Gedanken Pfarrer Hofius 20.12.2016

Was wirklich zählt an Weihnachten

Ich sitze gerade am Schreibtisch und an diesen Zeilen, denke nach über Zahlen und Kontrolle, über Menschen, die andere beherrschen und bestimmen, die deren Wert oder ‚Unwert‘ und die Nützlichkeit der anderen ausrechnen wollen. Nicht nur damals vor über 2.ooo Jahren bei Augustus und Herrschern der Vergangenheit war das so. Das kennen wir auch heute. Aber soll das so sein? Muss das so sein? Ist das menschenwürdig? Ist das im Sinne Gottes?

Ich sitze also da und denke nach – auch über den Kommerz und das Vergnügungspotential unserer Gesellschaft, als die Nachrichten aus Berlin sich überschlagen: Weihnachtsmarkt, LKW, mindestens 12 Tote, unzählige Verletzte. – Das Stichwort ‚Anschlag‘ macht sofort die Runde. Oder doch „nur“ ein grausam-tragischer Unfall? Innenminister Thomas de Maizière äußerte sich am späten Abend zum Ereignis vom Breitscheidplatz. „Meine Gedanken sind jetzt bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzen des schrecklichen Vorfalls.“

Das, was ich ‚nebenher‘ im Fernsehen und Internet aufschnappe, sieht professionell und sehr opferorientiert aus. Kaum Bilder von Panik … und zum Glück auch jetzt, um Mitternacht, noch keine allzu plumpe und direkte Schuldzuweisung.

Aber ich überlege: Wir gehen auf Weihnachten zu; die Feiertage kommen … und bald auch der Jahreswechsel; und ich frage mich: Was zählt wirklich? Was ist tatsächlich wichtig? Worauf bauen wir … und worauf bauen wir auf? -  Wir suchen  die Antworten auf diese Fragen genauso wie viele Menschen damals und heute. Wir wünschen uns, dass es trotz aller Ereignisse in der Welt ‚da draußen‘ und in unserem nächsten Umfeld für uns Weihnachten wird. Wir wollen etwas spüren von dem Wunder der Heiligen Nacht. -  Und das besteht - zumindest damals - nicht in großartigen Geschenken; zumindest nicht in solchen, die viel Geld kosten.

Da geht es doch um Hoffnung und Vertrauen. Um zwei Menschen, die sich trotz widriger Situation auf den Weg machen; ohne vorher zu wissen, wie’s werden wird. Es begegnet ihnen Ablehnung … aber auch Unvoreingenommenheit und Rücksicht. Standesdünkel sind da völlig fehl am Platz: Rauen Naturburschen mit angeblich zweifelhaftem Ruf … wird der Zutritt zum Stall und zur Krippe nicht verwehrt. Oder ist Josef nur von der Reise, Herbergssuche und Spontangeburt völlig überfordert? Ich glaub’s nicht. Ich denke: Freundlichkeit zählt für ihn mehr. Und es ist etwas Besonderes um dieses Kind in der Krippe: Die Geringen sind wichtig. Und die Mächtigen spielen keine Rolle mehr. Die immer alles zu sagen haben, werden stumm

… und die Stummen trauen sich den Mund aufzumachen.

Sollte da nicht auch mein / unser Herz fröhlich springen zu dieser Zeit, in der vor lauter Freude alle Engel singen: Christus ist geboren? – Mit seinem Kommen in diese Welt wird deutlich was wirklich zählt: Liebe, Freundlichkeit, Vertrauen, erfüllende Aufgaben, Arbeit, Glaube an sich und den Mitmenschen, Hoffnung.

 

Manchmal meinen wir: Das kann doch gar nicht sein. … Aber ich sehe Bilder aus Berlin, in denen wildfremde Menschen um das Leben der Verletzten kämpfen. Ich weiß um Menschen, die andernorts jetzt Flüchtlinge aufnehmen und versorgen. Ich bete um Frieden und Einsicht auch bei den Mächtigen; und mehr noch bei uns ‚kleinen Menschen an der Basis‘. Mit Gottes Hilfe kann Hass und Gewalt aufgebrochen werden, damit sein Licht kommt und es hell wird an Orten der Dunkelheit.  -  Was wirklich zählt an Weihnachten ist, dass Gott da einen neuen Anfang gesetzt hat mitten unter uns … in diesem Kind: Jesus von Nazareth.

Gedanken Pfarrer Hofius 13.12.2016

Was braucht’s?

Am Sonntag haben wir’s gehört von Johannes dem Täufer. Der hat damals, vor gut 2.000 Jahren ausgerufen: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“  (Markus 1,3) Ob Sie es glauben oder nicht: In dieser Aufforderung geht es tatsächlich  darum, eine „Infrastruktur“ zu schaffen, damit Gott zu den Menschen kommen kann.

Was, oder besser gesagt wen braucht er, um bei uns ankommen zu können?

Das ist eine wichtige Frage der Adventszeit. Und für mich ist das gerade heutzutage eine sehr bedrängende Frage. Denn wenn ich in unsere Gesellschaft schaue, wenn ich mir die Generation der 30- bis 40-Jährigen anschaue, dann wird mir klar, dass  Gott bei ihnen heute kaum mehr landen kann. Und bei den noch ‚Jüngeren‘ nochmal weniger.  -  Warum?  -  Immer mehr Menschen sind irgendwie gleichgültig geworden gegenüber Gott. Sie haben das Gefühl, Gott nicht zu brauchen.  Ein Leben ohne Religion und ohne Gott, stattdessen mit X oder Y, das klappt doch hervorragend.

Wie aber kann bzw. soll Gott heute bei diesen Menschen ankommen? Was oder  wen braucht es - im übertragenen Sinne - als „Infrastruktur“? 

Ich denke, es braucht Christinnen und Christen, die von seinem Dasein überzeugt  sind. Diese können sich als „Vehikel“, als „Verkehrsmittel“ verstehen, durch das die Kunde von Gott und seinem (Heils-)Handeln zu den Menschen gelangt. 

Dieses „Vehikel“ muss deshalb nicht unbedingt immer nur das Beste und Modernste  und Perfekteste sein. Es braucht nicht den ICE; eine einfachere, dafür aber authentische und zuverlässige Variante tut’s auch.  --   Gott genügt doch auch das einfache Verkehrsmittel: Nicht der feurige Araberhengst oder das hocherhabene Kamel, sondern ein einfacher Esel reicht … für die Reise nach Bethlehem … und dann zur Flucht nach Ägypten … und am Ende gar zum Einzug in Jerusalem.

Manchem Zeitgenossen heute erscheinen gerade die Christen manchmal mindestens so störrisch  und  stur wie besagte Esel. Viel zu langsam unterwegs; keine großen Sprünge; nicht an der aktuellen ‚Mode‘ interessiert.  -  Aber sind sie dadurch „aus der Mode“? Oder braucht die Kirche, brauchen wir alle nicht als Gemeinschaft und Gesellschaft gerade solche Frauen und Männer, die wie ein Esel viel tragen können. Oder besser gesagt:  Menschen, die bereit sind, geduldig Leid,  Elend und Not mitzutragen, die sie in ihrer Umgebung entdecken. Es braucht diese  Frauen und Männer, die so auf Jesus Christus hinweisen, ihn glaubwürdig bezeugen … und ihn damit ankommen lassen in der Welt.

 

Denkt Ihr / Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 06.12.2016

Es ist nur ein kleines Wort, das sich verändert hat im „Hohen Lied der Bibel“ in der überarbeiteten Fassung der Luther-Bibel. In ihr soll ja wieder „mehr Luther“ drin sein. Und das  heißt, an  bestimmten  Stellen  wieder  zum  ursprünglichen  Luthertext  zurückzugehen, anders, als das vielleicht manche früheren Überarbeitungen getan haben. Nun heißt also der  erste  Vers  im  13.  Kapitel  des  Korintherbriefs:

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete 

 und hätte der Liebe nicht, 

 so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“

Es ist der Genitiv, der jetzt wiedergekehrt ist: „… und hätte der Liebe nicht“. Diese Art des Genitivs drückt aus, Teil von etwas zu sein, zugehörig zu sein. Also nicht: „Ich habe die Liebe … oder habe sie nicht“. Sondern, wenn ich noch so klug oder religiös daherreden könnte und wäre nicht verbunden mit anderen und verbunden mit dem, was mein Leben in Wahrheit ausmacht, dann, so sagt es Paulus: „wäre ich nichts“. Denn die Liebe kann ich nicht haben wie einen Gegenstand. Ebenso wie ich  meinen Glauben nicht haben kann, ebenso wie ich Gott nicht haben kann.

Luther selbst hat einmal gesagt, dass man Gott „nicht mit Fingern ergreifen und fassen noch in Beutel stecken oder in Kasten schließen kann. Das heißt ihn aber gefasst, wenn ihn das Herz ergreift und an ihm hängt!“ Das sind deutliche Worte. Das Leben selbst lässt sich nicht in Beutel stecken. Das ist eine schlichte Erfahrung. Und

darauf weisen auch die Worte der Bibel immer wieder hin. Und trotzdem, obwohl die  meisten von uns das  wissen, geht es im Alltag immer wieder darum, zu gewinnen oder zu verlieren, klug zu reden oder den anderen „in die Tasche zu stecken“. Und immer dann, wenn ich merke, dass dieses Muster gerade wieder die  Oberhand gewinnt, immer dann möchte ich mich daran erinnern: „Wenn ich mit Menschen- und  mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“                   Denkt Ihr / Euer Pfarrer Christoph Hofius.

 

Gedanken Pfarrer Hofius 29.11.2016

Vor fast 500 Jahren übersetzte Martin Luther die Bibel ins Deutsche. Vor kurzem ist nun seine Übersetzung in einer neuen Überarbeitung erschienen. –  Obwohl er nach eigenen Aussagen „dem Volk aufs Maul“ schaute,  ist  Luthers  Sprache heute weit  davon entfernt, im Alltag gesprochen zu werden. Und doch sind seine Formulierungen  nicht nur  Bibelliebhabern vertraut.  Was wiederum seinen Grund nicht zuletzt darin hat, dass sie  - hoffentlich noch lange - im Gottesdienst verwendet  werden:

So zum Beispiel der Lobgesang der Maria, der in Luthers Übersetzung so beginnt:

Meine Seele erhebt den Herrn,

 und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes!

Noch ehe der zukünftige Reformator das Neue Testament als Ganzes übersetzte, hatte  er  diesen ursprünglich lateinischen Lobgesang verdeutscht und ausgelegt.

Es ist das Lied einer jungen Frau, die voller Erwartung und Vertrauen ist. Maria zeigt, wie sich die Verhältnisse umwälzen, wenn  der, den sie Heiland nennt, wirken wird.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.

Maria kann so sprechen, meinte Luther, weil sie dies selbst so erfahren hat: „Sie selber hat erfahren, dass Gott an ihr so große Dinge wirkte, wiewohl sie doch gering, unansehnlich, arm  und verachtet gewesen  ist.“

Maria wird hier zur Zeugin; und sie wird zum Vorbild dadurch, wie sie empfänglich ist für die Gnade.  - So wie ja bereits der Verkündigungsengel sie grüßt mit den Worten: „Du hast Gnade gefunden bei Gott!“ Um das Leben aus der Gnade ging es Luther. Und er hat in der Gestalt der Maria darin ein Vorbild gefunden. Sehr prägnant  schreibt er, es gehe darum „kurz gesagt: Zu zerbrechen, was da gemacht ist, und ganz zu machen, was zerbrochen ist.“

Das ist wohl eine bittere, aber notwendige Erfahrung: Dass unsere selbst gemachten

 

Pläne, Wünsche und Vorstellungen erst zerbrechen müssen, damit etwas wieder heil und das  heißt ganz  werden  kann.  Wenn  das  geschieht,  kann  zuweilen  sogar  ein  Lied angestimmt werden. So, wie bei Maria. So, wie jetzt in der Adventszeit.

Gedanken Pfarrer Hofius 23.11.2016

Vor fast 500 Jahren übersetzte Martin Luther die Bibel ins Deutsche. Vor kurzem ist nun seine Übersetzung in einer neuen Überarbeitung erschienen. – Der Buchdruck an sich war zu Zeiten Luthers eine noch junge Kunst, die jedoch die Verbreitung der Bibelübersetzung maßgeblich mit beschleunigt. Im September 1522 war die Übersetzung des Neuen Testaments erschienen … und bereits im Dezember des gleichen Jahres erschien die zweite  Auflage.

Allerdings erntete Martin Luther nicht nur Begeisterung und  Wohlwollen, sondern auch harsche Kritik.  Besonders für ein kleines Wörtchen: „allein!“

Luther übersetzt nämlich einen Satz aus dem Römerbrief so:

„So halten  wir  nun  dafür, 

 dass  der  Mensch  gerecht  wird  ohne  des  Gesetzes  Werke,

 allein durch  den  Glauben.“   (Römer 3,28)

Das  Wort „allein“ steht im griechischen Original des Paulus nicht; es ist also ‚hinzugefügt‘. Doch Martin Luther konnte das gut sprachlich und inhaltlich begründen. Für ihn ist es ganz zentral … und später wird das „Sola fide“ – das „allein durch den Glauben“ - eine der Kernaussagen des reformatorischen Denkens. 1530 erklärte Luther in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“, dass allein der ewige Glaube im Herzen Christi Tod und Auferstehung fassen kann. – Doch schon 1522 werfen seine Gegner ihm vor, diese Auslegung lade dazu ein, keine guten Werke mehr zu tun, vielleicht ermuntere sie sogar dazu, Schlechtes zu tun. - Dem hält Luther entgegen:

„Können sie nun durch gute Werk des Gesetzes nicht fromm werden, 

 wie viel weniger werden sie fromm werden durch böse Werk und ohn Gesetz!  

 Darum kann man nicht folgern: Gute Werk helfen nicht - darum helfen böse Werk, 

 gleichwie nicht gut gefolgert werden kann: 

 Die Sonne kann dem Blinden nicht helfen, dass er sehe, 

 darum muss ihm die Nacht und Finsternis helfen, dass er sehe.“

Heute sind uns solche Dispute fremd; leider, wie ich finde. Wir streiten verbissen – aber nur um letztlich nichtige Dinge; das tatsächlich Wesentliche klammern wir geflissentlich aus. Was wir da von Martin Luther wieder lernen könnten, ist seine Leidenschaft für die Bibel und das Ringen um das, was hier ‚Glauben‘ genannt wird. Dabei ging und geht es nicht darum, für oder gegen etwas zu sein, sondern aus der Kraft zu leben, die uns lebendig sein lässt … ohne unser Zutun.

Ob wir als ‚Macher-Typen‘ das überhaupt hören wollen und können?

 

          Fragt sich und Sie Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 15.11.2016

„Am Anfang war das … Bild“ – so hieß eine Ausstellung im vergangenen Jahr in Hamburg, in der Schülerinnen und Schüler Werke aus dem  Kunst- und Religionsunterricht zeigten, in denen sie sich mit dem „Am Anfang war das Wort“ auseinandergesetzt hatten. Eines der dabei entstandenen Bilder zeigt ein Lutherporträt aus Schriftzeichen (s.o.).

