Tafel Schokolade. Menschen, die für andere da sind, sich um andere kümmern, sind dabei aber wohl gesünder und glücklicher als solche, die sich mit einer Tafel Schokolade ins stille Kämmerchen verziehen. Denn: Für andere zu sorgen schützt vor Einsamkeit und Depression und beschert ein längeres Leben.

Wer sich ehrenamtlich engagiert, kann das sicher bestätigen. Frauen und Männer, die sich in einem sozialen Bereich für andere einsetzen, sagen oft: Dieser Einsatz bereichert und erfüllt mich. Ich gebe Kräfte und Zeit von mir, bekomme aber auch viel zurück. Eine Frau, die sich ehrenamtlich in der Hospizarbeit engagiert, brachte das mir gegenüber einmal so auf den Punkt: „Sterbende und ihre Angehörigen zu begleiten, fordert mich sehr. Aber ich fühle mich in dieser Zuwendung zu anderen auch immer wieder reich beschenkt.“

Glücksforschung ist eine Erscheinung unserer Tage. Zur Zeit der Bibel gab es das noch nicht. Aber was wirklich glücklich macht, haben die Menschen auch damals erfahren. Jesus spricht davon in seiner Bergpredigt. Er preist die glücklich, ja eigentlich sogar ‚selig‘, die nicht nur ihr eigenes Glück im Sinn haben, sondern auch das der anderen: „Glücklich sind die Freundlichen, denn sie werden die Erde erben. Glücklich sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden. Glücklich sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Glücklich sind die Friedensstifter, denn sie werden Gotteskinder heißen.“

 

Wer sich für andere einsetzt, spürt, dass er etwas bewegen und andere berühren kann.  Gerade dann fühlen sich viele im Einklang mit sich selbst und erfahren Sinn und Glück. Und das strahlt aus und bereichert viele – gewiss nachhaltiger als so manches geteilte ‚Ripple‘ Schokolade.       Denkt Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 09.06.2015

25 Jahre Begegnungen in Ifta und Nebringen

Manch einer reibt sich verwundert die Augen und staunt: Ja, es sind schon 25 Jahre, ein Viertel-Jahrhundert, dass wir in einem wiedervereinigten Deutschland leben! 25 Jahre, in denen wir uns als Partnerschaftskirchengemeinden ohne jedes Hindernis und ohne bürokratische Hürden hin und her besuchen können. Und zwar direkt  besuchen, wo doch vorher wegen des Sperrgebietes, in dem Ifta lag, ‚nur‘ Treffen in der benachbarten Kreisstadt Eisenach möglich waren.

Auch wenn die Partnerschaft Ifta – Nebringen schon seit 1953 besteht, konnte sich nach dem Fall der Mauer am 27. April 1990 eine achtköpfige Delegation aus unserer Gemeinde, darunter zwei Konfirmanden, unter der Leitung von Pfarrer Martin Tuttaß zu einem Dreitagesbesuch auf den Weg direkt nach Ifta machen. – Dieses nehmen wir nun zum Anlass, um jetzt am Wochenende die 25 Jahre der direkten  Begegnung zu feiern: 35 Gäste aus Ifta kommen am Samstag-Vormittag mit einem Bus. Nach einem gemeinsamen Programm mit den Übernachtungsgebern hier in Nebringen werden wir einen ‚bunten Abend‘ im Gemeindehaus feiern, zu dem auch ehemalige Partnerschaftsreisende herzlich willkommen sind.  Am Sonntag feiern wir dann einen gemeinsamen Gottesdienst, den die Kirchenchöre mit gestalten. Und vor der Abfahrt laden wir ab 13.45 Uhr zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken ein; eigentlich war’s in der Stephanskirche geplant, doch wird es nun aus logistischen Gründen ins Gemeindehaus verlegt. Was bleibt, ist der Titel ‚Kirchencafé‘, da auch alle Gemeindeglieder herzlich zu Kaffee und Kuchen eingeladen sind.

Wir freuen uns auf ein gutes und gesegnetes Wochenende. 

Ihr Pfarrer Christoph Hofius. 

Hinweise Pfarrer Hofius 02.06.2015

35. Deutscher Evangelischer Kirchentag

Schlägt man die Zeitung – zumal unsere Lokalpresse – auf, bekommt man dieser Tage sehr unterschiedliche, ja einander widerstrebende Berichte zum Thema Kirchentag zu Gesicht. Die Kritischen werden wohl kaum jetzt gen Stuttgart reisen; und warum kommen die Anderen?

Immerhin reisen über 100.000 Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt zum Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Stuttgart. In mehr als 2.000 Veranstaltungen, Konzerten, Gottesdiensten quer durch die Stadt stehen Themen aus Kirche, Gesellschaft und Politik auf dem Programm. Ich fahre auch hin, nicht nur, weil Stuttgart bei uns ja quasi vor der Haustür ist.

Gerade denen, die das erste Mal am Kirchentag teilnehmen oder mit einer Tageskarte (ja, die gibt’s auch) ‚hineinschnuppern‘, fällt spontan am meisten auf, welch besondere Stimmung auf Kirchentagen herrscht. Die gibt es sonst nicht in unserer Gesellschaft. Die Leute sind total unterschiedlich, gerne auch barfuß in Sandalen, sehr offen, diskutierfreudig und gut gelaunt. Fünf Tage lang machen sie eine Stadt freundlicher. – Eine Stadt, eine Region, die sich für ein Projekt begeistert; und die das über die Grenzen der Konfessionen, Religionen und des Glaubens ‚durchzieht‘. Das macht eine gute Atmosphäre und lädt ein, sich zu informieren.

Das Motto dieses Kirchentages leuchtet uns seit Wochen auf einem knallroten Logo entgegen. „damit wir klug werden“. Im schwäbischen Volksmund werden Schwaben ja ab dem 40. Geburtstag ohnehin klug. Stuttgart scheint der also richtige

Ort für dieses Thema zu sein.

Also: Was müssen wir tun, um klug zu werden?

Die Antwort gibt Psalm 90, Vers 12: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Nicht gerade eine Stimmungskanone für den Kirchentag. Warum sollte ich an mein Ende denken, um klug zu werden?

Andererseits: Dumm ist es nicht, den Anfang und das Ende im Blick zu haben. Ich schätze den einzelnen Tag mehr, wenn ich weiß, dass ich nicht unendlich viele davon habe. - Auch der Kirchentag dauert nicht ewig, sondern genau fünf Tage. Weil ich das weiß, möchte ich die Tage auskosten.

 

Von Psalm 90 gibt es eine eigene Kirchentagsübersetzung. Die macht das noch deutlicher: „Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir ein weises Herz erlangen.“ Ich bin gespannt, was am Mittwoch-Abend auf dem Schlossplatz in Stuttgart beim Eröffnungsgottesdienst Kluges, auf gut Schwäbisch „G‘scheites“, und an den nachfolgenden Tagen bei der Fülle der Angebote dazu gesagt und getan werden wird.

Hinweise Pfarrer Hofius 26.05.2015

Trinitatis

Das Wort Trinitatis ist zusammengesetzt aus den lateinischen Worten „tri" - für ‚drei‘ - und „unitas" - ‚Einheit‘ -, was so viel bedeutet wie "Drei in Einheit". Es wird damit das theologische Dogma der Dreieinigkeit (die von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist in einem Wesen) zum Ausdruck gebracht.

Das Trinitatisfest gibt es erst seit etwa 1.ooo Jahren, wobei es noch über längere Zeit Differenzen darüber gab, ob es überhaupt gefeiert werden solle. Für die protestantische Kirche jedenfalls hat das Trinitatisfest eine größere Bedeutung gewonnen als für die römische Kirche. Es ist das Fest des Glaubensbekenntnisses, und so wurde an diesem Tag das Bekenntnis von unseren Müttern und Vätern im Glauben besonders geehrt durch Gesang und Verlesung der zwei Bekenntnisse, die neben dem Apostolischen Glaubensbekenntnis nur noch in wenigen Gemeinden gesprochen werden, aber auch zu den Bekenntnisschriften der Lutherischen Kirche gehören: Das sog. Nicänum und das Athanasianum.

Nach dem Trinitatisfest beginnt eine Zeit, die oft leider als die „festlose Zeit" bezeichnet wird. Richtig jedoch ist, dass mit dem Trinitatisfest das Kirchenjahr gewissermaßen einen ersten Abschluss erreicht. Während in der 1. Hälfte des Kirchenjahres über die bestimmten Offenbarungen Gottes in der Geschichte nachgedacht wurde, ist Trinitatis das Fest, an dem es um das Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit selbst geht. In der dem Fest folgenden Zeit denken wir darüber nach, wie die christliche Gemeinde den Glauben an diesen dreieinigen Gott in ihrem Leben umsetzt.