Viele der dabei verwandten Worte gäbe es wohl nicht im Deutschen, wenn Martin Luther sie nicht erfunden hätte: Lückenbüßer, friedfertig, wetterwendisch,  Machtwort,    Feuereifer,  Langmut, Lästermaul, Morgenland. 

Martin Luther war so etwas wie ein Sprachgenie. Das zeigen nicht  nur  diese Wortschöpfungen. Seine Bibelübersetzung  ist  jetzt in einer neuen Überarbeitung    anlässlich des Reformationsjubiläums neu erschienen. Eine der Bibelstellen, die als  Redewendung in die Alltagssprache eingeflossen ist, steht im Matthäusevangelium im 4. Kapitel: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Als Jesus sich in  die  Wüste  zurückgezogen  hatte  und  vierzig  Tage  lang  gefastet  hatte,  kam  der Versucher und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht.

Wenn man also den zweiten Halbsatz nicht - wie meist - weglässt, zeigt sich: Es geht nicht allein  darum, dass wir außer dem täglichen Brot noch vieles mehr zum Leben  brauchen, zum Beispiel Beziehungen, Sinn, Wohnraum und kulturelle Angebote. Sondern an dieser Weggabelung in der Wüstensituation zeigt sich, ob und wie Jesus seinen Weg in das öffentliche Wirken gehen wird. Wird er vor allem auf seine eigene

Macht setzen oder worauf wird er letztlich vertrauen?  Und an dieser Weggabelung  geht es auch darum, wie Jesus verbunden ist  zu dem, was er hier „Wort aus dem Munde Gottes“ nennt. Dies kann kein Wort aus „Wörtern“ sein. Kein Wort, das schnell gesprochen schnelle Wirkung bringt.  Wie „Diese Steine sollen jetzt Brot Werden!“ Jesus will nicht  manipulativ eingreifen durch ein „Zauberwort“, das lehnt er ab. Stattdessen wirft er uns den Ball zu und fragt: Wovon lebst du?

 

Worauf traust du? Und wo ist das Wort hinter den Wörtern? Das, was nicht gedruckt und gelesen werden kann, sondern was sich als Kraft entfalten will und Leben spendet. Eben wie Brot!

Gedanken Pfarrer Hofius 08.11.2016

Martin Luther - Kindheit und Jugend (1483-1501)

Martin Luther (geboren als Martin Luder – erst später nennt er sich selber um in  ‚Luther‘ … aber dazu schreibe ich später mal etwas) wurde am 10. November 1483 in Eisleben in der Grafschaft Mansfeld geboren. Er war der erste oder zweite Sohn des Bauern, Bergmanns, späteren Mineneigentümers und schließlich Ratsherren Hans Luder (1459–1530) und dessen Ehefrau Margarethe, geb. Lindemann (oder Ziegler?) (1459–1531).

Ihm folgten vermutlich acht oder neun Geschwister.

Am auf den Geburtstag folgenden Martinstag, dem 11. November 1483, wurde er auf den Namen des Tagesheiligen in der St.-Petri-Pauli-Kirche in Eisleben getauft. aufgewachsen ist er dann aber im benachbarten Mansfeld auf, wo der Vater die Existenz der Familie durch Beteiligungen im Kupferbergbau zu verbessern suchte.

Luthers Eltern waren kirchentreu, jedoch nicht übermäßig fromm.

Von 1490/1491 bis 1497 besuchte der junge Martin die Mansfelder Schule. Hier herrschten noch mittelalterliche, sehr streng und fast barbarisch anmutende Lehrmethoden, die Luther später in seinen Tischreden drastisch zu schildern wusste.  Dabei wird er in schulinternen Berichten als stiller, zurückhaltender und durch die strenge Ordnung eingeschüchterter, jedoch auch sehr begabter Schüler, beschrieben. Nach dieser ‚Grundschule‘ ging Luther für ein Jahr die Magdeburger Domschule. Dort unterrichteten ihn die Brüder vom gemeinsamen Leben - eine spätmittelalterliche Erweckungsbewegung, die auch mit einem Ableger in Herrenberg im heutigen Dekanatsgebäude östlich der Herrenberger Stiftskirche in unserer Raumschaft vertreten waren. Unter ihrer Führung entstand das Chorgestühl der Stiftskirche, das im kommenden Jahr ein besonderes Jubiläum feiern kann.

Von 1498 an schickten die Eltern den 14-jährigen auf die Pfarr- bzw. Lateinschule in Eisenach. Hier konnte Luther seine Lateinkenntnisse so vervollständigen, dass er nach dem Abschluss 1501 Latein fließend sprechen und schreiben konnte.

Die finanzielle Situation der Familie erlaubte es, dass Luther 1501 ein Studium an der Universität Erfurt beginnen konnte. Vater Hans Luther hoffte, dem begabten Sohn mit einem Jurastudium zu einer guten Existenz als Jurist zu verhelfen.  (Fortsetzung folgt)                                              

 

                                                                       Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 25.10.2016

Traum und Wirklichkeit

„Mir träumte, ich stand auf einem Weizenfeld. Meine elf Brüder waren auch da. Wir banden Getreidehalme zusammen. Da richtete sich plötzlich meine Garbe auf. Die Bündel der Geschwister kamen, stellten sich ringsherum und verneigten sich. Als ich den Brüdern das sagte, wurden sie ärgerlich. Sie fragten, ob ich über sie herrschen wolle. Doch ich hatte noch einen zweiten Traum. Da sah ich, wie sich die Sonne, der Mond und elf Sterne vor mir verbeugten. Als ich das erzählte, schimpfte mein Vater, ob ich mir einbilde, die ganze Familie werde vor mir niederfallen.“

 

Der biblische Joseph hatte diese Visionen. Es vergingen Jahre, bevor seine Traumgesichte Wirklichkeit wurden. Bis dahin musste er Todesangst, Sklaverei, Verleumdung, Gefängnis und Undankbarkeit ertragen. Doch zuletzt gelangte er im Ausland zu Ansehen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht, kommen tatsächlich seine Brüder zu ihm als Bittsteller. Als sie ihn erkennen, fürchten sie sich. Doch Joseph ist frei von Rachegelüsten. Er versöhnt sich mit ihnen und sagt: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (Genesis 5o,2o)

 

An diese Geschichte von Traum und Wirklichkeit, von Bruderzwist und tätigem Gemeinsinn mußte ich am Montag dieser Woche denken. Die Kinder- und Jugendbuchautorin Judith Le Huray war in der Grundschule zu Gast und stellte drei ihrer über 5o Bücher vor. Eines, das die 4.-Klässler und auch uns begleitende Lehrkräfte faszinierte, heißt „Die Kellerschnüffler“: Als Benni und seine Freunde einem merkwürdigen Jungen mit weißem Stock zum ersten Mal begegnen, machen sie sich über ihn lustig. Ja mehr noch: Sie ärgern und mobben ihn massiv. Doch bald darauf stürzt Benni vom Fahrrad und der Junge mit dem seltsamen Blick hilft ihm. Erst jetzt erfährt Benni, dass der Junge, Samuel, blind ist. Beide freunden sich miteinander an. Auch zu den Treffen seiner Bande nimmt Benni Samuel mit, obwohl einige aus der Gruppe den Blinden nach wie vor ablehnen. Braucht man so einen in der Bande? … Doch dann verschwinden nachts Fahrräder aus den Kellern des Stadtteils. Bei der gemeinsamen Spurensuche ist Samuels bestens trainierter Geruchssinn ein großer Trumpf: Wichtige Hinweise kann der blinde Junge buchstäblich „erschnüffeln“. In einem packenden Finale gelingt es den Kindern, die Diebe dingfest zu machen.

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ – auch wenn ‚Gott‘ in dieser spannenden Geschichte von Judith Le Huray nicht explizit vorkommt, steckt er meines Erachtens implizit drin. Altersgemäß wird nämlich über gelebte Integration erzählt – und das mit viel Humor. Ganz beiläufig wird mit gängigen Vorurteilen aufgeräumt, ohne die Hürden, denen Menschen mit Behinderung im Alltag ausgesetzt sind, zu verharmlosen.

 

 

Ein Abenteuerroman, erschienen 2o14 beim Hase und Igel Verlag (ISBN-13: 978-3-86760-172-6), der zu Preis von 5,95 Euro viel mehr zu bieten hat als reine Spannung oder pure Phantasie. Ein gut recherchiertes Buch, das unsentimental und realitätsnah den Alltag eines blinden Kindes schildert; eines, das ohne Klischees auskommt und in altersgerechter Sprache eine spannende Geschichte erzählt, von der wir alle lernen können. … Auf dass wir nicht nur gut denken, sondern es auch wirklich gut machen – mit- und füreinander.           Ihr / Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 11.10.2016

Gedanken

Langsam werden die Tage wieder kürzer.  Morgens stehen wir jetzt im Dunkeln auf. Und abends schwindet das Licht sehr rasch. Mit den schönen langen Sommerabenden ist‘s vorbei. Es wird Herbst.  – Ob es im Sommer ein paar Lichtblicke gegeben hat, die wir mit in die dunklere Zeit hineinnehmen können?

Der Beter des 36.  Psalmes  sagt:

Bei Dir, Gott, ist die Quelle  des  Lebens

und  in  Deinem Licht sehen wir das Licht.

Die Dinge in Gottes Licht zu sehen, kann etwas sein, das zu üben sich lohnt. – Ich erinnere mich, wie kürzlich jemand zu mir sagte: ‚Ich habe solche Schwierigkeiten mit meinem 60. Geburtstag. Ich kann nicht glauben, dass ich schon so alt bin, dass schon so viel meiner Lebenszeit vorüber ist.‘

Zugleich gibt es auch den ganz anderen Blickwinkel (einen, der übrigens gerade im Fernsehen wieder wiederholt wird im „Club der roten Bänder“); er könnte so gefasst werden: Ein junger Mensch, dessen Leben viel zu früh zu Ende geht, sagt: Ich bin trotz allem dankbar für die Zeit im Leben, die ich hatte. Eine gute Familie, die Möglichkeit zu lernen, mich zu entwickeln.

Ob auf die eine oder die andere Weise, Jesus hat viele Dinge gesagt und getan, die uns ermutigen sollten, die Dinge in einem anderen Licht zu betrachten.  Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren.  Wer aber zur Hingabe bereit ist, wird gewinnen.

Ja, die Dinge ändern sich, Kräfte werden geringer, Möglichkeiten vielleicht auch. Loslassen will gelernt sein. Wer nur um sein Leben bangt und das Vergehende beklagt, wer nur erhalten will, was einmal war, wird viel verlieren.

Ein Blick in die Natur sagt mir: Der Baum, der im Herbst die Blätter fallen lässt, wird neu ausschlagen und gibt dem Boden Nährstoffe. Überall, wo etwas zu vergehen oder zu schwinden scheint, wartet Leben. –

Auch die kargen  und  weniger  aktiven  Lebensphasen  können  segensreich sein,  wenn  ich  versuche,  sie  gelassen  anzunehmen.  Sie gehören dazu, schließlich beginnen wir ja unser Leben in einem wenig aktiven und vollkommen abhängigen Zustand.  Ein Stück Lebenszeit sogar, das wir später gar nicht aus eigener Geisteskraft erinnern können.

In alle dem will Gott uns Mut machen, den Herbst des Lebens nicht als dunkler werdende Zeit zu begreifen, sondern weiter im Licht zu leben. Gottes Licht ist zuverlässig da - so wie die Sonne, auch wenn wir sie nicht sehen. – Wahrlich:

Bei Dir, Gott, ist die Quelle des Lebens

 

und  in  Deinem Licht sehen wir das Licht.

Gedanken Pfarrer Hofius 04.10.2016

Internationaler Tag des Flüchtlings – 7. Oktober 2016

Wir haben im vergangenen Jahr eindrücklich bewiesen, wie stark eine Bewegung werden kann, die auf Solidarität statt auf Abschreckung setzt. Es ist gelungen, ein breites Netz zu knüpfen und Hunderttausende Geflüchtete mit Rat und Tat zu unterstützen. Darauf können wir alle stolz sein – und weiterhin setzen. Doch die Gefahr ist gegeben, dass die breite Solidarität mit Flüchtlingen schwindet und zerbröselt, nicht nur durch feige Anschläge und Kampagnen von Rassisten, sondern auch unter dem Eindruck einer Politik, die sich immer mehr vom internationalen Flüchtlingsrecht wegbewegt. Welcher Politiker redet heute denn noch von »Willkommenskultur«?

Dabei ist Solidarität eine Haltung, die wir uns leisten können. Bislang hat die Aufnahme von Flüchtlingen auf die Lebenssituation der meisten Deutschen so gut wie keinen Einfluss. Aber selbst wenn es anders wäre: Wir haben die Pflicht, den Opfern von Krieg und Verfolgung beizustehen. Der fortschreitenden Aushebelung des Asylrechts und einer Entrechtung von Flüchtlingen werden wir auch als Kirche(n) und als Christenmenschen zukünftig mit Mut und Überzeugung entgegentreten müssen. – Und dieses völlig auf der Linie von Papst Franziskus, der zuletzt auf dem   Weltjugendtag in  Polen  gesagt hat: „Der  christliche  Glaube  ist  politisch  … oder  leer,  unbrauchbar  und  tot!“  Glaube  hat nämlich  nicht  nur  etwas mit dem Gottesdienst  hinter  Kirchenmauern  oder  dem  Gebet  im  stillen  Kämmerlein zu tun. Nein, Glaube will gelebt sein im Alltag der Welt; will und soll sich  einbringen und  das  Zusammenleben  gestalten.  Das  ist  nicht  unbedingt bequem,  doch  Gott  ist  auch  alles  andere  als  bequem.  Er  hat  denen, die  auf  ihn  vertraut  haben, viel zugemutet. Die Bibel ist voll von solchen Erzählungen, nicht nur die Evangelien.

Ein  Glaube,  der  politisch  ist,  hat  andere  Menschen  im  Blick.  Es  geht  nicht  nur  um  mich, meinen Gott und meine Eintrittskarte ins Himmelreich. Nein, es geht darum, dass ich werde, was  ich  bin:  Bild  Gottes.  Der  katholische Theologe  Fridolin  Stier  hat  in  dem  Zusammenhang  einmal  zu bedenken  gegeben:

Hat Gott zu viel gewagt, als er den  Menschen  als  Bild  seiner  selbst  erschuf?

Als er ihn in Macht über die Schöpfung, in Freiheit setzte - auf das Risiko hin, dass diese Kreatur  sich  gegen  ihn  kehren  könnte?

Hat er den Menschen und seine Gier nach Leben unterschätzt?

Eine  Gier,  die  in  anderen  Menschen  vor  allem  eine  Gefahr  sieht  und  kein  Geschenk,  das mein  Leben  bereichern  könnte.