Die liturgische Farbe des Dreieinigkeitsfestes ist Weiß als Fest der Herrlichkeit Gottes. - Alle nachfolgenden Sonntage haben dann in der Regel die Farbe Grün - die Farbe des Lebens und der aufgehenden Saat.

 

Gepriesen seist Du, Gott, ewige Güte,

Grund alles Lebens, König der Welt,

Du suchst und Du findest uns.

Am Anfang hast Du das Licht aus der Finsternis gerufen;

in der Fülle der Zeit bist Du erschienen in Christus, dem Licht der Welt,

und vom Feuer des Geistes entzündet, 

hast Du die Apostel berufen, Dich zu bezeugen bis an die Enden der Erde.

Erfülle Deine Kirche mit dem Licht Deiner Gegenwart

und erleuchte uns Augen und Herz

dass wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.

Lass sie uns schauen in Christus Jesus, Deinem Sohn,

dem Abglanz deiner Herrlichkeit,der mit Dir im Heiligen Geist Leben wirkt in Ewigkeit.  A m e n .

Hinweise Pfarrer Hofius 12.05.2015

Anfang kommender Woche ist Pfingsten. Zwei Tage, an denen Kirche quasi ihren Geburtstag feiert. Die Christenheit erinnert sich daran, wie alles anfing: Eine kleine, nach dem Tod und der Himmelfahrt Jesu verwirrte und verunsicherte Gemeinschaft. Erneut haben die Menschen ihr Vorbild und ihren Lehrmeister verloren. Das hat den Anhängern Jesu den Boden unter den Füßen weggezogen. Begeistert und hoffnungsvoll waren sie zu seinen Lebzeiten; sie hatten sich voller Elan mit ihm auf den Weg gemacht, um zu ändern, was zu ändern war. Und sie hatten  Erfolg:  Jesus  konnte  Menschen  mit  seinen  Worten  fesseln  und  mit  seinen  Taten überzeugen. Er hatte ganz einfach Charisma. Aber sie? Was waren sie schon ohne ihn? 

Sie  haben  schon  aufgehört,  an  sich  und vor allem an ihn zu  glauben, als  sie  plötzlich  eine  Kraft  in  sich  spüren. Diese  Kraft  befähigt  sie,  nicht  aufzugeben.  Wenn  Jesus  auch  nicht  mehr  sichtbar unter ihnen  ist,  so  ist  doch  sein  Geist  in  ihnen  lebendig am Werk.  Das  spüren  sie.  Für  sie  markiert Pfingsten  eine  unglaubliche  Kehrtwende  vom  Tod  zum  Leben.  Im  Namen  Jesu  wolen  sie nun wieder Menschen für die gute Sache Jesu gewinnen. Darum machen sie sich begeistert und voller Tatendrang auf den Weg. Sie wollen das weiterführen, was Jesus begonnen hat. Sein Tod soll und darf nicht das letzte Wort haben. Jesus ist zwar tot, aber nicht die Gemeinschaft mit ihm; die ist lebendig und stark. Das spüren sie, wenn sie miteinander Brot und Wein teilen. Das merken sie, wenn sie sich Jesu Worte ins Gedächtnis rufen und davon erzählen. Das verbindet sie untereinander und mit Jesus, als sie - nach zähem Ringen - vier Jahrhunderte nach Jesu Tod ein Glaubensbekenntnis formulieren. Bis heute wird es in unseren Kirchen gesprochen.

Das ist schon etwas ganz Besonderes: Über Jahrtausende hinweg, rund um die Welt sprechen Christen im Gottesdienst ein und dieselben Worte. Eindrucksvoll demonstrieren sie damit, wie sie untereinander verbunden sind. Diese Worte sind wie der Schlüssel zu einem vertrauten Raum – ein Stück Heimat, selbst wenn es in unterschiedlichsten Sprachen gesprochen wird.

Auf manche unserer Zeitgenossen wirkt der Glaube in diesen bekennenden Worten wie eingefroren. Der Schlüssel zu diesen Bildern und Worten ist vielen verlorengegangen; vielleicht auch, weil jeder und jede seinen und ihren eigenen Schlüssel haben möchte, der sehr subjektiv geprägt und gestaltet ist. – Doch die Frage der ersten Christen steht nach wie vor im Raum: Was verbindet uns denn untereinander und mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen … und woran glauben wir gemeinsam?

 

Den Diskurs darüber scheuen wir; bedeutet er doch auch, dass man bereit sein muss, die eigene Position kritisch zu hinterfragen bzw. von außen hinterfragen zu lassen.  -  Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir inzwischen so sehr auf uns selbst fixiert sind, dass wir das Wehen des Geistes Gottes gar nicht spüren; ja, dass wir uns mit unseren Wurzeln lieber im Betonklotz unserer vorgefertigten Meinungen festkrallen und untergehen, als die Flügel der Seele aufzuspannen und vom Geist Gottes dorthin tragen zu lassen, wo er uns will uns braucht.  -  Darum: VENI, CREATOR SPIRITUS – ‚Komm, Schöpfer Heiliger Geist‘; komm, ‚Geist, der lebendig macht‘ (wie der Apostel Paulus schreibt): Reiß uns Menschen aus dem Üblichen und Gewohnten heraus und lass uns dem nachspüren, für das und für den es sich wirklich zu leben lohnt.            Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 12.05.2015

„Ein jeder kann kommen ... “

Wenn das nicht eine schöne Einladung für alle Kinder in die Kinderkirche ist! Bei uns in Nebringen sind seit Anfang des Jahres alle Kinder parallel zum Sonntagsgottesdienst in die Kinderkirche eingeladen. Der Start ist immer gemeinsam um 10°° Uhr in der Stephanskirche. Gemeinsam mit den Erwachsenen starten auch die Kinder im Gottesdienst und bleiben in der Regel bis nach dem Eingangsgebet  in der Kirche. Erst danach zieht die Schar zusammen mit mindestens 2 Kinderkichmitarbeiter/innen in den Anbau bzw. ins nahe Gemeindehaus um. Dort findet dann die eigentliche Kinderkirche statt.

In der Kinderkirche gibt es auch eine eigene Liturgie. Dazu gehört natürlich nochmals ein Begrüßung, Lieder und eine spezielle Geschichte, die Verdeutlichung durch das Gespräch sowie eine Bastel- oder Spieleinheit zur Vertiefung. Gebete, das Vaterunser und der Segen zum Schluss runden die Kinderkirche vollständig ab, bevor der Weg zurück in die Stephanskirche führt.

„Ein jeder kann kommen …“ – diese Einladung steht – für die Kinderkirche ebenso wie für den Erwachsenengottesdienst. Nur leider kommen gar nicht so viele, wie eigentlich bei der Zahl der Nebringer Gemeindeglieder kommen könnten. … Also alles nur ein ‚alter Zopf‘, den es abzuschneiden gilt?

Im Zuge einer ‚ecclesia semper reformanda‘ (stets zu reformierenden Kirche), gilt es den Gottesdienst und auch den Kindergottesdienst immer wieder auf seine „Attraktivität“ hin kritisch zu hinterfragen und den Bedürfnissen der Menschen und gerade auch der Kinder im Rahmen der Evangeliumsverkündigung anzupassen. Aber grundsätzlich gilt: „Wir müssen aufhören, uns des Reichtums zu schämen, der uns in Gestalt des [Kinder-]Gottesdienstes anvertraut ist. Der [Kinder-]Gottesdienstbesuch mag noch so gering sein. Wir sollten davon ausgehen, dass schon das Angebot eines [Kinder-]Gottesdienstes ein in unserer Welt sich ganz und gar nicht von selbst verstehender Reichtum ist." – so der Theologe Gerhard Ebeling zum Gottesdienst.

Denn wir müssen uns doch klar machen: Der Kindergottesdienst ist in einer Kirche, die für die Säuglingstaufe eintritt, einer der klassischen Bausteine des Gemeindeaufbaus. Wer hier mit seinen Bemühungen um die Erneuerung der Gemeinde einsetzt, muss nicht erst völlig neue Strukturen neben die alten setzen, sondern kann Vorhandenes ausbauen. – Deshalb bin ich als Pfarrer froh darum und dankbar dafür, dass ein engagiertes Team junger Mitchristen sich des Kindergottesdienstes / der Kinderkirche angenommen hat. Sie sorgen mit Bewegungsliedern und Gebet, spannenden Geschichten aus der Bibel, Spielen und kreativem Umsetzen der biblischen Botschaft für einen kindgerechten Gottesdienst. Die Kinderkirche ermöglicht es den Kindern nicht nur, ihren Kinderglauben zu feiern, sondern auch mit anderen Kindern ihre Freude, ihre Hoffnung, ihre Liebe und ihre Sorgen zu teilen.

Gestärkt und getröstet von Gott, begleitet und behütet vom Segen Gottes – so sollen und dürfen auch schon die Kinder in ihre Woche gehen. 

Ihnen das nicht vorzuenthalten haben wir als Eltern und Paten in ihrer Taufe versprochen.

Darum: Alle sind herzlich eingeladen – und wer sich nicht alleine traut, der darf gerne auch ein weiteres Familienmitglied mitnehmen, denn bei uns gilt: „Ein jeder kann kommen ...“.                              

 

Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 05.05.2015

In der DDR wählte man nicht, man ging „Zettel falten“ – 1989 hatte die Farce ein Ende

Freie, geheime Wahlen gab es in der DDR nicht, denn es wirde nicht über einzelne Kandidaten verschiedener Parteien abgestimmt sondern über eine alternativlose Einheitsliste mit Kandidaten der Nationalen Front. Die Zustimmung zu dieser Liste wurde durch die Abgabe des unmarkierten Stimmzettels ausgedrückt. Wer „wählen“ ging, betrat in der Regel kurz das Wahllokal, um Wahlbenachrichtigung und Personalausweis vorzuzeigen und dann einmal schnell den Stimmzettel zu falten und in die Wahlurne einzuwerfen. Der Volksmund prägte daher den Begriff „Zettel falten“.

Doch im Frühjahr 1989 waren SED und Stasi nervös: „Streng internen Hinweisen zufolge beabsichtigen feindlich-negative, oppositionelle Kräfte (...) am Wahltage öffentlichkeitswirksame, provokatorisch-demonstrative Aktivitäten durchzuführen“, heißt es in einem Bericht des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) vom 21. April 1989. Die Wahlen standen kurz bevor.

Und dann passierte am Wahlabend nicht nur in Berlin, Dresden und Leipzig, sondern zum Beispiel auch im kleinen Ort Sangerhausen am Südostrand des Harzes Folgendes, wie Pfarrerin Margot Runge auf ihrer Internetpräsenz queerpredigen.wordpress.com  berichtet:

„Sonntag, 7. Mai 1989, 18 Uhr. Der Wahlleiter in der Berufsschule schnaubte: eine Mutter mit zwei Töchtern wollten die Stimmauszählung beobachten! In Sangerhausen! Er versuchte, die drei des Raumes zu verweisen. Aber sie ließen sich nicht abwimmeln, die Auszählung sei schließlich öffentlich. Die Urnen wurden geöffnet, die Zettel sortiert. Ja, ungültig. Nein-Stimmen waren nicht vorgesehen. Es gab nicht einmal Kästchen zu Ankreuzen. Wer mit „Nein“ stimmen wollte, musste jeden Namen einzeln durchstreichen, sonst galt die Stimme als ungültig. Das musste man erst einmal wissen! Trotzdem, es gab etliche Gegenstimmen.

Die Frau passte genau auf. Der Wahlhelfer vor ihr protokollierte weniger Nein-Stimmen, als sie gezählt hatte. Sie reklamierte. Wutschnaubend wurde nachgezählt und korrigiert. Doch was der Wahlleiter telefonisch weitermeldete, erfuhr sie nicht.

Die Kommunalwahlen in der DDR von 1989 wurden flächendeckend gefälscht. Kritische Leute beobachteten die Wahlen und verglichen ihre Zahlen mit den offiziellen, vor allem in Großstädten. Es gehörte viel Mut zu so einer Aktion.

Die Frau in Sangerhausen hatte keine Gruppe, die ihr Rückhalt gegeben hätte. Sie hatte große Angst, verhaftet oder verhört zu werden. Trotzdem hatte sie das Gefühl, so handeln zu müssen. Sie hat den Mut aufgebracht, ganz allein.“

Manchmal muss man ganz alleine aufstehen und für die Wahrheit einstehen. Und das auch gegen Anfeindungen von außen. – 26 Jahre sind das nun in Hinblick auf diese Wahlen in der DDR her, die quasi den Anfang vom Ende markieren; mehr als ein Vierteljahrhundert schon, und doch ein hoffentlich noch vielen präsentes Lehrstück zur Kostbarkeit freier Wahlen, zur freien Meinungsäußerung und zum Demokratieverständnis.

Machen doch auch wir ohne Angst und achtsam-aufmerksam Gebrauch von den uns zustehenden Rechten und Möglichkeiten der Beteiligung!

 

Erinnert sich und Sie Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 28.04.2015

„Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.“

Dieser 13. Vers aus dem 4. Kapitel des Philipperbriefes ist der Monatsspruch für Mai.

„Alles vermag ich …“ – ein stolzer Satz; zumal, wenn er von jemandem stammt, der als Gefangener hinter Gittern sitzt. Denn Paulus sitzt im Gefängnis; und er ist auch sonst nicht frei von Schwäche, Krankheit, Versagen und Zweifeln.

Und doch sagt bzw. schreibt er: „Alles vermag ich …“ – als einen zutiefst demütigen Satz. Denn  er  steht  nicht  allein.  Er wird  begründet. Und  auf diese Begründung kommt  es  an: „… durch ihn, der mir Kraft gibt.“ Gemeint ist Jesus Christus.

Es  ist  also  kein  plumpes Selbstvertrauen,  das  sich  hier  ausspricht. Es  ist  kein  Zweckoptimismus  nach  dem  Motto: Irgendwie stehen wir das schon durch. Und zugleich steht dahinter auch kein jämmerliches Sich-Verkriechen nach dem Motto: ‚Der Herr wird’s schon richten.‘

Der apostolische Satz „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“, dieser Satz stellt mich, stellt uns vor die Frage: Von wem lassen wir uns stark machen? Wer richtet uns auf? Wer verleiht uns Haltung, wenn wir hin und hergerissen sind zwischen Abhängigkeit und Vertrauen, zwischen Geld und Glauben, zwischen Konsum und Verzicht? - Paulus benennt und bekennt ohne Umschweife, dass er die Wechselbäder seiner Existenz nur hat aushalten können durch die Kraft, die Jesus Christus ihm geschenkt hat. Dieses Vertrauen hat ihn erfahren lassen, dass die Kraft Gottes vor allem im Schwachen, also in der Erfahrung von Mangel, mächtig ist.

Als  glaubende  Menschen dürfen und sollen wir aber gerade  davon  Gebrauch  machen. Freilich: Es ist dabei völlig klar, dass es sich hier um eine verliehene Macht und Stärke handelt. Um Recht und Vollmacht also, die man sich nicht selbst geben kann. Sondern sie werden gegeben, geschenkt, erworben durch Jesus Christus, so dass wir nicht zum ohnmächtigen Opfer der Verhältnisse werden … und’s auch nicht sind. In diese Rolle schlüpfen wir nur allzu gerne, wenn uns etwas nicht gelingt. Doch Paulus verbaut sich … und uns … mit seiner Haltung diesen Weg der ständigen Selbstentschuldigung.

„Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“, und darum können wir uns dem Wesentlichen zuwenden: Können uns als Christenmenschen in einer entchristlichen Gesellschaft bewähren und nicht davon ablassen, die Werte des Glaubens in der jüdisch-christlichen Tradition zu leben, ohne die gerechtes, friedliches Zusammenleben auf Dauer kaum möglich sein wird. Es gilt weiter die Stimme des Glaubens in den öffentlichen Diskurs über das interreligiöse Zusammenleben hörbar werden zu lassen. Es gilt weiter für Gerechtigkeit zu streiten und ganz praktisch zu leben, dass jeder Mensch ein Geschöpf des einen Gottes ist, mit Recht und Würde gesegnet. Es gilt weiter die reformatorischen Errungenschaften, die Verbindung von Glauben und Bildung und Musik, zu kommunizieren.

So ist die eigentliche Frage, vor die uns der Monatsspruch für Mai 2015 stellt, diese: Lassen wir unser Tun, unser Reden und Handeln, lassen wir unser Leben bestimmen von äußeren, positiven wie negativen Bedingungen? Lassen wir die Angst vor Mangel, vor Einschränkungen, vor schwierigen Aufgaben in uns so groß werden, dass wir die Mitte unseres Glaubens aus den Augen verlieren? … Oder können wir mit einem Martin Luther King bekennen:

 

‚Komme, was wolle, Mangel oder Überfluss, Hunger oder Sattsein – wir vertrauen der großen segnenden Kraft, die Gott heißt. Wir bleiben der Sache Jesu treu. Denn durch ihn vermögen wir auch die sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen zu ertragen, ohne uns von ihnen total abhängig zu machen …und ohne sie zu rechtfertigen.‘  -  Solches Vertrauen, solche Gelassenheit, solchen Glauben wünscht Ihnen und Euch und sich  Ihr / Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 23.04.2015

 Alles hat ein gutes Ende – auch das Böse

„Ach, was muss man oft von bösen

 Kindern hören oder lesen!