Ich  glaube:  Gott  setzt  auf  den  Menschen.  Auf  seine Fähigkeiten Zusammenhänge zu erkennen und die Welt zu gestalten. Und ich glaube, Gott wäre  mächtig  stolz,  wenn  wir  uns  ihm  zukehren  und  dann  weniger  in  seinem  Namen handeln, dafür aber in seinem Sinn. Das aber heißt: Andere Menschen sehen. Sich von der Not berühren lassen und sich nicht ängstlich abwenden und eigene Verluste befürchten.

Wenn Europa wirklich die viel beschworenen jüdisch-christlichen Wurzeln hat, sind sie heute ziemlich  verkümmert.  Anders  kann  ich  mir  die  Ängste  nicht  erklären.  Doch  nicht  nur  die Wurzeln sind verkümmert, auch der Glaube ist vielfach leer, unbrauchbar und tot. Gottesdienst-Feiern und Lieder-Singen allein  ist  kein  Lebenszeichen.  Es  braucht  schon  das  Tun,  das  die  Welt  verändert  und  sie menschenfreundlicher macht. Das ist nicht bequem, doch Gott ist auch nicht bequem.   -  Aber ich denke: Mit IHM schaffen wir das!    Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 27.09.2016

Erntedank - Gott selber lädt zum Essen ein

Ob Kantine, Restaurant oder Stehimbiss, ob Essen-auf-Rädern oder der Metzger des Vertrauens – der Trend zur Außer-Haus-Verpflegung nimmt zu. Dabei ist Essen mehr als nur Energietanken. Die soziale Dimension des Essens wird allzu oft vergessen oder übersehen. Dabei ist gerade die Tischgemeinschaft, die Menschen immer seltener pflegen, von elementarer Bedeutung. Denn es ist nicht gut, dass der Mensch alleine is(s)t.

Die ‚Spitzenreiter‘ innerhalb dieser (unerfreulichen) Entwicklung sind berufstätigen Singles und allein lebende Rentner. Bei ihnen bleibt die Küche am häufigsten kalt. Mehr als ein Viertel der Deutschen isst nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mindestens einmal täglich außer Haus. Viele Menschen pflegen immer seltener Tischgemeinschaft. Dabei schafft das gemeinsame Essen emotionale Sicherheit; es ist ein Akt der Kommunikation und damit weit mehr als nur das Nachtanken von Kalorien. Und dennoch: Es gibt kaum noch gemeinsame Mahlzeiten, bei denen die Menschen zusammen am Tisch sitzen, genießen und sich unterhalten. Nur in jedem zehnten Haushalt wird noch täglich gekocht. Als Familientreffpunkt spielt vielleicht noch das Abendessen eine Rolle – zumindest vielleicht in Mehrpersonenhaushalten.

Gerade dieser Aspekt des ‚Gemeinsamen‘ spielt auch in den biblischen Berichten über die Essenspraxis Jesu eine große Rolle. Essen und Trinken spielte bei ihm eine nicht zu unterschätzende Rolle – wie in der Bibel überhaupt. Bereits die ersten Worte Gottes an seine Geschöpfe handeln davon: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen“ (1. Mose 2,16 f). Der Sündenfall ist dann sprechende Handlung der Gier nach der verbotenen Frucht. …. Später dann kommt Gott zu Abra(ha)m und folgt dessen Einladung zum Essen, und dann reden sie miteinander in einer Intensität und Intimität, wie ich sonst nur selten in der Bibel finde. … Für fromme Jüdinnen und Juden ist die Achtung der Speisegebote bis heute Erkennungsmerkmal; bei jedem Bissen ist ihnen bewusst, dass sie berufen wurden, Gott zu ehren und seine Weisungen zu achten. … Und auch Gott selbst lädt zum Essen ein. Er wird Gastgeber, nicht nur für Israel, sondern am Ende der Zeit für alle Völker: „Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berg allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist“ (Jesaja 25,6).

Für Jesus ist das gemeinsame Essen und Trinken der unmissverständliche Vollzug seines Evangeliums. Jesus isst und trinkt mit seinen Jüngern, gerade auch dann, als ihre Freundschaft durch Angst, Misstrauen und Verrat zu sterben droht. Und die Jünger aus Emmaus erkennen den Auferstandenen – zwar nicht an seinen Worten, sehr wohl aber als er ihnen das Brot bricht.

Kein Wunder, dass die Kirche von Anfang an das gemeinsame Mahl und das Brotbrechen in der Erinnerung an ihren Herrn als eine wesentliche gelebte Form ihres Glaubens betont hat. – Wichtig ist dabei der Rückbezug auf den, der zum Essen einlädt; der das Essen schafft und wachsen lässt. Und das nicht bloß in der Kirche, sondern Tag für Tag auch zu Hause (ob nun in Gemeinschaft oder leider auch alleine). Für mich gehört zu jeder Mahlzeit ein Tischgebet:

„Alle gute Gaben, alles, was wir haben

 kommt, o Gott, von Dir; wir danken Dir dafür“

Das Beten vor dem Essen erinnert daran, wem wir unser Essen zu verdanken haben: Gott, der Schöpfer, lässt Obst und Gemüse wachsen und gedeihen, ohne das der Mensch nichts zu essen hätte. Dieses kurze Innehalten vor der Nahrungsaufnahme hat seine Wurzeln in der jüdischen Berachá:

„Gepriesen bist Du, JHWH,

 unser Gott, Schöpfer der Welt

 für Speis und Trank:

 Durch sie gewährst Du uns

 Leben und Freude.

 Gepriesen bist Du in Ewigkeit.“

Täglich neu wünsche ich mir und Ihnen solchen Ernte-dank!

 

Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 20.09.2016

September-Testament

Am 4. Mai 1521 war Martin Luther auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms heimlich entführt und zu seinem eigenen Schutz auf die Wartburg bei Eisenach verbracht worden. Der Mund, mit dem er quasi ‚gerade noch‘ vor Kaiser und Reich sein Bekenntnis abgelegt und von Gottes Wirken gesprochen hatte, war zum Schweigen verdammt – wollte er nicht dem über ihn verhängten Bann und der Reichsacht zum Opfer fallen.

Unter dem Namen ‚Junker Jörg‘ vertiefte sich der von inneren Zweifeln über das Gelingen und die Berechtigung seiner Gedanken geplagt Luther in eine griechisch-lateinische kritische Ausgabe des Neuen Testamentes, die Erasmus von Rotterdam im Jahr 1519 herausgebracht hatte.  Intensiv übersetzte Luther aus der griechischen Ursprache des Neuen Testamentes ins Deutsche – in eine Sprache, die er aus der Fülle der Dialekte und Zugenschläge seiner Zeit und der ihm geläufigsten Mundart – dem Obersächsischen – gleichsam erst ‚erschuf‘. Letztere war als Kanzleisprache durch die starke Stellung des sächsischen Kurfürsten innerhalb des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation auch in vielen anderen Territorien gebräuchlich und wurde verstanden.  -  Und doch zeigt sich Luthers Suche nach der richtigen Übersetzung und den richtigen Worten an seiner Übersetzung des englischen Grußes „Ave Maria, gratia plena“ (Lk. I,28), zu der er im „Sendbrief vom Dolmetschen“ bemerkt: „Item da der Engel Mariam grüßt: Maria voll Gnaden! wo redt der deutsche Mann so? Er denkt an ein Fass voll Bier oder Beutel voll Geldes, darum hab ich's verdeutscht: Du holdselige. Und hätte ich das beste Deutsch hie sollen nehmen, so müsste ich verdeutschen: Gott grüße dich, du liebe Maria. [...] Wer deutsch kann, der weiß wohl, welch ein herzlich fein Wort das ist: du liebe Maria, der lieb Gott [...]. Und ich weiß nicht, ob man das Wort 'liebe' auch so herzlich und genugsam in lateinischer oder anderen Sprachen reden mög, das also dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinnen, wie es tut in unserer Sprache."

Erstaunlich, dass es bei all solchen Überlegungen doch nur drei Monaten dauerte, in denen die Übersetzung des Neuen Testaments entstand. Immerhin: Rechtzeitig für die Frankfurter Buchmesse im September 1522 lag das Werk in einer hohen Auflage von 3000 Stück fertig gedruckt vor – anonym, also ohne Nennung des Verfassers.

Die Ausgabe war zudem von Luthers Freund und Verleger Lukas Cranach d.Ä. aufwändig mit Holzschnitten illustriert worden. Weitere Neuerung war das ‚übersichtliche‘ Format: War bisher ein Buch groß, unhandlich und schwer, so gleicht das „Neue Testament Deutsch“ in seinem Format und Satzspiegel unseren heutigen Lexikonbänden. Die Erstauflage war trotz des hohen Preises von 1½ Gulden – dem Wert eines Pferdes – innerhalb von zwei Monaten verkauft, so dass im Dezember 1522 eine zweite Auflage nötig wurde – das nicht minder schön illustrierte sogenannte ‚Dezembertestament‘.

Mit beiden Büchern erfüllte Luther eine der Forderungen der Reformation, nämlich eine für alle Christen verständliche Ausgabe der Bibel zu schaffen. Im Inhaltsverzeichnis gibt Martin Luther zu erkennen, welche der Schriften des Neuen Testamentes er weniger schätzt: Sie werden ohne Nummer nachgeordnet. Diese typische Änderung der Reihenfolge setzt sich bis heute in allen folgenden Ausgaben der Lutherbibel fort.

 Das zuvorderst abgedruckte Bild wurde eingescant von einem Faksimile-Druck des  September-Testaments, welcher 1972  von Kenneth A. Strand veröffentlicht wurde, gedruckt bei Ann Arbor Publishers, Ann Arbor, Michigan, USA

Gedanken Pfarrer Hofius 06.09.2016

Unterwegssein – nicht nur im Sommer.

 

Für viele gehört’s zum Sommer dazu: Das Unterwegssein. Alles ist anders da, wo ich hinkomme … oder gerade bin. Ich lasse mich treiben, ich schaue, lausche, nehme die Gerüche wahr, nichts und niemand nötigt mich zu etwas, ich muss nichts, bin  frei, zu wählen zwischen verschiedenen Möglichkeiten, ich habe Zeit. An welchem Ort ich bin, was ich mir „leisten“ kann, wie viel ich aufgewendet habe, um hier zu sein, das spielt jetzt beinahe keine Rolle.

Solches Unterwegssein hat für mich mit Entspannung, Gelassenheit, Zufriedenheit zu tun. Genießend die Augen schließen, einfach so dahinschlendern, sich treiben lassen dürfen. … Ganz anders als im verminten Alltag, wo mancher Schritt mit Bedacht und Vorsicht gesetzt sein will. Wo man sich anstrengen muss, weil einem ja nichts geschenkt wird. Wo ich etwas oder gar ganz viel tun muss, um auch sicher voranzukommen. 

Das löst bei mir Nachdenken aus: Stimmt es eigentlich, dass einem nichts geschenkt  wird? Gewiss: Manchmal muss man sich sehr anstrengen. – Gerade in Hinblick auf die endenden Schulferien keine erfreuliche Aussicht für manche Beschulten. – Aber auch für uns Ältere: Wenn die Bedingungen widrig sind, ist alles Mühe, im ärgsten Fall bleibt alles vergeblich. Doch das Andere gibt es eben auch, dass mir wie mit einem leichten Rückenwind etwas freundlich entgegenkommt. Als Wichtigstes ist mir  doch das Leben geschenkt worden. Eine Gabe, die nicht durchweg Freude auslöst, gewiss. Mit dem Tag meiner Geburt haben auch Schmerz und Bitterkeit angefangen, Mühe  und  Arbeit. Aber dass ich geboren bin, bedeutet doch immerhin, dass ich  genießen kann, dass ich manchmal Glück empfinde, dass mir immer wieder etwas gelingt, dass ich mit Gutem gesättigt werde.

Vielleicht kommt es darauf an, sich empfänglich zu halten für alles, was geschieht,  ohne dass wir uns dafür anstrengen müssen.  - Am Ende des langen Weges, den  die Israeliten gegangen sind, um in die Freiheit zu gelangen, erinnert Mose sie an  alles, was ihnen auf dem schwierigen Weg zuteilgeworden ist: Wasser und Wachteln, Brot vom Himmel, eine vor ihnen herziehende Wolken- und Feuersäule. Gottes segnende und bewahrende Hand war immer mit dabei.  Und so redet Mose jedem und jeder Einzelnen ins Gewissen und sagt:

„Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut,

 dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben,

 und dass es nicht aus deinem Herzen kommt

 dein ganzes Leben lang.“

Gedanken Pfarrer Hofius 02.08.2016

 An-gedacht

Ich bin gewiss,
dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

 

„Ich bin gewiss“, schreibt der Apostel Paulus in Römer 8 mit dem Brustton der Überzeugung. – Was aber ist, wenn mitten im Leben der Tod an dieser Überzeugung nagt, wenn er das Fundament der Gewissheit zum Einsturz bringen will?
„Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen“ dichtet und singt Martin Luther im Evangelischen Gesangbuchlied unter der Nummer 518, das auf ein viel älteres Lied zurückgreift. Dieses Lied handelt von der  Erfahrung, die Menschen überall und zu allen Zeiten machen. Selbst heute und bei uns stimmt das.
„Mitten im Leben“, so fängt auch ein kleines Gedicht von Günter Grass an, in dem anklingt, wie Tod und Leben miteinander verquickt sind; Grass schreibt:
    Mitten im Leben
    denke ich an die Toten,
    die ungezählten und die mit Namen.
    Dann klopft der Alltag an,
    und übern Zaun
    ruft der Garten: Die Kirschen sind reif!
Es ist verquer und ängstigend: Auch in der hellsten Zeit des Jahres bleiben schlechte Nachrichten nicht aus. Ja, manchmal kann es einem so vorkommen, als würden sie sich gerade jetzt häufen. Nicht zu fassen ist die Menge der „ungezählten“ Toten. Die anderen, die für uns Namen und Gesicht  haben,  widersetzen  sich  dem  Begreifen  auf  ihre  Weise:  Es  ist  nicht  zu  fassen,  wie  viele von  den  Nahen  und  Nächsten  vom  Tod  bedroht  oder  auf  einmal  nicht  mehr  am  Leben sind. Der Tod mitten im Leben erzwingt unsere Aufmerksamkeit und macht uns sprachlos.
Er  schnürt  einem  die  Kehle  zu  und  lähmt  die  Lebensgeister.
Und  dann?  Dann  klopft  der  Alltag  mit seinen Banalitäten an.  Der  Alltag,  der  das  Leben  vorantreibt,  obwohl  es  gerade  stillzustehen  scheint.  Der  sich  nicht  darum  kümmert,  ob  man  noch  Kräfte  übrig  hat  für  ihn.  Der  darauf  drängt,
dass etwas getan werden muss, jetzt gleich. Der auftischt, was überhaupt nicht in dunkle Tage passt. Übern Zaun ruft der Garten: Die Kirschen sind reif. Also müssen
sie geerntet  werden. Auch das noch, zu allem. Aber dann zeigt sich, dass die unabweisbare Arbeit ihr Gutes  hat.  Sie  bringt  Ordnung  in  chaotische  Tage.  Sie  erzwingt,  dass  man  sich  bewegt, während  gerade  alles  wie  erstarrt  ist.  Die  reifen  Kirschen  aber  sagen  wortlos,  dass  es auch jetzt etwas gibt, was Lust auslöst und Genuss verspricht. Mitten im Leben ist beides: Ende  und  Anfang,  Abbruch  und  Reife,  das Bittere  und  das  Süße.  Eins  kann  nicht  gegen das andere aufgerechnet werden. Die Bilanz bleibt offen. Wäre es aufrichtiger, angesichts der ungezählten Toten die Lebensfreude zu ersticken? Nein. Wesen, die endlich sind und es wissen, haben doch die wunderbare Gabe, sich zu freuen und in Begeisterung zu geraten, obwohl sie nicht wissen, was morgen sein wird.
„Da merkte ich, dass es nichts Besseres gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.“ Das sagt der Prediger Salomo. – Er weiß noch nichts von Jesus Christus, wohl aber von der Güte und Größe Gottes; und das ist gut und tröstlich gegen das Dunkel und gegen den Tod, der mitten im Leben uns umfängt ...  – denn zugleich gilt: „Kehr’s auch um: Mitten in dem Tode sind wir vom Leben umfangen!“
Gott sei Dank  –  S D G  ,  denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 11.08.2016

Wovon sollen wir träumen

„Nächstes Schuljahr werde ich zum Streber, damit das klappt...“ Lächelnd erzählt er mir von seinen Plänen Medizin zu studieren. Vor diesem Traum steht allerdings ein gewaltiger Notensprung in fast allen Fächern. Während ich das höre, entwickeln sich in meinen Hinterkopf Töne, die lauter, deutlicher werdend ein Lied von Frida Gold ergeben, das sie zu unseren Wunschträumen singt: „ ... aber schaut man hinter die Kulissen, dann fängt das immer so an: Ich schlafe immer zu lang, krieg’s nicht hin und fühl mich deshalb beschissen ... “. - Unsere Träume handeln nicht nur vom Erfolg in Schule und Beruf. Da ist der Wunsch nach neuer Kleidung, nach der nächsten Handy-Generation, nach Aussehen und ‚Schönheit‘ (wer immer die definiert), nach Freundschaft und Geborgenheit. … Aber bin das dann wirklich ‚Ich‘, wenn all diese Wünsche und Träume in Erfüllung gehen?

 „Wovon sollen wir träumen, so wie wir sind?

 Woran können wir glauben?

 Wo führt das hin?“ - Die Verzweiflung, in Worte und Töne gefasst von Frida Gold, ist greifbar; denn so manche Wünsche erfüllen sich nicht. Und nichts kann die Sehnsucht stillen.

Liegt es an uns, dass viele Träume im Leben Schäume bleiben? Sollte man besser seine Erwartungen zurückschrauben und realistischer denken? – Im Lied singt Frida Gold: „ ... Es bleibt ein Spiel ohne Ziel. Wann kommen wir hier raus? Wovon sollen wir träumen? Wo sind wir zu Haus? ... “ - Ein Ausweg ist nicht erkennbar. Selbst Träume und Wünsche, die sich erfüllen, führen ja oft nicht zum erhofften Glück. So wie die Sängerin es beschreibt, fühlen sich manche gefangen in einer Welt, in der sie nicht zu Hause sind. Ihre Frage bleibt: „Wovon sollen wir träumen?“

Meine Antwort und Hoffnung kommt aus einer Welt, die wir nicht beeinflussen können. Sie kommt – egal, ob wir etwas dafür getan haben oder nicht. Sie kommt – egal, ob wir erfolgreich, gesund, reich und glücklich sind oder nicht.

 

Wenn Gott bei den Menschen wohnt, hat das alles keine Bedeutung mehr. Davon möchte ich träumen, dass Gott unter uns wohnt, dass wir uns keine Sorgen mehr machen müssen über das, was sein könnte. Wenn Gott unter uns wohnt, ist das Leben an sich reich und wertvoll. - Dieser Traum wird mich nicht davon abhalten, mir eigene Ziele zu setzen. Manchmal Ziele, die das Denkbare übersteigen. So wie bei meinem Gegenüber mit seinem Traum von besseren Noten für das Medizinstudium. Ein besseres Zeugnis hat in sich schon einen Wert, auch wenn dadurch der Wunsch, Medizin zu studieren, nicht in Erfüllung geht. Ob mein Leben erfüllt ist, entscheidet sich daran, ob ich glauben kann, dass es über meine Sicht von der Welt hinaus etwas gibt, wovon es sich zu träumen lohnt.

Gedanken Pfarrer Hofius 12.07.2016

Ein Mann auf der Flucht.

Er fürchtet und rennt um sein Leben.

Selbst seine Heimat verlässt er dafür.

Was klingt wir der Auftakt zu einem Western oder Krimi, ‚triggert‘ bei mir Erinnerungen an kürzlich Gehörtes, Gelesenes, Gesehenes an. … Denn Berichte von Flüchtlingen, die um ihr Leben fürchten müssen, gibt es ja – Gott sei’s geklagt – leider viel zu viele. Und das ist, wie ich fürchte, nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges. Viele wollen oder können ja nicht einmal (mehr) über das sprechen, was ihnen widerfahren ist.

Nun, der eben erwähnte Mann ist aufgebrochen in ein Land, das er nur vom Hörensagen kennt. Dort will er Ruhe finden. Dort will er Arbeit suchen. Und eine Familie gründen.

Er flieht nämlich vor  seinem  zornigen  Bruder.  Dem hat  er  etwas  sehr Wertvolles  gestohlen:  Er hat ihn um seinen Titel gebracht, um seinen Rechtsanspruch. So verwundert es nicht, dass sein Bruder nicht gut auf ihn zu sprechen ist, ihm gar nach dem Leben trachtet.

Eine  Familienfehde also. - ‚Vendetta‘ blitzt als Stichwort in meinem Kopf auf. Streit unter Bekannten, Familienmitgliedern, Brüdern.

Doch unterwegs  beginnt dieser Mann  zu  zweifeln,  ob  er jetzt  das  Richtige tut. Zugleich merkt er: Zurück kann er jetzt nicht.   So liegt ungewisse Zukunft vor ihm. Was wird in dem anderen Land aus ihm werden?

Der  Mann  heißt  Jakob  und  seine  Geschichte  wird  im  ersten  Buch der  Bibel  erzählt. Seinen Bruder Esau hat er betrogen um den Segen für den Erstgeborenen. Bei diesem  Segen  vom  Vater  geht  es  um  mehr  als  um  einen  einfachen  Zuspruch.  Mit  ihm verbunden ist eine gesellschaftliche Stellung. Und ebenfalls mit dem Segen verbunden ist eine Verheißung Gottes: Er verspricht nämlich, aus den Nachkommen Abrahams – das ist beider Vaters - ein  großes  Volk  zu  machen. 

Es  hat  eine  Weile  gedauert,  bis Abrahams Sohn Esau das so richtig begriffen hatte. Aber dann war er umso wütender über seinen Bruder Jakob. Jakob blieb gar nichts anderes übrig, als das Weite zu suchen.

Während seiner Flucht erscheint Gott Jakob. Als er selbst darüber verzweifelt, wie es

weitergehen soll, redet Gott mit ihm. Und Gott macht ihm deutlich, dass er seine Zusagen einhält: Aus Abrahams Nachkommen wird ein großes Volk entstehen. Einiges steht Jakob noch bevor. Im fremden Land wird er hart arbeiten müssen. Ihm bleibt es nicht erspart, auch einmal ganz massiv von seinem Arbeitgeber ausgenutzt und betrogen  zu  werden. Und es wird Jahre dauern, bis er zurückkehren und sich mit  seinem Bruder versöhnen kann.

Aber Gott hält, was er versprochen hat: Und er bedient sich dabei dieses Flüchtlings Jakob, der zum Stammvater wird für Gottes Volk

Gedanken Pfarrer Hofius 05.07.2016

Wo du hingehst, da will auch ich hingehen.“ – ein bekannter und beliebter Satz aus der Bibel, der gerne zu Trauungen gewünscht wird. Zuletzt so geschehen mit mir als Pfarrer am vergangenen Wochenende auf der Weitenburg oberhalb des Neckars.

Dieser Satz drückt aus, wie innig zwei Menschen verbunden sind. Ursprünglich gesprochen hat ihn aber nicht ein Brautpaar zueinander, sondern eine junge Witwe zu ihrer Schwiegermutter. Und mit ihrem Versprechen, mit ihrer Schwiegermutter mit zu gehen, wurde sie zum Wirtschaftsflüchtling.

Aber fangen wir doch am Anfang an: Noomi, eine Frau aus Bethlehem, zieht wegen einer im Land herrschenden Hungersnot mit ihrem Mann und den beiden Söhnen aus Israel weg in die Fremde, in das Land der Moabiter. - „Wirtschaftsflüchtlinge“ würde sie manch einer heutzutage nennen, wenn’s nett klingt; „Sozialschmarotzer“ sagen nicht gar so freundliche Stimmen. – Doch ihr Mann findet im Land der Moabiter Arbeit, die Söhne heiraten dort einheimische Frauen mit Namen Orpa und Rut. Alles scheint gut zu sein. Doch innerhalb von zehn Jahren sterben die drei Männer. Und Noomi und ihre beiden Schwiegertöchter sind Witwen. Und Witwen hatten es in dieser Zeit nicht leicht, sich zu versorgen. Was also tun?

Noomi hat gehört, dass es in Israel wieder besser geht, sie will zurück in die Heimat. Während die Schwiegertochter Orpa zu ihrer Familie zurückkehrt, erklärt die andere Schwiegertochter Rut, bei ihr bleiben zu wollen. Das bedeutet nun aber für sie, in die Fremde zu gehen, in das Ungewisse, in ein Land, das sie nur vom Hörensagen kennt.

So kommen die beiden Frauen nach Bethlehem. Zumindest direkt können sie dort  nicht in einen Familienverbund hineinkommen. Aber die soziale Notversorgung greift … und Rut darf auf den Feldern, die gerade abgemäht worden sind, Ähren aufsammeln - und zwar die Ähren, die während der Ernte zu Boden gefallen und liegen geblieben sind.

Während Rut dort sammelt, wird der Feldbesitzer auf sie aufmerksam. Er ist zudem noch ein weitläufiger Verwandter von Noomi. Nach einigem Hin und Her finden die beiden zueinander … und Rut, die Fremde, die ihre Schwiegermutter Noomi begleitet hat, die manch einer auch „Wirtschaftsflüchtling“ nennt, wird so Teil des Stammbaums von David, dem berühmtesten König Israels. Damit wird sie eine ganz wichtige Person in der Geschichte des Volkes Gottes.

Aber noch wichtiger finde ich: Rut war Noomi eng verbunden. Diese Verbundenheit bringt, zusammen mit dem Segen Gottes, die Flucht hinaus und den Weg zurück zu einem guten Ende.

Der berühmte und auch mich immer wieder beeindruckende Satz von ihr geht ja noch weiter: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“

Ist das nicht großartig, wenn ursprünglich einander Fremde unterschiedlichen Alters das mit Freude zueinander sagen können? Und wie schön ist es, wenn ein Paar mit diesem Wort in ein gemeinsames Eheleben startet. – Gottes Segen Ihnen allen wünscht Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 23.06.2016

Über was könnten wir denn mal schreiben?

Ich gebe zu: Manchmal stelle ich mir diese Frage. Denn nicht immer liegt ein kirchliches Fest, ein Jahrestag oder ein Ereignis als klare Vorgabe „im Weg“. Aber dann liegen zum Glück ja Themen genug auf der Straße, wie man sagt. Also los: Die Fußball-Europameisterschaft! Die interessiert eigentlich alle – mich ausgenommen. Und da ist man dann selbst im Kindergarten ganz schnell bei unsern Nationalkickern, die das Runde ins Eckige bringen sollen; oder war’s doch die  polnische Mannschaft, die favorisiert wird?  Egal, meist kommt das Gespräch ehe schnell auf die Hooligans; und das ist  kein schönes Thema.

Also lieber was Schönes: … Urlaub - ja, Urlaub ist gut! Wo geht's denn hin? In die Türkei? Zu Erdogan? Nein, über diesen wenig amüsanten Mensch kein Wort. Oder ins vereinigte Königreich, solange das Pfund so günstig gehandelt wird? Das darf doch nicht wahr sein. Oder fahrt ihr nach Lettland, wo sie gerade offiziell die Frauenordination wieder abgeschafft haben?

Ach, o weh, über was kann man denn noch ganz unverfänglich reden? – Über‘s Wetter? Tja, das geht immer! Und das ändert sich ja auch dauernd.  Aber auch da kochen die Emotionen hoch. Dieser sintflutartige Regen, wo bleibt bitte die Sonne? Und wenn sie dann da ist, schon ist es wieder zu heiß. … Und während wir jammern, gibt’s gar nicht weit entfernt Menschen, die haben in den Unwettern der letzten Wochen Haus und Hof verloren; manche gar ihr Leben. Und darüber lässt sich, finde ich, weder angemessen reden noch schreiben; das ist nur traurig und zum Erbarmen.

A ha! Da hat er den Dreh schon wieder hinbekommen: Habt ihr den theologischen Fachbegriff gehört? Es geht letztlich eben doch immer nur um die Kirche! – Da meint doch jeder, dass er oder sie mitreden kann. Und jede/r hat (s)eine Meinung.

Nur leider gibt es gerade überhaupt keinen tagesaktuellen Grund, über die Kirche zu reden. … Aber: Halt! – Es gibt ihn doch! War da nicht im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg vorletzte Woche (Ausgabe 25/2o16) auf Seite 26 ein bekanntes Gesicht unserer Gemeinde? … Genau, da: „Mensch der Woche“ – „Der Computer ist für viele Menschen ein Quell des Ärgers und des Verdrusses.“ Aber Thomas Egeler schafft zusammen mit seinem Sohn Lukas Abhilfe. Und wer mag, der darf zum Dank für die Evangelische Kirchengemeinde Nebringen spenden.

 

Das ist eine tolle Idee. Und über solche Ideen und Menschen sollte man viel mehr schreiben und reden – finde ich, Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius,

Gedanken Pfarrer Hofius 23.06.2016

Wer ist der Beste?

Wer steht ganz oben auf der Rangliste?

Jedes Jahr wieder die Diskussion im Fußball: Messi oder Ronaldo oder gar Manuel Neuer? Wer ist die Nummer eins?