 Wie zum Beispiel hier von diesen,

welche Max und Moritz hießen ...“ – so beginnt bei Wilhelm Busch seine „Bubengeschichte in sieben Streichen“. Max und Moritz werden in diesem Jahr 15o Jahre alt.  Witwe Bolte, Schneider Böck, Lehrer Lempel und Onkel Fritz, der Zuckerbäcker und der Bauersmann – sie alle mussten unter den Streichen von Max und Moritz leiden. Schließlich machte man kurzen Prozess mit den beiden und schickte sie „rickeracke mit Geknacke“, durch die Kornmühle.

„Und im ganzen Ort herum, ging ein freudiges Gebrumm:

 Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei mit der Übeltäterei.“

Ich fand das als Kind immer etwas gruselig. Einige Biografen vermuten: Wilhelm Busch hat mit Max und Moritz vieles aus seiner eigenen Kindheit verarbeitet. Er selbst muss aber das genaue Gegenteil seiner beiden Helden gewesen sein: Ein scheues, zartes Kind. Mit neun Jahren wurde er vom Vater beim Onkel einquartiert. Der Platz zu Hause reichte nicht mehr aus.

Mit „Max und Moritz“ setzte Wilhelm Busch ein scharfes Gegenbild zu dem damals üblichen Ideal vom reinen, gehorsamen Kind. Wie fast alle seine Kinderfiguren sind Max und Moritz aggressiv und bösartig. Denn Busch war davon zutiefst überzeugt: Der Mensch ist von Natur aus böse.

Dem möchte ich mich – trotz manch gleichlautender Erfahrung – als Grundtenor nicht anschließen. Denn sind wir alle nicht zuerst Gottes Geschöpf und sein Ebenbild?! Und trotzdem ist der Mensch an und für sich zu beidem fähig: zum Guten und zum Schlechten. Aber wir sind nicht für immer festgelegt auf einen Punkt; auf die dunklen Punkte unserer Biographie. Nach allem, was zuvor an Zorn, Zank und Vergehen geschildert wurde – bei Max und Moritz … und auch in der Bibel - , ist das Schlusswort Gottes: „Siehe, ich mache alles neu“. (Offenbarung 21,5)     Gott sei Dank!

Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 14.04.2015

Wir gratulieren … und freuen uns mit …

… über die Neugestaltung der Ortsmitte Nebringen.  Und das soll, so war’s auf dem Titelblatt der letzten Ausgabe der Gäufeldener Nachrichten zu lesen – jetzt am Wochenende gefeiert werden.

Was braucht’s, um gut leben zu können? Was macht ‚Lebensqualität‘ aus? – Viele denken zunächst an den Leib … bzw. dann schnell an den Laib. Gut, dass da die Bäckerei Seeger bereitsteht, um so manchen Hunger mit Brot, Backwaren und Kuchen zu stillen. – Aber „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Matthäus 4,4); auch, wenn es in vielen Gegenden der Welt das Grundnahrungsmittel schlechthin ist.

Im wahren Sinne ein „Lebensmittel“: Ein Mittel, das unser Überleben sichert.

Damit bin ich gedanklich bei der anderen Seite der Lebens- und Überlebenssicherung (und auch der Sindlinger Straße): Denn was bzw. wo wären wir ohne Arzt bzw. Ärztin in fußläufiger Erreichbarkeit? Und wo ohne den Zugang zu entsprechend hilfreichen Medikamenten bzw. wohltuenden Dingen? Gut, dass mit der Praxis von Frau Doktor Ruth Nahas und der Gäu-Apotheke von Renate Mayer und Ingrid Flemming-Schumacher sowie deren Teams kompetente und einfühlsame Menschen ihren Dienst am Nächsten tun.

Brot und Mittel zum Leben, das ist das eine; aber das Wort Jesu geht noch weiter:

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort …“. Damit wechsle ich gedanklich erneut die Straßenseite … und lande bei den Angeboten der Volkshochschule sowie bei der Ortsbücherei: Worte in Fülle und bunter Vielfalt. Angebote, die jedermanns (und –fraus) Geschmack zu treffen vermögen. Von daher in der Nachbarschaft zur Bäckerei eine weitere gute Kombination.

Doch hier Schluss zu machen, wäre auch angesichts von Matthäus 4,4 zu kurz gegriffen; der Ausspruch Jesu hat nämlich einen betonten und zu betonenden Abschluss:  „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“, sagt Jesus.    Aber wem der Magen knurrt oder wen eine Krankheit in die Knie zwingt, wer dabei dann nach ‚leichterer‘ Kost sucht, der spürt oft nicht den Hunger der Seele. Diesen „Gotteshunger“, wie Dorothee Sölle es nennt. Diesen leidenschaftlichen Hunger nach Gottes Nähe, nach einer geistigen Heimat. Die Sehnsucht nach seinem tröstenden Wort, seinem Segen. Gotteshunger gehört zum Leben wie das tägliche Brot.

Wie gut, dass Jesus dann bei Johannes spricht: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Und er verspricht: Ich bin euer Brot für die Welt, und ich stille euren Hunger nach Gott.

Spätestens seit Luthers Katechismus wissen wir: Das tägliche Brot, um das wir im Vaterunser bitten, beinhaltet alles, was wir zum Leben brauchen. Hand aufs Herz. Wenn wir ehrlich sind, ist das eigentlich nicht viel: satt werden. Darum geht es doch. Satt an Leib und Seele. Jesus zeigt uns den Weg dahin. Wir sollten öfter seinem Vorbild folgen und miteinander essen, das Leben und die Gemeinschaft mit- und untereinander begehen, feiern. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus - und lädt uns bestimmt nicht zufällig zu sich zum Essen ein. Denn nicht nur Liebe geht durch den Magen; auch der Glaube. Das wussten die ersten Christen genau.

Denn das Christentum ist zuallererst eine Mahlgemeinschaft. In Jesu Geist miteinander essen und trinken. Alles gerecht teilen. Und dabei miteinander reden: über Gott und die Welt. Das ist Gottesdienst. Denn danach wüssten wir, was uns wirklich satt macht - an Leib und Seele!

 

Und darum gratulieren wir … und freuen uns mit … als Kirche, als Christinnen und Christen mitten in Nebringen in der (2o12) neugestalteten Stephanskirche.

Hinweise Pfarrer Hofius 07.04.2015

Das Beste kommt zum Schluss

„Das Beste kommt zum Schluss“, das ist nicht nur der Titel eines sehenswerten Filmes. „Das Beste kommt zum Schluss“, das ist auch und gerade Ausdruck einer Hoffnung, Ausdruck des Glaubens.

Ostern, das Fest der Christen, wird von vielen müde belächelt. Denn die Macht des Todes scheint ungebrochen. Der Tod hat so viele Gesichter wie eh und je. Die zahlreichen Gräber sind der beste Beweis. Und die Steine darauf oder davor sind schwer. Tot, das heißt aus und vorbei. Da sind Tränen und Schweigen. Der Untergang einer Welt. Das Ende.

Oder vielleicht doch nicht? Der Pfarrer und Dichter Lothar Zenetti hat einmal formuliert: „Winzig sind die Argumente des Lebens gegen den Tod.“ Doch mögen sie noch so winzig sein, es gibt sie. Sie sind einfach nicht totzukriegen. Und das hat seinen Grund. Lothar Zenetti selbst sagt es so:

Sie zählten dich unter die Missetäter.

Sie beschlossen deinen Tod.

Sie gruben dich ein.

-

Doch es ging auf die gefährliche Saat,

das unzerstörbare Leben;

das brachte den Stein ins Rollen.

-

Sie wollten dich unter die Erde bringen

Aber sie brachten dich unter die Leute.

Es war alles fast schon perfide geplant. Man war sich ganz sicher: Tot, das ist aus und vorbei. … Aber bis heute gibt es keine Ruhe. Die Pläne sind durchkreuzt und die neue Saat ist aufgegangen: Das Leben ist unzerstörbar. Und hartnäckig hält sich der Glaube: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Er ist nur der Doppelpunkt hinter dem Leben hier auf Erden. Das Leben ist nicht aus und vorbei.

Mögen die Argumente gegen den Tod noch so winzig sein. Sie halten sich. Ja, das Beste kommt zum Schluss: Das Leben. Auf den Gräbern Verstorbener katholischer Konfession erinnert daran oftmals eine Kerze am Grab: Ein winziger Lichtstrahl im Dunkel der Trauer; oftmals nur ein Flackern, das trotz allem die Nacht des Todes erhellt. - Darauf ist der Tod nicht vorbereitet - bis heute nicht.