Diese Frage bewegte auch die Jünger. Es muss  sich doch lohnen  mit dem  Messias auf dem Weg zu sein. Die Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, fragen Jesus: „Gib uns,  dass  wir  sitzen  einer  zur  deiner  Rechten  und  einer  zu  deiner  Linken  in  deiner  Herrlichkeit“ (Markus 1o,37). Denn Jesus spricht von einem neuen Himmelreich, einer neuen Herrschaft, einer Welt, die anders wird; da wollen die beiden Brüder gerne ganz vorne mitmischen.

Von den anderen Jüngern wird erzählt, dass sie unwillig werden, als sie diesen Wettkampf mitbekommen. Da wollen zwei ganz nach oben und die anderen hinter sich lassen. Konkurrenz  kommt  ins  Spiel.  Jeder  möchte  am meisten  Zuwendung  von  dem,  der  vorangeht und  die  Spielregeln  bestimmt.

Jesus  ruft  sie  gleich  zusammen.  Eine  Mannschaftsbesprechung.

Der Unfrieden muss beseitigt werden, denn die beiden haben wohl etwas falsch verstanden. Doch nicht nur sie, sondern eigentlich ja  die  ganze  Mannschaft. Das  muss  richtig  gestellt  werden. „Herrschaft“ heißt  bei  Jesus  etwas  anderes. Auch  „Rangliste“  bedeutet  etwas  Anderes. Herrschaft heißt Dienen. Jesus sagt: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten halten ihre Völker nieder und ihre  Mächte tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es nicht unter euch; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste  sein will, der soll aller Diener sein.“

Wie könnte eine Mannschaft auch anders funktionieren, als dass Einer dem  Anderen dienlich ist. Wenn nicht alles dafür getan wird, dass der Einzelne im Ganzen seinen Platz findet - mit seinen Fähigkeiten und Talenten - funktioniert es nicht.

 

Bei Jesus geht es nicht zuerst darum, als Nummer eins auf der Rangliste zu stehen, denn da oben kann es ganz schön einsam sein. Es kommt auf die Mannschaft an, auf das Zusammenspiel der Einzelnen im großen Ganzen.

Gedanken Pfarrer Hofius 07.06.2016

Nach Schule und Konfirmation ging’s so weiter: Lehr und ‚Wander’jahre“ – so lautet der Titel über dem Seniorennachmittag am 9. Juni.

Einerseits zu Recht; andererseits klingt das aber auch so, als ob es immer nur voran, aufwärts, weiter ginge. Und als ob das immer und überall so sein müsse.

Zum ‚immer weiter‘ möchte ich gerne eine illustrierende „Gegengeschichte“ erzählen: Mit dem alten Auto wollen wir in die Berge fahren. Ein paar Tage Urlaub machen. Frische Luft atmen.  Der Wagen läuft gut, wir genießen die Reise.  Nach langer Fahrt   geht   es   schließlich   bergauf.   Mit   jedem   Höhenmeter   steigt   auch   die

Motortemperatur.  Eine Pause ist nicht drin.  Bevor es dunkel wird, müssen wir beim geplanten Ziel sein.  Also weiter.  Doch irgendwann erreicht der Temperaturzeiger den roten Bereich.  Es dampft unter der Haube - der Motor ist heiß gelaufen. Kühlwasser fehlt. Nichts geht mehr.

Immer weitermachen. Keine Pause einlegen. Nicht mehr runterkühlen. Heiß laufen. Das kennen auch viele Menschen. Bis dahin, dass irgendwann nichts mehr geht.

In der Schöpfungsgeschichte der Bibel wird berichtet: „Und Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.“ Das ist erstaunlich.  Ist Gott, der Allmächtige, nach sechs Tagen Arbeit der Ruhe bedürftig? Die Bibel lässt das offen.  Doch sie macht unmissverständlich klar:  Mit dem siebten Tag hat Gott einen  Rhythmus geschaffen. Den Rhythmus von Arbeit und Ruhe. „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm  ruhte  von  allen  seinen  Werken,  die  Gott  geschaffen  und gemacht hatte“ heißt es weiter in Genesis 2,3.

Arbeit   und   Ruhe   gehören   wechselseitig   zusammen.   Wir   müssen   unsere   Arbeit unterbrechen,  um  körperlich  und  seelisch  aufzutanken.  Ohne  Ruhe  werden  wir  nur  noch angetrieben  und  treiben  uns  selbst  an.  Schließlich  wollen  wir  etwas  erreichen.  Wollen unseren  Wert  und  unsere  Identität  durch  Arbeit  verdienen.  Dadurch  drohen  wir  heiß  zu laufen.

Als Gegenmaßnahme schafft der Schöpfer diesen wunderbaren Tag zum „Runterkühlen“, den  Sonntag.  Wenn  wir  den  wöchentlichen  Ruhetag  einhalten,  bekommen  wir  Abstand zum  Alltag.  Wir  erfahren:  Unser  Wert,  unsere  Identität  hängt  nicht  an  der  Arbeit,  die  wir verrichten.  Sie  hängt an  Gott,  der  uns  gewollt  und  geschaffen  hat.  Unsere  Seele braucht diese Zusage. Immer wieder. Deshalb ist der Ruhetag ein Gottesdiensttag. Leib und Seele kommen zu ihrem Recht.

Auch wenn wir am kommenden Sonntag unser Gemeindefest feiern und ganz viele sich im Vorfeld und an diesem Tag keine oder kaum Ruhe gönnen, hoffe ich dennoch, dass es für alle ein Tag zum ‚Runterkühlen‘, zum Freuen und Aufatmen, ein gesegneter Tag wird und ist.   -  

 

Herzliche Einladung zum ‚Mit-Ruhen‘; Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 31.05.2016

„Unterwegs mit Abraham – unterwegs wie Abraham“ – so könnte man das Thema des vergangenen Sonntags zusammenfassen. Viele bunte Füße führten vom Eingang der Stephanskirche durch den Mittelgang zum Taufstein, dann zur Osterkerze und einem extra aufgestellten ‚Lebensbaum‘ und letztlich bis zum Altar, auf dem in Form der Bibel Gottes eigenes, gutes Wort liegt und die Grundlage all unseres Redens uns Tuns ist ... oder zumindest sein sollte.
Während des Gottesdienstes kamen noch so manche Fußabdrücke dazu: Die Mitarbeiter in der Kinderkirche hatten uns eindrücklich vor Augen gespielt, warum und wie gestimmt Abraham und Sara den Aufbruch in ein unbekanntes Land wagen. Einzig auf die Zusage Gottes hin, der ihnen seinen Beistand und Segen versprochen hat. Aber – so war dann die Rückfrage des Isaak im Nachgang – einen alten Baum verpflanzt man doch nicht (gerne). Was also braucht es, um am neuen Ort auch wieder gut Wurzeln schlagen zu können. … Ein bunter Strauß an guten und einfühlsamen Ideen wurde von der Gottesdienstgemeinde auf papierne Füße geschrieben und zu den Spuren dazugelegt. Von ‚Gemeinschaft‘ war da die Rede; von ‚Aufnehmen‘ und ‚Integrieren‘; von ‚offenen Türen und Herzen‘ und ‚gemeinsamem Spielen‘. ‚Hilfe anbieten‘ und ‚einfach mal fragen‘ wurde genannt. Und der Blick ging auch zurück: ‚Das hat doch schon so oft geklappt – das klappt auch jetzt wieder (wenn wir nur offen dafür sind).‘ … Ermutigende Worte und Zeichen.
Und dann als sprechendes Zeichen im Gottesdienst eine Taufe. – Die Spur führte ja auch über den Taufstein hin zum Altar. – Gott sagt „JA“ zu diesem Kind; sagt „JA“ zum Leben und zur Gemeinschaft. Er sagt „JA“ ohne jede Bedingung, ohne jede Vorleistung, ohne Wenn und Aber. Er sagt „JA“ und lädt zu einem Leben mit ihm, unseren Schöpfer und Herrn, ein. In Jesus Christus, seinem Sohn, hat er doch uns alle befreit und erlöst. Darum muß uns nicht bang sein vor der Zukunft; wer ihm nachfolgt, hat das Licht des Lebens (Oster- und Taufkerze!). Und um dieses Leben in und mit Gott besser kennen und verstehen zu können, haben wir Gottes Wort: In Form der Bibel, in Form der Andacht oder Predigt, in Form der gemeinsamen Feier von Gottesdiensten – ob nun als ‚Große‘ … oder als ‚Kleine‘ im Kindergottesdienst.
„Wollt ihr das Eure dazu beitragen, daß euer Kind als Glied der Gemeinde Jesu Christi erzogen werde.“ – heißt die zweite Frage bei einer jeden (!) Taufe an die Eltern und Paten. Und zu diesem „Erzogen-Werden“ gehört das Erzählen und Feiern in der Gemeinschaft der Gemeinde mit dazu.  Gemeinschaft ist wichtig; sie gibt Orientierung und Halt; sie trägt auch in schweren Zeiten und auf neuem Territorium.
Von daher finde ich’s spannend, daß der Weg weiter beschritten werden darf. Daß wir Gottesdienste in unterschiedlicher Gestalt miteinander feiern können und sollen – in aller Vorläufigkeit. Denn noch sind wir alle auf dem Weg – wie Abraham und die Seinen. … Eine nächste Station auf diesem Weg ist in anderthalb Wochen unser Gemeindefest am 12. Juni. Sein Thema: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Ein wundervolles Wort! Ein Gedanke, der uns aufatmen läßt. Der Vers tröstet schon in dem Augenblick, in dem man die Worte in den Mund nimmt. Im stillem Gebet und beim lauten Lesen spürt man es körperlich. Das Wort schafft in uns einen weiten Raum. Statt Enge und Angst spüren wir Freiheit und Zuversicht. … Gerade auch für die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden, die wir in diesem Gottesdienst willkommen heißen und mit ‚ihren‘ Bibeln beschenken wollen.
Lassen Sie sich doch dazu einladen, damit’s ein großes, buntes, fröhliches Fest in der Gegenwart unseres Gottes wird!
Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 24.05.2016

„Teatime“, das klingt für mich erst einmal nach England, wo von morgens bis abends schwarzer Tee mit Milch getrunken wird. Umso größer war meine Überraschung, als ich in der vergangenen Woche mit eigenen Augen sah, dass eine Biertrinkernation wie die Tschechen eine der höchsten Dichte an Čajovnas, also Teehäusern, in ganz Europa haben (so heißt es jedenfalls): Über 400 im ganzen Land - und davon allein um die 50 Teestuben in Prag.

Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass vor dem 20. Jahrhundert Tschechien sehr wenig mit Tee am Hut hatte. Wie auch, wenn alle Welt sich in Kaffeehäusern traf, rauchend über die relevanten Themen des Lebens diskutierte und Prag zur Konkurrenz der Pariser und Wiener Kaffeehauskultur werden ließ? Bis zum ersten Weltkrieg gab es immerhin um die 150 Teehäuser, die aber - im Gegensatz zu den Kaffeehäusern - unter dem kommunistischem Regime nach 1948 schnell wieder von der Landkarte verschwanden. Qualitativ hochwertige Tees waren eben nur der Partei-, Staats- und Militärelite vorbehalten. Die Normalsterblichen durften sich mit billigen russischen und vietnamesischen Teemarken begnügen. Die färbten durchaus das Wasser, viel mehr passierte aber nicht. Privater Import von Tee war schlichtweg verboten. Nach jahrzehntelangem Trinken von gefärbtem Wasser ließ die Samtene Revolution 1989 das Herz der Teeliebhaber höher schlagen: Endlich konnte hochwertiger Tee aus aller Welt  importiert werden! Die erste Teestube in Prag wurde 1993 von Aleš Jurina am Wenzelsplatz gegründet und existiert heute noch dort: Dobra Čajovna.

Doch wieso kommen Teehäuser hier so gut an? Sicherlich nicht nur wegen des Geschmacks. Denn trinkt man Tee, trinkt man nicht einfach nur Tee. Ob die Teestuben in feinen Gärten stehen, ob Geschäfte bei einem Tee beschlossen werden, formelle Zeremonien um das Getränk herum gefeiert werden oder wohlhabende Frauen um die Jahrhundertwende das Heißgetränk als Mittel nutzten, um sich mal ohne männliche Begleitung in sogenannten Ladies Rooms zu treffen:

Beim Teetrinken spielen eben auch immer politische, gesellschaftliche und kulturelle Fragen im Hintergrund eine Rolle. In Russland zum Beispiel wurde das Teetrinken erst populär, nachdem der mongolische Machthaber im 17. Jahrhundert bei dem russischen Zaren zu Besuch war und ihm, wie auch sonst, Tee schenkte. Heute ist Tee fester Bestandteil russischer Kultur.

Zurück zu den Tschechen. Wieso also gibt es hier so viele Teestuben? Darauf gibt es sicherlich mehr als nur eine Antwort. Eine interessante formulierte der Gründer von Dobra Čajovna, Aleš Jurina, gegenüber Radio Praha: „Tschechen sind nicht sehr religiös. Vielleicht fühlen sie in den Teestuben eine Verbindung zu Seele und Geist.“ Wer eine Čajovna besucht, dem wird auch bei nur ca. 10 Prozent religiöser Menschen in Tschechien nicht entgehen, dass die Stuben etwas Spirituelles ausstrahlen. Vielleicht, weil die tschechischen Teehäuser als Besonderheit den Tee gerade so zubereiten, wie es im jeweiligen Herkunftsland üblich ist. Und das mit erstaunlicher ‚Andacht‘ und Konzentration.

Für mich sind die Čajovnas, die Teestuben einen spannende Abwechslung zu den immer noch verrauchten Cafés und Kneipen, die in Prag keine Seltenheit sind. Außerdem gibt es dort nicht zuletzt einfach guten Tee. – Bis zum nächsten Besuch gilt daher: Tee trinken und abwarten.

 

Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 17.05.2016

Reformation hüben wie drüben

Mit großen Schritten gehen wir auf das Jahr 2o17 und das Gedenken des 5oo. Jahrestages des Thesenanschlags in Wittenberg durch Martin Luther zu.

Nun steht aber nicht er mit seinem Konterfei über diesen Gedanken, sondern ein gestrenger hagerer Herr mit Namen Johannes Calvin. Warum das?

Am 21. Mai 1536 – also vor nunmehr 48o Jahren - hatten die Bürger der schweizerischen Stadt Genf für die Einführung der Reformation gestimmt. Dieses demokratische Geschehen war ein Schlusspunkt unter jahrelange Auseinandersetzungen. Einmal ging es um die Unabhängigkeit von den Herren der Stadt, dem Bischof und dem katholischen Herzog von Savoyen. Und es ging zum anderen um die rechte Kirchenlehre, um die Reformbewegung, die Männer wie Martin Luther, Philipp Melanchthon oder Erasmus von Rotterdam angestoßen hatten.

Über Paris und Basel kommt der am 1o. Juli 15o9 in nordfranzösischen Noyon geborene Calvin, studierte in den Rechten und alten Sprachen, nach Genf. – Kurz zuvor, im März 1536, war in Basel seine  Schrift „Christianae religionis institutio“ erschienen, ein Lehr- und Regelbuch der Rechtgläubigkeit, das Calvin sein Leben lang erweiterte und ausbaute. In ihm hatte der glänzende Jurist die Grundlagen der evangelischen Lehre zusammengefasst: Bilderverbot; Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt; Freigabe der Priesterehe; die Bibel als Maß aller Glaubensdinge. Mit der „Institutio“ hatte Calvin mit einem Schlag einen Platz in der ersten Reihe der europäischen Reformatoren erreicht.

Auch Guillaume Farel, Kopf der Genfer Reformatoren, wusste, wer da in die Stadt kam. Farel nötigte Calvin zu bleiben und an der Festigung der Reformation in Genf mitzuwirken. Gemeinsam verfassten sie eine verbindliche Kirchenordnung – mit sehr radikalen Forderungen: Themen wie Kirchenzucht und Ausschluss vom Abendmahl, Regeln zum Gemeindegesang, zum Religionsunterricht, und zum verpflichtenden Bekenntnis unter Eid, … all das ließen die Bürger sich nicht gefallen. Man stritt heftig – über fast dreißig Jahre hin: Auf der einen Seite die Pastoren, die die verstockten Genfer mit harter Hand zum rechten Glauben trieben wollten, auf der anderen Seite die selbstbewussten, alteingesessenen Patrizier, die, wiewohl selbst Anhänger der Reformation, die alte Bevormundung nicht gegen eine neue eintauschen wollten.

Doch über dem und auch durch diesen Streit wurde Genf zum zweiten großen Zentrum der Reformation neben Wittenberg. Zu einem Ort, der manchen wie ein neues Rom, ein Heilszentrum der Reformierten erschien, anderen dagegen als Ort finsterer Gesinnungsschnüffelei, in dem sogar Scheiterhaufen brannten.

Denn anders als Martin Luther wollte Johannes Calvin nicht bei der Lehre allein stehen bleiben, sondern auch die Reformation des gesamten Lebens in Angriff nehmen. Reformation des Lebens, das hieß für Calvin: „Gott ist unser Schöpfer und deshalb hat er auch Vater- und Herrenrechte an uns. Wir sind also nicht unsere eigenen Herren, sollen nicht der Lust folgen, wohin sie uns treibt, sondern allein von seinem Winke abhängen und in dem bleiben, was ihm wohlgefällt.“ – Und was Gott wohlgefällt, das legten Farel und Calvin und ihre Mitstreiter  anhand der Bibel fest.

Calvin predigte innerweltlichen Verzicht, rigorose Selbstkontrolle und planmäßige Gestaltung des Lebens Arbeit, Ordnung und Pflicht rangierten ganz oben in der Hierarchie; Genuss, Vergnügen und Lust waren verpönt. Und zwar in extremer Form: Es gab keine ausgelassenen Hochzeiten mehr, kein traditionelles Totengedenken, keinen Gottesdienst alten Stils, keine Bilder in den Kirchen. Es gab keine Klöster und damit keine Nonnen und Mönche mehr, die sich der Armenfürsorge verschrieben hatten. Plötzlich musste hier die Stadt als Gemeinwesen einspringen. So  entstand in Genf bereits im 16. Jahrhundert eine Art kommunaler Wohlfahrtspflege.

Calvin dachte strukturiert und langfristig. Er investierte massiv in Bildung und prägte so die Überzeugungen der nachfolgenden Generationen. Nach und nach verschmolzen die Kirche Calvins und der Alltag in Genf. Es ging streng zu, vor allem in der 2compagnie des pasteurs“: Die Pastoren lebten, was sie predigten. Und das färbte auf das Selbstverständnis der Stadt ab. - Calvins reformierter Protestantismus wurde zum Erfolgsprogramm, auch gegenüber den Lutheranern. Erfolgreich nicht nur, weil die Genfer französische Bibeln und Katechismen ins allerkatholischste Königreich Frankreich schmuggelten. Das neue Bekenntnis fand überall Anhänger. In Schottland, in England, später in Nordamerika; stark in den Niederlanden; im Heiligen Römischen Reich, in der Kurpfalz und der Oberpfalz, im Nassauischen, am Niederrhein, in Brandenburg und anderswo.

Und doch gehören sie zusammen als „Protestanten“ – die ‚Reformierten‘ mit dem Genfer Hintergrund … und die ‚Lutheraner‘ mit der Wiege in Wittenberg. Zwei Seiten ein und derselben Medaille, die in die Währung der Welt umsetzen will, was in der Bibel, im Wort Gottes und im Handeln Jesu Christi zu lesen, hören und erfahren ist.

 

„Ich find’s spannend“, sagt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 10.05.2016

Am  kommenden  Wochenende  ist  Pfingsten.  Die  Kirche  feiert  Geburtstag.  Die  Christenheit erinnert sich  daran,  wie  alles  anfing:  Eine  kleine,  aber  starke  Gemeinschaft,  begeistert  und voller Tatendrang, macht sich auf den Weg. Sie will das weiterführen, was Jesus begonnen hat. Sein Tod soll und darf nicht das letzte Wort haben. Jesus ist zwar nicht mehr da, aber die Gemeinschaft mit ihm ist nicht am Ende, ist nicht tot. Sie ist lebendig und stark. Das spüren sie, wenn sie miteinander Brot und Wein teilen. Wichtig ist ihnen: Nichts darf verloren gehen von dem, was Jesus ihnen mitgegeben hat. Und so  fragen  sich  die  ersten  Christen:  Was  verbindet  uns  untereinander  und  mit  Jesus?  Nach zähem Ringen formulieren sie vier Jahrhunderte nach Jesu Tod ein Bekenntnis ihres Glaubens. Bis heute wird es in unseren Kirchen gesprochen.

Das ist schon etwas ganz Besonderes: Über Jahrtausende hinweg, rund um die Welt sprechen  Christen  im  Gottesdienst  ein  und  dieselben  Worte.  Eindrucksvoll demonstrieren  sie damit, wie sie untereinander verbunden sind. Diese Worte sind wie der Schlüssel zu einem vertrauten Raum – ein Stück Heimat. So gesehen dürfte man überhaupt nicht an ihnen rütteln.

Und zugleich wirkt der Glaube in diesen bekennenden Worten  für manche wie  eingefroren.  Der  Schlüssel  zu  den  Bildern  und Worten  ist  vielen  verlorengegangen. Die Frage der ersten Christen aber steht nach wie vor im Raum: Was verbindet uns denn und woran glauben wir gemeinsam?

„Wie kann etwas Unsichtbares wie der Heilige Geist so viel bewirken?“ – Ich höre und spreche „…Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ … und frage mich im Nachdenken darüber: Wie geht das? Wo erlebe ich das? Woran macht sich dieser Glaube fest? – Denn was ist vielerorts geblieben von der „Gemeinschaft der Heiligen“, was von Jesu Traum vom Reich Gottes auf  Erden, wo Frieden und Gerechtigkeit herrschen?  Es sind diese Fragen, die lähmen; die unfähig machen, das Leben in die Hand zu nehmen … und für sich selbst und  andere Menschen die richtigen Wege zu finden. Auch der kleinen Gemeinschaft der Jünger ergeht es so. Plötzlich aber wird ihnen dennoch die Kraft zuteil, wieder aufzustehen. Das empfinden sie als Geschenk Gottes. Sie wollen den begonnenen  Weg  Jesu weiter  gehen.Mit  ihrer  plötzlichen  Begeisterung  stecken  sie  auch andere Freundinnen und Freunde Jesu an. Ein Wunder! 

Das Pfingstwunder in der Bibel erzählt einerseits vom unerwarteten Wandel der Jünger und somit von der Geburtsstunde der Christenheit. Andererseits ist es eine „Mutmachgeschichte“ für alle Verzweifelten und Trauernden. Was ein Mensch einem wirklich bedeutet hat, wird einem oft erst klar, wenn er nicht mehr da ist.  Noch  Jahre  später  steigen  gerade  dann  Erinnerungen  in  uns  auf,  wenn  wir  nicht  mehr weiter wissen oder auch nur etwas Wichtiges entscheiden müssen. Plötzlich wird Vergangenes  gegenwärtig:  Gesprächsfetzen,  ein  Lachen,  Hände,  die  wie  keine  anderen  zupacken, streicheln, trösten konnten. Für den Bruchteil eines Augenblicks hören, sehen und spüren wir den vertrauten Menschen. Das ist schön und schmerzlich zugleich, macht es doch bewusst, was für eine unwiderrufliche Grenze der Tod ist.

Der  Apostel  Paulus  hat  von  Gott  als  von dem „Geist, der lebendig“ macht, gesprochen. Ein passender Name für Gott. Er trifft für das Pfingstwunder  ebenso  zu  wie  für  die  vielen  anderen ganz  persönlichen  kleinen  und großen Wunder des Lebens.

 

Diese suchen, finden und entdecken zu können, das wünscht Ihnen und sich Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 03.05.2016

Wie ein Traum….

 Lothar  Zenetti, inzwischen neunzigjähriger österreichischer Priester und Dichter, ist  ein  Meister  der  Sprache.  In  seinen  Texten, Gedichten  und  Liedern finden  sich  seit Jahrzehnten moderne  Menschen  wieder.  Vielleicht umso mehr, als es bei ihm keine fromme  Phrasen  gibt .  Er  spricht  authentisch  von  Zweifeln  und Fragen, von  Träumen  und  der  Sehnsucht  des  Menschen  nach  Geborgenheit,  manchmal sogar  von  Gottes  Nähe.  Oft  ist  er  ganz  dicht  dran  an den biblischen  Vorlagen,  übersetzt  sie  in unsere Zeit. Siebzig Texte sind jetzt erschienen in der Sammlung „Wie ein Traum wird es sein“ im Patmos-Verlag.

Egal, ob es sich um kritische oder besinnliche Gedanken handelt, die Texte offenbaren eine Zuversicht, ein tiefes Gottvertrauen: Auch wenn er, gerufen von Gott, ihm folge - ihm, dem unsichtbaren Gott -, fühlt er sich an manchen Punkten sehr alleine. Darum dann sein Bitte, dass Gott ihn nicht aus den Augen verlieren möge.

Dieser in wenigen Worten formulierte Gedanke öffnet mir die Augen. Jesus ist auch mir weit voraus. Er ist bei seinem Vater im Himmel, also ganz bei Gott. Trotzdem oder gerade darum die Bitte um das Gesehen- und Angesehen-Werden.

Mir geht es manchmal wie den Jüngerinnen und Jüngern, die nach der Himmelfahrt Jesu zum Himmel starren, Jesus suchen. Und feststellen: Dort ist er nicht zu finden. Der Himmel bleibt leer. Aber das Antlitz Jesu ist auf Erden sichtbar. Und manchmal ist  sogar  seine  Spur  zu  sehen.  Auf  dem  Weg,  auf  den  er  mich  gestellt  hat.  Den  Weg  der Nachfolge kann ich vertrauensvoll gehen, wenn er mich im Blick hat. Mich nicht verliert aus seinen  Augen.  Ein  tröstlicher  Gedanke  auch  in  Zeiten  des  Zweifels.

Lothar  Zenetti  vertraut auf Jesus Christus. Doch er sieht ihn nicht durch eine verklärende rosarote Brille, die vieles ausblendet. Er  sieht  ihn  als  Menschen,  als  Bruder, als ohnmächtig Verlachten, als scheinbaren Verlierer, der wider allen Augenschein so viel mehr ist und tut: Er ist der Sieger, der mich ansieht, der meiner gedenkt, der sich meiner annimmt und mich für sich gewinnt.

Zenettis Texte sind für mich eine Liebeserklärung an unseren Gott, der auf alles das verzichtet, was aus menschlicher Sicht  einen  Gott  auszeichnet.  Erwartet wurde ein  Allmächtiger,  der  mit  den Mächtigen  ist – und gekommen und geblieben ist der HERR, der auch weiterhin zu den  Enttäuschten  und  Blinden,  den  Traurigen und Einsamen, den Heimatlosen und Vergessenen hält.  …  

‚Und WIR?‘, fragt sich Ihr Pfarrer Christoph Hofius.  .

Hinweise Pfarrer Hofius 26.04.2016

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft,

noch seine Güte von mir wendet.   (Psalm 66,2o)

Dankbarkeit und Freude – ob nun über etwas Großes oder auch nur etwas vermeintlich Kleines, das ist etwas, was wir ‚Großen‘ wohl gut an den ‚Kleinen‘ lernen können.  Der Wochenspruch für den kommenden Sonntag hält diese Dankbarkeit und Freude fest; er benennt auch den Grund, ohne ihn selbst klar definieren zu können. … So sehe ich’s jedenfalls. Kinder wären bzw. sind da ein ganze Stück klarer unterwegs.

Als Beispiel möchte ich den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil anführen, der sich im zarten Alter von neun Jahren Gedanken über das Kirchenjahr machte. Er schrieb damals auf:

„Das Kirchenjahr fängt nicht am 1. Januar an, sondern am 1. Advent. Das ist, damit die Christen sich auf Weihnachten freuen können. Dann geht es auf Ostern zu. So haben die Christen immer ein Fest, auf das sie sich freuen können.“  Man sagt dann: „Nur noch anderthalb Wochen bis Himmelfahrt oder nur noch gut drei Wochen bis Pfingsten.“  Man kann sich freuen, bis das Fest dann endlich da ist. 

„Das Kirchenjahr“ schreibt der Junge, „ist eine Einteilung der Zeit zur allmählichen Freudensteigerung.“ Was für ein schöner Gedanke! Darauf können nur Kinder kommen. Sie freuen sich einfach. Kinder denken nicht: „O Gott! Schon bald wieder Pfingsten! Wir wollen doch wegfahren und ich muss noch so viel machen! Wie soll ich das bloß schaffen?“ Klar, Kinder haben es gut. Wir machen uns für sie den Kopf. Aber trotzdem.  Jesus sagt: „Werdet wie die Kinder. Freut euch einfach!“ Daran sollte man sich als gestresster Erwachsener ab und zu mal erinnern. Gerade auch jetzt, wo’s auf Himmelfahrt und Pfingsten zugeht. … Gott verwirft damals nicht die Trauer und das Gebet der erneut verlassenen Jünger. Er wendet seine Güte nicht von ihnen, sondern schickt ihnen den verheißenen Tröster, schickt den Heiligen Geist, in dem er voll und ganz bei den Seinen ist.   Und das ist – Gott Lob – keine alte Geschichte, sondern passiert auch heute noch. Wir müssen’s nur sehen und spüren wollen.