„Das Beste kommt zum Schluss“, das ist für mich viel mehr als nur der Titel eines wunderschönen Filmes, der sich mit den letzten Dingen beschäftigt. Es ist die Zuversicht: Sie wollten Dich, Jesus von Nazareth, Sohn Gottes, unter die Erde bringen; aber sie brachten Dich unter die Leute. Denn Gott hat in Deiner Auferstehung ‚Ja‘ gesagt zum Leben. Und das bleibt auch für mich, für uns nicht ohne Folgen: Denn es gibt eine Hoffnung, die jede Dunkelheit erhellt.

Opferaufruf:

Das Opfer am Sonntag Quasimodogeniti  (12. April) wird für gesamtkirchliche Aufgaben in der Evangelischen Kirche in Deutschland erbeten.
Im Sommer 2017 - dem Sommer des Reformationsjubiläums - finden in der Lutherstadt Wittenberg mehrtägige Konfi-Camps statt. In großen Zeltlagern erleben Konfirmandinnen und Konfirmanden dort Gemeinschaft im Glauben und Ermutigung für ihr Leben in den Ortsgemeinden.
Die Konfirmandengruppen werden in Wittenberg unter anderem durch ältere Jugendliche betreut. Diese jungen Ehrenamtlichen haben eine Schlüsselfunktion für das Gelingen der Camps. Für ihre Vorbereitung und Schulung erbittet die EKD Ihre Gabe.
Jesus Christus spricht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12). Auf diese Zusage vertrauen wir.
Dr. h.c. Frank Otfried July
Landesbischof

Hinweise Pfarrer Hofius 31.03.2015

Gründonnerstag – Karfreitag – ja, doch, das mögen Tage sein, die einem vielleicht noch etwas sagen; Tage, mit denen man eine ‚Geschichte‘ verbindet.

Aber der Karsamstag ?  Das ist so ein besonderer Tag - irgendwie dazwischen; nicht mehr Karfreitag, aber eben auch noch nicht Ostern.

Theologisch wird dieser Tag (leider) kaum beachtet; für viele verbinden sich nichts mit ihm, weshalb er dann umgangssprachlich schon gerne in den ‚Ostersamstag‘ umgemünzt wird. Aus meiner Sicht sollte man ihm deshalb mehr Gewicht verleihen. 

Es ist der Tag, an dem alles vorläufig zur Ruhe gekommen ist. Die Frauen sind von Golgatha wieder nach Hause gegangen. Jesus ist begraben worden. Es ist Sabbat, Tag der Ruhe, Friedhofsruhe. Nach all den Aufregungen der Karwoche, nach dem grausamen Tod Jesu am Kreuz … kommt man jetzt erstmals zum Durchschnaufen und zu so etwas wie „Ruhe“. Doch der Schmerz meldet sich unaufgefordert. Empört über den Tod eines Unschuldigen, der wie ein Verbrecher hingerichtet wurde, bleiben die Trauernden zurück. „Wie konnte das geschehen? Jesu Leben, sein Glaube, der Anbruch von Gottes Reich mitten unter uns - alles umsonst und vorbei?“

Am Karsamstag ist es geboten, dem Schmerz, der Empörung, der Wut über alle Ungerechtigkeit in der Welt Raum und Zeit zu geben. Jesus am Kreuz: In seinem Schicksal erkenne ich grausam getötete Geiseln des IS wieder; ich höre die Schreie von Flüchtlingen, die im Mittelmeer ihr Leben verlieren; ich sehe Opfer von Missbrauch und sexueller Gewalt, auch im Raum der Kirche.

Gehen wir doch darüber nicht hinweg; sprechen wir nach dem Karfreitag nicht zu schnell von der Osterfreude, vom Sieg des Lebens über den Tod. Harren wir im Schmerz des Karsamstags aus, schauen wir hin, wie die Opfer leiden. Fordern wir nicht Vergebung in Situationen, die wir uns in keiner Weise ausmalen können. Setzen wir uns dafür ein, dass das erlittene Unrecht gehört und gesehen wird und dass den Opfern Gerechtigkeit widerfährt.

Um Gott auch in der Welt des Todes zu entdecken, da braucht’s mehr Zeit als nur diesen einen Tag, den Karsamstag. – Aber dieser Tag möge uns daran erinnern, uns immer wieder an die Seite der Opfer zu stellen, um ihre Trauer, ihre Wut, ihre Empörung, ihre Resignation mit auszuhalten. Er möge uns ermutigen, auch und gerade dann, wenn Gott weit weg scheint und nicht zu spüren ist, nach ihm zu fragen und ihn um die Kraft zu bitten, weiter hoffen zu können auf den Christus, auf das Licht, auf dass es Ostern werden möge in und für uns. 

Hinweise Pfarrer Hofius 27.03.2015

Der „unbequeme Märtyrer“, „Held der Befreiungstheologie“

Monsenor Oscar Arnulfo Romero war und ist für den zentralamerikanischen Staat El Salvador eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte.

Vor 35 Jahren, am 24. März 1980, wurde der Erzbischof von San Salvador ermordet, als er gerade am Altar in der Krankenhauskapelle „La Divina Providencia“ steht. Plötzlich bleibt ein roter VW vor der Kapelle stehen, ein Mann schießt durch die offene Tür, Romero wird tödlich getroffen und bricht am Altar zusammen.

62 Jahre war er alt: Geboren am  15. März 1917. Mit 13 Jahren kommt er ins Internat, mit 20 studiert er Theologie am Priesterseminar der Jesuiten. Das Studium schließt er in Rom ab, kehrt aber schon bald zurück in seine Heimat, um dort als Priester zu wirken. Nebenher arbeitet er als Journalist für Kirchenzeitungen.

Erstaunlich: Er wird als Wunschkandidat des damals herrschenden Generals Molina und des Vatikans für das Amt des Erzbischofs von San Salvador gehandelt: Man sieht in ihm den Garanten eines guten Einvernehmens von Klerus und Politik.

Viele Jüngere wissen es gar nicht, und wir Älteren vergessen so schnell: Das gesellschaftliche Klima im El Salvador der späten 1970-er Jahre ist erdrückend. Es herrschen politische Unterdrückung und Gewaltaktionen gegen Arbeiter, Bauern und gegen unbequeme katholische Geistliche. Folter und Mord durch Todesschwadronen sind an der Tagesordnung.

Als ein Freund Romeros, ebenfalls Priester, ermordet wird, und es nach einer getürkten Präsidentenwahl zu einem Massaker an Demonstranten kommt, setzt beim neuen Erzbischof ein Umdenkprozess ein:  Romero wird die soziale Not um ihn herum deutlich, die Ungerechtigkeit, die Unterdrückung. Die Kirche definiert er von nun an als „Anwältin der Armen“. Er ergreift Partei – als Kirchen- wie als Pressemann: Seine Predigten werden über das Radio verbreitet.

Dieses Engagement für die Armen und Unterdrückten trägt ihm Todesdrohungen ein. Und seine Gegner werfen ihm vor, sich nicht genug von der aufkommenden linken Guerilla abzugrenzen.

Am 23. März 1980 hält Erzbischof Romero in der Kathedrale von San Salvador seine letzte Predigt. Darin thematisiert er eingehend Gräueltaten des Militärs an Zivilisten und appelliert eindringlich an Angehörige der Streitkräfte, nicht länger unmoralischen Befehlen Folge zu leisten. Wörtlich heißt es darin: „Die Kirche, Verteidigerin der göttlichen Rechte und von Gottes Gerechtigkeit, der Würde des Menschen und der Person, kann angesichts dieser großen Gräuel nicht schweigen. Wir fordern die Regierung auf, die Nutzlosigkeit von Reformen anzuerkennen, die aus dem Blut des Volkes entstehen! Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen jeden Tag lauter zum Himmel steigen, ersuche ich euch, bitte ich euch, befehle ich euch im Namen Gottes: Hört auf mit der Repression!“

Nur einen Tag später fallen die tödlichen Schüsse.

Zu seinem Begräbnis kamen 200.000 Menschen. Scharfschützen zielten auf die Menge, vierzig Menschen starben. - Der Mord an Oscar Romero bildete dann den Auftakt zu einem Bürgerkrieg in El Salvador, der rund 75.000 Todesopfer forderte und der erst 12 Jahre später durch Friedensvereinbarungen beendet wurde.

Schon 35 Jahre ist das her; von manchem bereits vergessen. – Aber die Worte der Predigt haben auch heute noch ihre Berechtigung … an viel zu vielen Orten dieser Welt. – Was mich nicht verzweifeln lässt, das ist u.a. das Wort Jesu, das über dieser Woche steht: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Matthäus 2o,28)  -  Unbequem auch er. Ein Märtyrer – in gewisser Weise auch. Ob die Bezeichnung „Held der Befreiungstheologie“ passt – ich weiß es nicht; eher doch: Unser Erlöser! – Gott sei Dank!