 

Denkt Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 19.04.2016

„Gott im Anderen sehen“

„Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum  gibt es die heute nicht mehr?“ fragt ein Schüler den Rabbi. „Weil sich niemand mehr so tief bücken will.“

Ich weiß nicht, ob die Menschen früher wirklich demütiger waren: Moses oder Elia oder wie sie alle hießen, die noch direkt mit Gott sprechen konnten. Aber ich finde die Antwort des Rabbi trotzdem hilfreich. Irgendwie scheinen wir  ganz  automatisch  nach  oben  zu  gucken,  wenn  wir  Gott  suchen.  Das  Bild  von Gott,  der  im Himmel  wohnt,  scheint tief  in  uns  verankert.  Aber Gott  kann  ja  auch  überall sein.  Doch  die  Perspektive  nach  unten  zu  wechseln,  einander auf Augenhöhe zu begegnen, kann  trotzdem  nicht  schaden.

Wer  wirklich  nach  Gott  sucht,  der  sollte  zu  den  Menschen  gehen.  So  verstehe  ich Jesus, wenn er sagt: „Was ihr diesen meinen geringsten  Brüdern  (und Schwestern) getan  habt,  das habt ihr mir getan“. - Und damit es auch ganz anschaulich wird, zählt er’s sozusagen in Extremsituationen auf: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen geben, ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“. Wer  das  tut:  Fremde  aufnehmen,  Nackte kleiden,  Gefangene  besuchen, der  muss sich bücken. Und der begegnet nicht nur Menschen, sondern Gott. Dieser Perspektivwechsel ist eine ziemliche Zumutung. Gott nicht nur zu erkennen auf den schönen Bildern unserer Altäre, in der aufblühenden Natur oder in den Menschen, die uns ‚eh schon‘ lieb und nett und freundlich und angenehm sind, sondern in den Obdachlosen, der vor so mancher Kirchentüre Platte machen. Gott  zu  erkennen  in  dem  fremden  Gesicht  des  Flüchtlings.  In  den  vielen fremden Gesichtern. Für geringste Brüder und Schwestern gibt es keine Obergrenze. Bei  all  den  verständlichen  Befürchtungen,  wie  Integration  überhaupt  geleistet  und finanziert werden kann - bei all dem, finde ich diesen Perspektivwechsel immer wieder hilfreich: Eben in dem Fremden nicht nur einen Fremden zu sehen, sondern Gott.

Das heißt für mich zweierlei: Zum einen, wenn wir die Anderen, die Fremden ausgrenzen - sei es an Zäunen oder im Herzen - dann riskieren wir gottlos zu werden. Zum anderen heißt das aber auch: Nicht nur ich helfe dem anderen. Sondern auch er kommt mir zu Hilfe. Davon erzählen immer wieder die, die sich tatsächlich auf den Perspektivwechsel eingelassen haben.

Wenn ich mich wirklich auf den und die Andere einlasse, wenn ich mir und ihm bzw. ihr Zeit und Aufmerksamkeit gebe, dann kann es wirklich geschehen, dass ich berührt, begeistert werde, dass ich Sinn finde; dass da  etwas ist,  was  über  das  Alltägliche  hinaus weist. Eine Ahnung vom Göttlichen eben.

- Und warum zu diesen Gedanken das Bild der diesjährigen Konfirmation? Weil’s mir so ging und geht, dass ich froh und dankbar für all das bin, was wir auf unserem gemeinsamen Weg an- und miteinander haben entdecken dürfen. Darum Euch allen ‚herzlichen Dank‘ und Gottes Segen auf den weiteren Weg!

 

Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 12.04.2016

MASANGANE  -  Aidswaisen erhalten vielfältige Unterstützung

Über die »Evangelische Mission in Solidarität« (EMS), der auch die Brüdergemeine in Südafrika als Mitglied angehört, haben die diesjährigen Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie Täuflinge das Projekt »Masangane« (Umarmung), ein HIV/Aids-Projekt am Kap der guten Hoffnung, zu ‚ihrem‘ Projekt gewählt.

In Südafrika gibt es über eine Million AIDS-Waisen, die ohne Eltern oder nahe Erwachsene selber durchkommen müssen. Oft leben sie bei entfernten Verwandten oder in Kinderhaushalten.  Mit ihrem AIDS-Programm „Masangane“ unterstützt die Evangelische Brüder-Unität (MCSA) an vier Standorten in der Ostkapregion betroffene Kinder durch ganztägige Betreuung und Verpflegung in Kindergärten. Das Projekt war eines der ersten derartigen Projekte in Südafrika, das für viele spätere Projekte in Staat und Kirche Vorbildcharakter besaß. Es vereint präventives bzw. pädagogisches Vorgehen mit der Sorge für die infizierten und erkrankten Menschen sowie mit der sozialen Begleitung und Unterstützung von Waisen und anderen Hinterbliebenen: Bei Schulkindern kommt „Masangane“ für Schulgebühren, Schuluniformen und Alltagsgüter wie Lebensmittel, Kleider, Seife und Petroleum auf. Frauen, die selbst HIV-positiv sind, dienen dabei im Rahmen des Möglichen als Mutterersatz. Sie erhalten dadurch zum einen selbst eine Überlebensperspektive und sind zum anderen ein ermutigendes Beispiel, dass es trotz der Krankheit möglich ist, ein weitgehend normales Leben zu führen. AIDS-Aufklärung, Trauerbegleitung und seelsorgerliche Unterstützung für Kinder und Frauen gehören selbstverständlich dazu.

Um möglichst viele Patienten erreichen zu können, arbeitet Masangane mit ortsansässigen Multiplikatorinnen zusammen, den sogenannten Home-Based Careworkers. Die meisten von ihnen sind ebenfalls HIV-positiv. Sie machen den Patienten Hoffnung darauf, dass es trotz Krankheit möglich ist, ein normales Leben zu führen.

Helfen auch Sie mit, dass Masangane weiter helfen kann. So kosten Schulgebühr und Schuluniform für ein Kind jährlich lediglich 30 Euro, an einer weiterführenden Schule nur 40 Euro.

Bitte unterstützen Sie das Projekt der Konfirmanden 2016 in Südafrika mit Ihrer Spende!

 

Spendenkonto:

Evangelische Mission in Solidarität

Evangelische Bank eG

IBAN: DE85 5206 0410 0000 0001 24

BIC: GENODEF1EK1

 

 

Bittet Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 05.04.2016

Bald 67 Jahre gilt das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das in seinem ersten Artikel von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen spricht. – Und das gilt eben grundsätzlich, immer, überall, für jedermann und –frau; und eben gerade bzw. in besonderem Maße auch für ‚Schutzbefohlene‘ im weitesten Sinne.

In den letzten Tagen und Wochen ist mir das im Hinblick auf unseren Umgang mit Älteren und speziell mit Menschen mit Demenz wichtig geworden. – Auslöser war der Besuch in einem weiter entfernt liegenden Pflegeheim, in dem mir zunächst die gemütlichen Wohnzimmermöbel, eine Küche, möbliert wie aus vergangenen Tagen, helle Räume und viele Farben ins Auge fielen. Und doch war es nicht nur gemütlich „und wie in alten Zeiten“ in diesem Pflegeheim. Später erfuhr ich, dass moderne technische Elemente den Bewohnern helfen, besser zurecht  zu kommen. Ich beobachtete, dass Sensoren anzeigen, wenn Patienten durch die Außentüren gehen. So können die Pflegenden ohne verschlossene Türen arbeiten und behutsam schauen, ob sich eine Person in Gefahr begibt oder nicht.

Die Leiterin des Hauses beschrieb einige grundsätzliche Elemente des Konzeptes, um Menschen mit Demenz zu betreuen. Sie spricht von „Menschen mit Demenz“, nicht von „dementen Menschen“. Schon allein diese Begriffsklärung finde ich wichtig und nachahmenswert. Menschen sind nicht auf ihre Krankheit zu reduzieren. Ihre noch vorhandenen Fähigkeiten sollen wahrgenommen und gefördert werden. Selten sitzt jemand in diesem Pflegeheim nur stumm in seinem Stuhl. Möglichst alle werden in den Tagesablauf eingebunden. Der Umgangston ist wertschätzend und respektvoll. Eigentlich selbstverständlich, denke ich. Doch fallen mir auch Situationen ein, in denen Menschen mit Demenz eher kindlich begegnet worden ist – wohl eher, weil man hilflos war.

Beeindruckend finde ich, wie sich die Haltung gewandelt hat im Umgang und bei der 

Pflege von Menschen mit Demenz. Erinnern uns im Alter doch gerade Menschen mit Demenz daran, wie sehr wir in jeder Altersstufe aufeinander angewiesen sind. Daran, dass uns dies in unserer hochentwickelten, leistungsorientierten Gesellschaft immer mehr verloren geht. Menschen mit Demenz legen den Finger auf eine alte Wunde. Wer darauf aufmerksam wird, kann verhindern, dass die Wunde noch tiefer geht. Wir könnten und sollten dringend neu lernen, füreinander da zu sein. Und wir sollten deutlich Profil zeigen, wenn der Umgang mit Jungen oder Älteren nur an der wirtschaftlichen Machbarkeit gemessen wird; das tut auf Dauer nicht gut – auch uns nicht!

Im Buch des Predigers im Alten Testament – Kohelet – heißt es in Kapitel 4, Vers 9ff:

„So ist's ja besser zu zweien als allein.

 Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf.

 Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft.“

Eine Jahrtausende alte, weise Erfahrung der Bibel, die bleibenden Wert hat.

 

Denkt Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 29.03.2016

Es  ist  schon  kurios:  Arabische Christen aus Gaza dürfen mit Sondergenehmigung für Tage bzw. wenige Wochen ihr Zuhause verlassen. Und sie reisen zu Ostern an den Hotspot in Jerusalem, an die Grabeskirche. Aus dem einen umkämpften Gebiet an den Ort, an dem sechs  christliche  Konfessionen  um  ein Grab  in einer Kirche in Jerusalem streiten. Sie streiten um ein leeres Grab. In dem soll Jesus gelegen haben, so  die  Tradition.  Und  an  hohen  Festen - wie  eben  an  Ostern - kommen  sich Christen  aus verschiedenen  Traditionen im wahrsten Sinn des Wortes in die   Quere - bei   ihren Prozessionen nämlich. 

Dabei glauben Christen doch an den Auferstandenen. Und dann streiten sie sich in Jerusalem um den Zugang zu einem leeren Grab. Als ob da noch etwas zu sehen wäre vom Aufstand des Lebens gegen Tod und Verwesung. Einen Aufstand,  den  Gott  selbst  angezettelt  hat,  so  die  Bibel.  Einen  Aufstand mit  weitreichenden Folgen: Denn die Auferstehung ist der Aufstand gegen den Tod in all seinen  Facetten.  Und  dieser  Aufstand  ist keinem Grab anzusehen.  Auch  nicht  dem  leeren  Grab  in Jerusalem.

 

Und doch kann ich die Christen aus Gaza verstehen: Wir möchten ja als Menschen so gerne etwas sehen von dem, was uns bewegt, was uns wichtig ist. – In der Osternacht und beim anschließenden Gang auf den Friedhof ist mir das wieder deutlich geworden: Wenn wir als Christen heute einen Menschen zu Grabe tragen, dann ist etwas zu sehen und zu spüren von diesem Aufstand. Denn das Licht einer Kerze ausgerechnet  dort, wo  alles  nur  noch dunkel  ist,  das  verändert  alles.  Es  ist, als ob jemand der Macht des Todes entgegentritt. Nicht aus sich  heraus,  sondern mit österlicher Gewissheit: Gott handelt. - Wer   Menschen   am   Grab Trost   zuspricht, kann das christlich  nur  als  Zeuge der Osterbotschaft, zu der auch die unbequeme Frage gehört: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?  Das haben die Männer in den weißen Gewändern am Ostermorgen die Frauen gefragt,  die  sich  zum  Grab  aufgemacht  hatten.  Die  Frauen  haben  die  Frage  vermutlich  gar nicht  verstanden. Wer kann den Tod  schon besiegen?  Doch sie sind umgekehrt, sind  zurück ins Leben. Und da müssen sie erfahren  haben: Er lebt. Er ist mitten unter  uns. Gott hat nicht vor dem Schweren bewahrt, aber er hat gehandelt. Mögen wir dieses Wissen oder Erahnen doch über die Ostertage hinaus in unseren Herzen und Sinnen weitertransportieren. Dass Ostern nämlich der grundsätzliche Aufstand Gottes gegen den Tod ist. Wer das glaubt, kann selbst Tag für Tag aufstehen gegen Gewalt, Leid und Unrecht, um mit dabei zu sein bei Gottes Handeln gegen Tod und Grenzen.

Hinweise Pfarrer Hofius 23.03.2016

„Vom ersten Anfang der Christenheit her kennen wir das Bemühen der Gemeinde, die gewaltigste Geschichte der Welt, die Leidensgeschichte Jesu, möglichst eindringlich und anschaulich vor Augen und Herz zu stellen; und von allem Anfang an war der Christenheit deutlich, dass die gewaltigste Karfreitagspredigt in den ganz schlichten Erzählungen der Evangelien uns gegeben ist. Sie der Gemeinde lebendig zu machen, ist deshalb immer das wichtigste Anliegen der Passionszeit.“  -  So schreibt Otto Riethmüller 1932 in der Einführung zu ‚seiner‘ Lukas-Passion, die der Nebringer Kirchenchor zusammen mit der Gemeinde im Karfreitags-Gottesdienst bedenken will. Riethmüller, als Theologe besonders von Adolf Schlatter geprägt, hatte er verschiedene Pfarrstellen inne (unter anderem ab 1919 in Esslingen am Neckar), bevor er 1928 die Leitung des evangelischen Reichsverbandes weiblicher Jugend in Berlin-Dahlem übernahm. Seit 1935 war er Vorsitzender der Jugendkammer der Bekennenden Kirche. In diese Jahre fallen die Bearbeitung von Liedern der Böhmischen Brüder wie „Sonne der Gerechtigkeit“, die Übersetzung lateinischer Hymnen wie Verbum supernum prodiens („Das Wort geht von dem Vater aus“) und eigene Lieder („Herr, wir stehen Hand in Hand“), die in den Jugendgesangbüchern ‚Ein neues Lied‘ und ‚Der helle Ton‘ von ihm herausgegeben wurden. Auf ihn geht auch die Jahreslosung zurück, die er seit 1930 herausgab.

Da die gewaltigen Passionen Bachs viele Gemeinden vor Probleme stellen, kam Riethmüller zu einer Kombination von Chor- und Gemeindegesang, bei dem als moderierende Überleitungen der biblische Text nach Lukas in verschiedenen Stimmen gesprochen wird.