Hinweise Pfarrer Hofius 20.03.2015

Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir!

Höret, so werdet ihr leben!

Beim Propheten Jesaja im Alten Testament (Jes 55,3) findet sich dieses erstaunliche Versprechen: Durch das Hören zum Leben!

Sicher hat er etwas gewusst von diesem besonderen Organ. Das Ohr setzt uns in ganz eigener Weise in Beziehung zu der Welt um uns. Das Auge schafft Distanz, das Ohr Nähe. Das Ohr transportiert Worte, Wellen, ja Welten in uns hinein. Es ist die Brücke zwischen außen und innen, der Weg zu dem, was wir Seele nennen.

Erstaunlich schon seine äußere Form (drehen Sie einfach mal eben diese Ausgabe der Gäufeldener Nachrichten um 180 Grad und wagen Sie ein Bilderrätsel – wenn denn das Bild nicht wieder einmal so unbedeutend und mickrig irgendwo lieblos an die Seite geklatscht ist) : Was erkennen Sie? Wie sieht das aus?

Ich finde, es sieht aus wie ein auf den Kopf gestellter Embryo.

Damit zusammenhängend das für mich Erstaunliche seine Entstehung: Wenige Tage nach der Befruchtung, schon mit 0,9 Millimeter, beginnen sich beim Embryo Ohransätze zu bilden. Bereits nach vier Monaten ist das Hörorgan komplett (!!) entwickelt. Alle anderen Teile des Körpers wachsen bis zum 19.oder 20. Lebensjahr. Während der werdende Mensch noch in allen seinen Funktionen auf die Mutter angewiesen ist, kann er selbst doch sehr bald schon hören!

Der erste Schritt zu sich selbst und damit zu seiner Persönlichkeit, seiner Einzigartigkeit, beginnt hörend.

Unsere eigene Schöpfungsgeschichte fängt im Ohr an. Am Anfang war das Ohr – eben, um das Wort zu hören, könnten wir in Anlehnung an das Johannesevangelium sagen. Und ergänzen: Am Anfang und Ende war das Hören. - Die moderne Sterbehilfe hat erforscht, dass der Hörsinn als letzter erlischt. Ich höre auf, absolut verstanden, heißt: Ich sterbe. Gleichzeitig aber meint Aufhören - und darin liegt eine Chance, ja ein Geschenk: Auf etwas hören, hin hören, hineinhören. Eben wie es Jesaja sagt:

 

„Höret, so werdet ihr leben.“   -  Darauf sollten wir öfter hören; meint Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 11.03.2015

Der Chor der Vögel ist wieder zu hören; Tag für Tag wird ihr Konzert mehrstimmiger. Die Bäume knacken vor Wachstum, wenn der Frühling kommt. Überall erwacht neues Leben. Und das Frühlingserwachen bringt einen Tuschkasten voller Farben mit. Es ist dann, als ob das schneeweiße Licht des Winters sich in seine Spektralfarben bricht ins leuchtende Gelb der Forsythien oder in die vielen Pastelltöne der Krokusse, Tulpen,  Magnolien. Später der Flieder. Und bald gibt’s auch wieder Schmetterlinge.

Das Wort „Psyche“ für ‚Seele‘ heißt in seiner griechischen Urbedeutung „Schmetterling“. Die Seele sei also leicht und beweglich, meint die griechische Sprache. Zart und schön und voll bunter Farben.

Vielleicht war es so ein Frühlingstag, von dem diese biblische Geschichte erzählt.

Als die Leute gekommen waren. Im saftigen Gras saßen sie. Zwischen Basaltblöcken. An Hängen auf dem Feld. Zwischen Butterblumen und blauen Vergissmeinnicht. Und Jesus redete. Und er sprach: „Macht euch keine Sorgen um euer Leben – was ihr essen und trinken sollt. Oder um euren Körper – was ihr anziehen sollt. Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken? Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung? Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte in Scheunen: Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ (Mt 6,25f)

Vögel – Blumen, … Schmetterlinge … und wir Menschen. – Und manch einer stand nach der Bergpredigt Jesu auf und ging als ein Anderer. Denn für ihn war das Leben nicht mehr das, was es vorher noch war. Sondern fröhlicherr, hoffnungsvoller, leichter, lachender.

Ob Jesus gelacht hat? – Ich denke: Ja, ganz sicher. Er hat gelacht, geweint und gelacht. Wir müssten in unseren Kirchen auch Bilder davon haben. Denn er hat gerne gelebt. Er schenkte Blinden das Staunen über bunte Farben. Und Tauben das Lachen über das erste Zwitschern der Vögel. Und wer gebeugt war, den richtete er wieder auf.

Die kommenden Wochen sind die große Zeitenwende: Zwischen Winter und Frühjahr. Das Leben kann Farben annehmen. Und ein Verstehen kann einziehen, dass das das Ende von Angst, Verzagtheit und Trauer ist.  Damit die Seele wieder leicht wird wie ein Schmetterling und es sich durch Gottes Tun und Lieben gut sein lässt.

Hinweise Pfarrer Hofius 03.03.2015

Was mich bewegt … - tagesaktuelle Gedanken

Da schlage ich heute früh - am Dienstag 3. März - die Zeitung auf … und lese mit zunehmender Verwirrung zwei Artikel im Gäuboten über die Quartiersuche des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Stuttgart (3.-7. Juni) respektive über die Nicht-Annahme des Angebotes muslimischer Gemeinden zur Öffnung von Moscheen als Massenquartieren.

Für Stuttgarts Stadtdekan Sören Schwesig war die Geste der Muslime Anfang Februar sehr willkommen. „Kirchentage stehen ja in der Tradition, dass sie den interreligiösen Dialog pflegen. Das wird auch in diesem Jahr zwischen Muslimen und Christen stattfinden.“ Das Angebot der Mitbürger muslimischen Glaubens könne diesen „wichtigen gegenseitigen Lernprozess“ fördern. - Wenn Muslime ihren christlichen Mitbürgern ein Zuhause auf Zeit anböten, könnte in dieser Woche etwas Entscheidendes passieren: In dieser Zeit sprechen Menschen unterschiedlicher Religionen miteinander – nicht übereinander. Genau das ist Schwesig wichtig: Der direkte Austausch, in dem aber auch Grenzlinien gezogen werden: „Es ist ganz wichtig, dass in diesen Dialogen kein Mischmasch entsteht. Es muss deutlich werden, dass man zwar anders glaubt, aber dennoch viel voneinander hören will. Darauf freue ich mich.“

… Und warum dann nicht in Moscheen? – Die nur zu verständliche Antwort für alle, die schon einmal auf einem Kirchentag oder einer anderen mehrtägigen Großveranstaltung waren: Wegen fehlender Duschen. – Ja!, denn sonst ist’s olofaktorisch (sprich: vom G’schmäckle her) nicht auszuhalten; zumal, wenn es so wie in den Vorjahren um den Junibeginn herum wieder wunderschön warm und sonnig wird.

… Und was bewegt mich nun? – Mich bewegt und ärgert, dass die Berichterstattung des Gäuboten und der Stuttgarter Zeitung genau das tut, was eigentlich vermieden werden sollte; Sie versucht, einen Keil in unsere Zivilgesellschaft zu treiben; versucht, dem Dialog zu wehren; versucht, das Unverständnis füreinander und das Kopfschütteln übereinander wieder stärker werden zu lassen.

Ganz anders hatte es Kamal Ahmad, der Sprecher der Ahmadiyya Muslim Jamaat Stuttgart, Anfang Februar bei seinem Angebot von Schlafplätzen gesagt: „So etwas ist doch selbstverständlich. Denn die Gastfreundschaft hat im Islam einen hohen Stellenwert. Sie gilt unabhängig von der jeweiligen Religionszugehörigkeit eines Gastes.“ Und weiter sagte er: „Beide Religionen haben mehr Verbindendes als Trennendes. Wir haben viele gemeinsame Werte.“ – Und gerade die sollten wir betonen und hochhalten … und nicht von der Presse zerreden lassen!

Hinweise Pfarrer Hofius 24.02.2015

Brot und Fisch … und ein Tisch

Tabgha heißt der Ort am Nordwest-Ufer des Sees Genezareth, der seit dem vierten Jahrhundert mit der „Wunderbaren Brotvermehrung“, der „Speisung der Fünftausend“ in Verbindung gebracht wird. – Vor gut ¼-Jahrhundert durfte ich dort zu Gast sein und konnte mehrfach an Andachten in der „Brotvermehrungskirche“ teilnehmen, die 1982 geweiht wurde - wiedererrichtet auf den Grundmauern und im Stil einer konstantinischen Basilika. Anfang des 7. Jahrhunderts zerstört und verschüttet, war sie vergessen worden - bis vor etwa hundert Jahren zufällig einige der Bodenmosaiken wiederentdeckt wurden.

Das berühmteste Motiv dieser Mosaiken befindet sich in der Mitte, vor einem Felsen, der aus dem Boden herauswächst. Es zeigt zwei Fische und einen Korb mit runden Broten, die wie die Pitta aussehen - das Fladenbrot, das es überall in Israel und Palästina zum Essen gibt. Schaut man genau hin, so stellt man allerdings fest, dass nur vier Brote im Korb zu sehen sind. Wo ist das fünfte Brot?

Wer genau hinschaut und nachdenkt, … der entdeckt dann über dem Felsen einen Tisch; einen Abendmahlstisch, einen Altar. Und damit ist die Antwort dann klar: Das fünfte Brot ist das eucharistische Brot, das auf dem Altar über dem Felsen gebrochen wird. Es ist der Leib Christi, ist Christus selbst, der sich uns im Abendmahl, in der Eucharistie zur Speise gibt, damit wir leben können. So spannt sich ein Bogen von der „Wunderbaren Brotvermehrung“ über das Letzte Abendmahl Jesu bis hin zu der Gemeinde, die sich heute um den Altar versammelt.

Denn diese Gemeinde gibt es: Neben der Kirche leben einige Benediktinermönche, die zur deutschsprachigen Abtei „Dormitio“ in Jerusalem gehören. Sie wollen an dieser „heiligen Stätte“ die „Brotvermehrung“ in die Gegenwart hineinholen. Und so entstand neben einem überschaubaren Pilger- und Gästebetrieb Anfang der 80er-Jahre in Tabgha die „Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte“, die zwischen Kloster und Seeufer gelegen ist. Jedes Jahr kommen dort mehrere hundert Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammen: Sogenannte ‚Behinderte‘ und Nicht-Behinderte, aus Israel, Palästina und auch Deutschland, Christen, Juden und Muslime. Sie teilen für einige Tage diesen friedvollen Ort. Sie teilen  ihr Leben und teilen sich etwas von ihrem Erleben mit. Sie übersetzen das Gleichnis des Miteinander-Teilens, das Jesus hier initiiert hat, in unsere Zeit.

So kann in Tabgha immer wieder neu die Erfahrung gemacht werden, dass, wenn alle teilen, genug für alle da ist. Und die Erfahrung, dass das Gemeinsame, das alle Menschen verbindet, größer und stärker ist als das Trennende. – Das lässt einen nicht los; und das können wir alle immer wieder erfahren in der Feier des Abendmahles, der Eucharistie – im Teilen der Gaben und im teilenden Anteilgeben und –nehmen.

Hinweise Pfarrer Hofius 10.02.2015

Einladung zum … oder Ausladung vom Abendmahl ?

Die Reaktionen auf die Abendmahlsfeiern der letzten beiden Sonntage, an denen ich empfangend oder austeilend teilnehmen durfte, haben mich nicht losgelassen.

‚Abendmahl‘ ist für Pfarrer/innen ein Thema, über das es so manche Skurrilität und lokale Absonderlichkeit zu berichten und zu bedenken gibt. All die seltsamen Aspekte möchte ich Ihnen aber hier und heute ersparen … und „nur“ auf einige Frage kurz einzugehen:

Abgelöst von der theologisch-exegetischen Diskussion finde ich persönlich es gut und richtig, dass inzwischen in vielen Gemeinden bei der Verwendung von Wein (mit Alkohol) und Traubensaft (ohne Alkohol) abgewechselt wird.  -  Dieses kann kombiniert werden mit der wechselnden Verwendung von (großen) Gemeinschaftskelchen und (kleinen) Einzelkelchen. – Bei den essbaren Bestandteilen des Abendmahles steht man häufig vor der Alternative von Brot, das gebrochen wird oder schon in mundgerechte Stücke zerteilt ist, oder von Hostien, die ganz glatt oder auch mit Motiv geprägt sein können.

Nur: Wie verfahre ich bei Wein mit Personen, die keinen Alkohol vertragen? Was ist mit Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – vor dem Gemeinschaftskelch ekeln? Und was ist mit dem Brot in einer zunehmend allergieanfälliger werdenden Gesellschaft, in der Zöliakie offensichtlich auf dem Vormarsch ist? Ganz zu schweigen von der Frage, ob man nun lieber das Brot isst und aus dem Kelch trinkt („Trinker“), oder das Brot bzw. die Hostie in Händen hält und dann in den Kelch eintunkt („Tunker“).

Beim Kollegen  Heiko Kuschel, Pfarrer in Schweinfurt, habe ich gelesen: „Man nehme einfach zwei Kelche. Nacheinander gehen zwei Personen mit je einem Kelch herum. ‚Vom ersten wird getrunken, beim zweiten darfst du tunken.‘ Wie schön: Alle lebensgefährlichen Situationen sind mit einem kleinen Kniff im Handumdrehen abgewendet.“ Aber dann merkt er selbst an:  „Das ist nicht ganz konsequent zu Ende gedacht. Was ist mit denen, die gar keinen Wein zu sich nehmen dürfen oder wollen? Sollte man ihnen nicht auch Traubensaft anbieten? Natürlich auch wahlweise zum Trinken und zum Tunken. Also:

            ‚Vom ersten wird getrunken,

             beim zweiten darfst du tunken.

             Als drittes kommt der Traubensaft,

             nach Saft zum Tunken ist's geschafft.‘“

Ja, ich gebe zu (und er tut’s auch), das ist nicht ganz ernst gemeint; aber es zeigt die Problematik, vor der wir als Kirche angesichts immer weiter voranschreitender Diversifizierung und Differenzierung stehen.

Für mich als Theologen ist die schlichte Tatsache der Einladung an den Tisch des Herrn schon staunenswert genug und Grund zu großer Freude und Dankbarkeit. –Wäre es da nicht einfacher und würdiger, man feiert das Abendmahl einfach ganz normal, und wer eins von den Elementen nicht verträgt oder mag oder Angst hat, seine Glaubensgeschwister anzustecken, der lässt dieses Element aus? Oder nimmt gar ‚nur‘ betend und singend an der Feier teil? – Und wenn man dann im Jahresverlauf abwechselt zwischen Wein und Traubensaft, dann müsste eigentlich auf Dauer alles klar gehen.

Überlegt und denkt im Moment Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

 P.S.: Noch eine Anmerkung:

In der Regel wird das Abendmahl mit den Spendeworten „Christi Leib - für Dich gegeben!“, „Christi Blut – für Dich vergossen!“ persönlich ausgeteilt. – Zur Bekräftigung und Bestätigung dieser Aussage  antwortet der Empfangende meist mit „Amen“. – Eher unüblich und daher irritierend ist „Danke“, „Mahlzeit“ und „Prost“.

Hinweise Pfarrer Hofius 03.02.2015

Kirche besteht aus einem seltsamen Material:

Sie ist gebaut aus „lebendigen Steinen“, so sagt es die Bibel im 1. Petrusbrief.

Das ist ein Bild, das eigentlich gar nicht passt. Ein Stein ist „sowas von tot“, unbeweglich, starr. „Stein“, das ist ja gerade der Inbegriff von etwas, das felsenfest ist, unverrückbar, sozusagen für die Ewigkeit geschaffen. Wenn etwas „in Stein gemeißelt“ ist, dann ist es unveränderlich.

„Lebendig zu sein“ – das ist genau das Gegenteil davon. Da ist Bewegung drin, Dynamik. „Lebendige Steine“ sind laut Bibel die Menschen, aus denen Gemeinde, aus denen das „geistliche Haus“, die Kirche gebaut wird. Und die ändern sich tatsächlich ständig - durch die Jahrhunderte und Generationen hindurch. -  Auch heute gehen (leider) manche weg, andere kommen hinzu, suchen sich ihren Platz, bringen neue Begabungen und Ideen mit. So kann sich das ganze Gebäude verändern und anders geprägt werden. Das bedeutet auch, dass der Bau nie abgeschlossen ist, dass man immer irgendwie auf einer Baustelle lebt. Das ist nicht unbedingt angenehm, heißt aber: Alle können mitgestalten und umgestalten.

Wenn die Bibel dieses seltsam schräge Bild von den „lebendigen Steinen“ benutzt, dann sind wir damit auch gewarnt, nicht zu versteinern. Ein steinernes Herz und eine versteinerte Religion ist unbeweglich und macht krank. Weder die Welt noch die Gemeinde ist monolithisch, also aus einem einzigen Stein. Alles besteht aus vielen verschiedenen Steinen, muss sich zusammenfügen, auch wenn das manchmal reibt und zu Spannungen führt. Die Bibel warnt davor, im Glauben das zu tun, was doch ein menschliches Bedürfnis ist, nämlich feste Häuser zu bauen, als Trutzburgen gegen Veränderung und Vergänglichkeit. Wenn der Glaube zu einem starren System festgeschrieben wird, dann ist da nichts mehr lebendig. Wer zu sehr auf das feste Fundament starrt und nicht mit lebendigen Steinen darauf aufbaut, der landet eben im Fundamentalismus.

Aber wie kann man bauen mit einem so seltsamen Material, das nur darin beständig ist, dass es sich immer verändert? Mit lebendigen Steinen. … Doch einen Fixpunkt muss es geben, und den gibt es auch: den Eckstein.

Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Wenn ein Gewölbe gebaut wird, dann müssen die Steine, die in der Schräge sind, ja nicht mit Mörtel verbunden werden, sondern sie stützen sich gegenseitig. Und im Endeffekt hält alles der Schlussstein zusammen. Dieser Eckstein ist - im Bild gesprochen - Jesus Christus. Der hält die lebendigen Steine zusammen und macht das unmögliche Bild möglich: Kirche, die fest und verlässlich steht und doch - hoffentlich - lebendig bleibt.

Hinweise Pfarrer Hofius 20.01.2015

Die Ereignisse der letzten Wochen in Paris und dann in der Folge in weiten Teilen der Welt lassen mich überlegen, ob’s spätestens jetzt Zeit wird, einem alten Klischee gerecht zu werden, und als Christenmensch – zumal protestantischer Provenienz – zum Lachen in den Keller zu gehen. Oder anderes herum: Müssen Glaubende diejenigen fürchten, die die Menschen zum Lachen bringen wollen? Denn Lachen und Humor sind in der Lage, die starren Denkgebäude der Menschen, seien sie von Philosophie, Politik oder Religion bestimmt, zum Wanken zu bringen und sie zu verändern. Christlicher Glaube aber fühlt sich nicht wohl in starren und phantasielos errichteten Denkgebäuden aus dogmatischem Beton. Christlicher Glaube lebt von Veränderung, mindestens von der Hoffnung darauf.

Schlaue bibelfeste Christen belehren uns dann schnell, dass in der Bibel kaum gelacht wird. Und wenn, dann lacht Gott über den Sieg über die Heiden. Oder es heißt, „wenn die Gefangenen Zions erlöst sein werden, dann wir ihr Mund voller Lachen sein“. Und messerscharf wird daraus geschlossen: Noch sind wir nicht erlöst, dann haben wir hier auch nicht (oder: nichts) zu lachen! - Doch ein genauso bibelfester Christ könnte dagegen halten, dass in der Bibel sehr oft von der Freude und auch vom Lachen die Rede ist, auch der Freude unter den noch nicht endgültig erlösten Christen. Kann man sich Freude ohne Lachen überhaupt vorstellen? Kann man sich  vorstellen, dass Jesus, von dem es heißt, er wäre gerne bei Festen und Feiern dabei gewesen, dass der dort mit bierernstem Gesicht gesessen hätte? Wohl kaum.

Denn der Mensch muss 43 Muskeln bewegen, um finster zu schauen, aber nur 17, um zu lächeln. Lachen ist also viel weniger anstrengend und energieaufwendig als unzufrieden und ernst zu blicken. Darüber hinaus ist Lachen gesund. Lachen lässt die Anzahl der Killerzellen ansteigen, haben vor einigen Jahren Wissenschaftler herausgefunden. Dagegen mindert negativer Stress die Abwehrfunktion des Körpers. Durch Lachen kommt es zu einer vermehrten Sauerstoffaufnahme in den Lungen. Die Sauerstoffaufnahme soll während des Lachens drei bis viermal so hoch sein wie bei einem ernsten Menschen. Die Durchblutung wird verbessert und der Kreislauf stabilisiert. 

Wenn Lachen so gesund ist und wir uns zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde bekennen, der unser Heil will, müssten wir nicht gerade mehr lachen; und zwar bewusst miteinander, und auf gar keinen Fall übereinander. – Dabei die jeweilige ‚Schmerzgrenze‘ zu sehen und zu wahren, das ist meines Erachtens auf jeden Fall angesagt; nur gilt eben auch zu beachten, das nicht immer die Masse entscheidet, ob etwas ‚gerade noch angemessen‘ oder ‚schon weit jenseits‘ ist. Denn dann hätte der u.a. Dieter Hildebrandt zugeschriebene Spruch „Leute, esst Scheiße, denn zehn Million Fliegen können sich nicht irren!“ ja recht.

Ich weiß: Menschen lachen gerne. – Auch wenn es in einem pietistischem Erbauungsbuch aus dem 19. Jahrhundert heißt: „Christus hat nicht gelacht, daher soll ein Christ auch nicht lachen!“ – Woher wissen die das? - Ähnliche Sprüche gibt es seit Anfang der Christenheit. Und im Mittelalter hatten fanatische Mönche große Probleme mit einem Buch des damals hochgeschätzten Philosophen Aristoteles über das Lachen. Buch und Film „Der Name der Rose“ zeigen ihren Versuch, dieses Buch zu vernichten, zur Not auch um den Preis, sich selbst dabei mit in den Tod zu reißen. 

Das Argument dieser frommen Männer: „Lachen tötet die Furcht, und wenn es keine Furcht mehr gibt, wird es keinen Glauben mehr geben.“ Ungezügeltes Lachen zeige fehlende Gottesfurcht. Als Zeichen von Demut galt deshalb weithin, nicht in lautes Lachen auszubrechen.  Was für ein schreckliches Gottesbild steht hinter solchen Aussagen: Gott, der Gerechte, den man fürchten muss. In dieser Welt gibt es für Christen nichts zu lachen. Lachen gehört zur Sünde, zur Unzucht, zum Abfall. 

- Wirklich? – Oder ist es nicht so, dass Lachen denen feind wird, die meinen oder behaupten, die ‚Macht‘ zu haben; weil Lachen herrschaftsfeindlich ist, weil es die Autorität untergräbt, die sich nur auf Macht gründet. Wahre Autorität dagegen vermag laut und herzlich zu lachen - auch über sich selbst.

Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 13.012015

„Ein glückliches und gesundes neues Jahr!“ 

Wie oft haben Sie das bis jetzt zur Mitte des ersten Monats Verwandten, Freunden und Bekannten gewünscht? „Ein gutes neues Jahr“, das ist ein stimmiger Wunsch; zumal, wenn’s eben allgemein-politisch gar nicht so gut losgegangen ist. Aber beim Aspekt der „Gesundheit“, da komme ich nach den Erfahrungen in den letzten zwei Wochen des vergangenen Jahres und in den ersten zwei Wochen diesen Jahres schon ins Schleudern. Ist es denn nicht so, dass dieser Wunsch Kranke und deren Angehörige oder Freunde zusätzlich belastet?

„Hauptsache gesund“, wie mag dieser Ausspruch wohl bei Menschen ankommt, die genau wissen, dass sie eben nicht mehr gesund werden. – Aber Kranke sind doch nicht Menschen zweiter Klasse. Sie brauchen kein Mitleid, sondern eine Umgebung, die sie so akzeptiert, wie sie sind. Sprachlosigkeit und Angst machen es ernsthaft Erkrankten doppelt schwer. Zimmern in Krankenhäusern fehlt viel zu häufig eine Prise Charme. Patienten, Angehörige und Freunde erleben das Ambiente eher als bedrückend und als „klinisch“, im wahrsten Sinne des Wortes. Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft sind da nicht anders. Wohl dem, der in einem solchen Haus, einen Gesprächspartner findet; eine Schwester, einen Pfleger, eine Ärztin - ohne Druck, mit genügend Zeit an einem würdigen Ort. Es ist ein Skandal, wenn Krankenhäuser den ‚Charme‘ von medizinischen Montagehallen verströmen, mit zu wenig Personal und zu wenig Zeit. In solchen Häusern wird um die Gesundheit der

Patienten gerungen, aber um den Preis, dass die Seele aller Beteiligten droht krank zu werden. Es ist höchste Zeit, solche Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Die christlichen Kirchen betonen die unteilbare Würde des Menschen. Sie ist begründet in der Überzeugung, dass in jedem Menschen Gottes Ebenbild deutlich wird. Aber diese Würde bezieht sich eben auch auf Kranke und auf ihr Recht, so viel Lebensqualität wie möglich gestalten zu können und genießen zu dürfen.

„Hauptsache gesund“, nein, das kann’s und darf’s nicht sein. Wesentlicher ist doch die Zusage, dass es keine Rolle spielt, ob ich nun krank oder gesund bin. Egal wie’s mir geht, ich habe so oder so ein Recht darauf, wahrgenommen, ernstgenommen, betreut und versorgt zu werden. – Ja, ein ‚Recht‘, weil ich ein von Gott geschaffener und geliebter Mensch bin; so oder so. Also „Hauptsache Mensch“, das ist entscheidend.