„Diese schlichte Feier will also solchen Gemeinden einen Dienst tun, denen die Darbietung der Bachschen Passion versagt bleibt, und sie möchte insbesondere einen Dienst der Jugend an der Gemeinde vorbereiten, der Jugend und Gemeinde enger zusammenschließt.“

Es geht Riethmüller nicht um eine ‚Vor-‚ oder ‚Aufführung‘, also nicht um ein ‚Konzert‘, sondern um einen Gottesdienst in konzentrierter Form mit „eindrücklicher und anschaulicher Verkündigung der Leidensgeschichte selbst. Darum beteiligt sich der eine Chor an allem. Er teilt sich bei der Geschichte selbst in den kleinen Chor der Jünger und in den größeren Chor der Juden und übernimmt auch einzelne Abschnitte des erzählenden Teils; er gibt die Deutung der Ereignisse aus den übrigen Gebieten der Schrift; er beteiligt sich am Echo der Gemeinde, die mit ihrem Lied die Vorgänge begleitet.“

„Als Leitgedanke geht durch die ganze Passion, am Schluss bei der Kreuzesszene immer stärker hervortretend, das zweifache Wort hindurch: „Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? – Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden.“ Diese Worte müssen auch vom Chor immer wieder als Thema herausgehoben werden.“

Ich freue mich als Pfarrer über diese Anregung unserer Kirchenchorleiterin, Frau Ruth Brucker, und über die Bereitschaft des Kirchenchores zu dieser besonderen Form der Verkündigung am Karfreitag. – Und wir freuen uns, wenn Sie … und Ihr, denn es geht ja auch um „einen Dienst der Jugend an der Gemeinde“ … an diesem Gottesdienst feiernd, singend und hörend in großer Zahl beteiligt sind und seid.

 

Darum: Herzliche Einladung!        Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 18.03.2016

Anmerkungen zu Palmsonntag,

dem Gedenktag des Einzugs Jesu in Jerusalem

 Wussten Sie schon, ...

  ...dass der Evangelist Johannes der einzige Evangelist ist, der von Palmzweigen beim Einzug Jesu nach Jerusalem spricht? Matthäus, Markus und Lukas sprechen nur ganz allgemein von Zweigen, die die Leute hatten. Und das mit Grund: Auf der Höhenlage von Jerusalem wachsen keine Palmen. Die gibt es erst im Jordantal oder an der Küste wieder – jedenfalls gut 800 Höhenmeter tiefer. Woher hatten die Leute Palmenzweige?

  ...dass in der Antike im Orient der Palmzweig jedoch Zeichen des Siegers ist?

  ...dass der Ruf „Hosianna“ eigentlich gar kein Jubelruf ist wie bei uns „Hurra!“ oder in der kirchlichen Sprache „Halleluja“, sondern dass es wörtlich übersetzt „Herr, hilf doch!“ heißt?

    ...dass die Worte „Hosianna! Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“ ein Zitat aus Psalm 118,25 und 26 ist – nicht aber so der Zusatz „der König von Israel“?

    ...dass mit dem Zitat aus Psalm 118 eigentlich ein Gruß an die Wallfahrer war, die nach Jerusalem zum Tempel kamen?

    ...dass also der Evangelist Johannes ein ausgesprochenes Interesse daran hatte, den Einzug Jesu als den Einzug eines siegreichen Königs zu gestalten?

    ...dass die Palmprozession als festes liturgisches Ereignis der christlichen Kirche bereits 384 nach Christus in Jerusalem gefeiert wird?! Zu einer Zeit, als man in Jerusalem jedenfalls noch kein Himmelfahrtsfest kannte? Das zumindest berichtet Egeria, eine vermutlich aus Frankreich stammende  Pilgerin (!), die 384 ein ganzes Kirchenjahr in Jerusalem erlebt hat und als erste ausführlich von der Liturgie berichtet: Bei der Prozession wird Jesu Einzug in Jerusalem nachgestellt, und die Kinder, die vor allem für das Tragen  Palmzweige zuständig sind, und die Erwachsenen rufen bezeichnender Weise nur „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“. Die Lesung des Tages lautet: „Freuet euch! Und abermals sage ich euch: Freuet euch! Der Herr ist nahe“ (Philipperbrief 4,4)

 

    ...dass in der ostkirchlichen Tradition Palmsonntag lange den Charakter eines Freudenfestes hatte? Der Kaiser von Byzanz z.B. zog an Palmsonntag durch Konstantinopel (heute Istanbul) und verteilte Geschenke und Bonbons an die Kinder.

Hinweise Pfarrer Hofius 08.03.2016

71 Jahre schon ist es mutmaßlich am 12. März diesen Jahres, dass sie im KZ Bergen-Belsen umkommt: Anne Frank. – Und doch habe ich immerzu ein 13jähriges Mädchen vor Augen: Strahlend, mit weißer Bluse und schwingenden Haaren.

Zu ihrem Geburtstag hat Anne Frank ein Tagebuch bekommen. Sie schreibt sofort hinein: „Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.“

Die Familie lebt damals in Amsterdam. Sie hat Annes Geburtsstadt Frankfurt früh verlassen, weil der Vater ahnt, was kommen wird: schon 1932 ziehen SA-Gruppen vorbei und singen: ‚Wenn das Judenblut vom Messer spritzt.‘

- Kurz nach Anne Franks 13. Geburtstag müssen sich alle jüdischen Menschen in Amsterdam melden. „Ich erschrak entsetzlich. Ein Aufruf! Jeder weiß, was das bedeutet. Konzentrationslager und einsame Zellen sah ich vor mir auftauchen.“

Die Familie versteckt sich in einem Unterschlupf hinter einem „Schrank, der drehbar ist und wie eine Tür aufgeht.“ Freundinnen und Freunde versorgen sie, trösten sie. „Wir nehmen an, dass die meisten Menschen ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasungen, vielleicht ist das noch die schnellste Methode zu sterben. Ich bin völlig durcheinander.“

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie kehrt die Hoffnung zurück. Doch das Versteck wird verraten. Anne Frank und ihre Schwester Margot werden nach Auschwitz-Birkenau und später nach Bergen-Belsen verschleppt. Sie sterben im März 1945 an Typhus, nur wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers durch die britische Armee.

Anne Frank wäre jetzt 86 Jahre alt. – Was würde sie zur Situation heute und zu unserem bewussten und unbewussten Umgang mit ‚den Anderen‘, ‚den Fremden’ und doch letztlich so Vertrauten sagen oder schreiben? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: Sie hat uns ein Tagebuch gegen den Hass hinterlassen; gegen den Hass, der sie ermordet hat.

Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Hinweise Pfarrer Hofius 01.03.2016

Am vergangenen Samstag eine Sonder-Runde mit unseren Konfirmand/innen zum Thema ‚Abendmahl‘. In unserem Ordner ein Bild von Sieger Köder, gemalt 1973 für das und im Landhaus in San Pastore südlich von Rom. Dieses Landhaus gehört zum Germanicum, dem Studienkolleg der deutschsprachigen, katholischen Studenten der Theologie. Das Bild hängt im Speisesaal, wo sie und die Priester sich zu den Mahlzeiten versammeln.

Um den Tisch dieses Bildes sitzen hier jedoch nicht die zwölf Jünger Jesu,  sondern sieben Personen, bunt zusammengewürfelt: Drei Frauen und vier Männer.  Nach Jesus sucht man zunächst vergeblich. Und doch ist es ein zugleich sprechendes wie auch in-Frage-stellendes Bild:  „Sag mir, mit wem du isst, und ich sage dir, wer du bist!“

Wahrlich, meine Tischgemeinschaft sagt viel über mich aus. Das fängt im Geschäft bei der alltäglichen Mittagspause an: Gehe ich alleine essen? Oder mit Kolleginnen und Kollegen? Und: Wen frage ich?  - Es geht weiter bei privaten Essenseinladungen: Wer lädt mich ein? Wen lade ich ein?  -  Und dann natürlich der Ausnahmefall: Ein großes Fest, zum Beispiel eine Hochzeit oder ein runder Geburtstag. Hier kommt zur Frage der Gästeliste zumeist auch noch das Feilen an einer passenden Sitzordnung hinzu.

Denken Sie doch einmal an Ihren heutigen Tag: Welche Mahlzeiten stehen an? Sitzen Sie mit anderen am Tisch? Kochen und essen Sie alleine? Bekommen Sie ‚Essen auf Rädern‘?

Miteinander zu essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Miteinander zu essen ist ein wichtiges soziales Ereignis. Hier kann viel Positives im zwischenmenschlichen Bereich passieren. Gewiss kann aber auch viel schiefgehen. Vermutlich fallen Ihnen auf Anhieb mehrere Situationen aus Ihrem Leben ein, die den einen oder anderen Fall illustrieren.

Miteinander zu essen - das ist keine Erfindung der Neuzeit. Es ist ein urmenschliches soziales Tun. So erwähnt auch der Apostel Paulus in seinen Briefen mehrfach das Mahl in der christlichen Gemeinde. Vor allem weist Paulus dabei auf Probleme und Missstände hin. Seine Empfehlungen geben mir auch heute noch zu denken. In der christlichen Gemeinde in Korinth gibt es eine große soziale Kluft. Reiche  Gemeindemitglieder auf der einen Seite, Arme auf der anderen. Und beim Gemeinschaftsmahl geht es alles andere als gemeinschaftlich zu. Die Wohlhabenderen bleiben lieber unter sich. So haben die ärmeren Gemeindemitglieder das Nachsehen.

Und Paulus? Er schlägt mit der Faust auf den Tisch: Das ist kein Mahl, wie es Jesus gefallen würde. Wer Jesus von Nazareth nachfolgen will, der darf solche

Tischsitten nicht einreißen lassen. Wer sich auf Jesus beruft, muss herzliche Gastfreundschaft praktizieren. Jesus hat nie nach Status oder Einkommen differenziert. Jesus hat mit allen das Brot geteilt.

Damit hält Paulus auch mir einen Spiegel vor; ebenso, wie Sieger Köder es mit seinem Bild tut ... und mit Paulus fragt:

„Sag mir, mit wem du isst, und ich sage dir, wer du bist!“

Hinweise Pfarrer Hofius 23.02.2016

Vom Suchen und Finden

Klasse! Ich lerne jeden Tag dazu … und niemals aus.

Neu gefunden in den Weiten des Internet habe ich in den Portalen www.taufspruch.de, www.trauspruch.de, www.konfispruch.de und www.konfiweb.de einen neuen Service für Eltern, Paare und Konfirmanden:

In drei Schritten können die Nutzer dort zu einem individuellen Spruch gelangen – eine Methode, die bereits beim Konfirmationsspruchtool der bayerischen Landeskirche viele Jugendliche begeistert hat.

Wurden die Sprüche früher zugelost oder zugewiesen … oder war dann Blättern beim Blick in die Bibel angesagt, um einen passenden Spruch zu finden, so geht das heute deutlich ‚kundenfreundlicher‘. Denn  den meisten Menschen fällt es schwer, einen passenden Bibelvers für einen persönlichen Anlass zu finden. Deshalb erfreuen sich solche Portale seit Jahren wachsender Beliebtheit.

Also Pfarrer kann ich die o.g. Seiten gutheißen; denn oft stellt sich ja die Frage: Ist die Quelle, die wir im Internet gefunden haben, auch tatsächlich seriös?

Was ich aber auch gerne hinzufügen möchte: Diese Seiten sind Hilfsmittel. Sie ersetzen nicht das eigene Lesen im ‚Buch der Bücher‘. Denn die Entdeckungen, die man dort machen kann, vermag eine Internetseite nicht zu bieten. – Von daher ist’s aus meiner Sicht auch gut, wenn man einen Spruch, den man auf diese Art und Weise gefunden hat, noch einmal im „Original“ im Zusammenhang nachliest. Da mag einem dann noch mehr aufgehen zum Reichtum der Bibel.

 

Probieren Sie’s ruhig mal aus! Sie werden (hoffentlich: positiv) überrascht sein.

Hinweise Pfarrer Hofius 16.02.2016

Sie schleppen dich nach draußen in die heiße Sonne, um dich leiden zu lassen.

 Und sie lassen dich draußen in der Kälte der Nacht.

 Ich betete und Gott sagte mir: Hab keine  Angst. Es wird vorbeigehen.

                                             Bleib fest in deinem Glauben.“

 

Mit diesen Worten hat der Eriträer Yohan beschrieben, was ihm in einem Gefängnis in Eritrea angetan wurde – nur weil er als Christ das Evangelium verkündigt hatte, was in seiner Heimat streng verboten ist. Yohan wurde wegen seines Glaubens eingesperrt und menschenverachtend behandelt und gefoltert, bis ihm schließlich die Flucht gelang.

Geschichten wie die von Yohan gibt es tausende – in Eritrea, in Nordafrika und Syrien, in Nordkorea und vielen anderen Ländern. Etwa 100 Millionen Christen auf der Welt leiden unter den vielfältigen Formen von Verfolgung, werden vertrieben, gefoltert und getötet.

Viele dieser Verfolgungen geschehen oftmals unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, rücken aber in letzter Zeit immer stärker ins Bewusstsein der Menschen, auch hier bei uns. In den meisten Kommunen gibt es inzwischen Unterkünfte, in denen auch viele Christen leben, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Sie haben zum Teil Schreckliches erlebt, sind traumatisiert.

Christenverfolgungen sind keine neue Erscheinung. Von Beginn an waren die Anhänger Jesu Christi Repressalien und Unterdrückung ausgesetzt, von den verschiedensten Seiten.

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat den Stephanustag (26. Dezember) und den Sonntag Reminiszere (in diesem Jahr der 21. Februar 2016) als Gebetstage für bedrängte und verfolgte Christen festgelegt.

Stephanus war ein Diakon in der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem. Durch seinen christlichen Lebenswandel erregte er viel Aufsehen. Er wurde als Gotteslästerer beschimpft und schließlich wegen seines Glaubens gesteinigt. Die Steinigung des Stephanus war Auftakt zu einer großen Christenverfolgung.

Der Sonntag Reminiszere (21. Februar 2016) ist seit 2010 EKD-weit der offizielle Gebets- und Gedenktag für bedrängte und verfolgte Christen. Das Thema dieses Sonntags ist „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind“ (Ps 25,6).

Zum Glauben an Gott den Herrn zu stehen und seine Herrlichkeit auch unter widrigen Umständen zu verkünden - auch wenn das das Leben kostet - , dazu gehört viel. Solche Glaubensstärke ist aber nicht selbstgewirkt. Jesus sagt, dass Christen in entsprechenden Situationen auf Gott vertrauen sollen. Gott gibt ihnen ein, was sie im Angesicht von Verfolgung zu sagen und zu tun haben. So wie es der Heilige Geist bei Stephanus getan hat. Der Tod als Märtyrer ist deshalb nicht die einzige oder gar die von Gott gewünschte Reaktion auf Verfolgung.

Die Bandbreite, wie Christen auf Bedrohung und Unterdrückung reagieren, ist heute noch genauso groß wie zur Zeit der Urkirche. Sie reicht von heimlicher Frömmigkeit über die Flucht bis hin zur Erduldung von Gefängnis und Tod.

Für uns, die wir als Christinnen und Christen in Freiheit und unbehelligt unseren Glauben leben können, kann die Reaktion auf die Bedrängung unserer Glaubensgeschwister darin bestehen, dass wir für sie beten und uns für sie in Wort und Tat einsetzen. – Was hindert uns, das eine oder andere zu tun?

 

Ihr Pfarrer Christoph Hofius. 

Hinweise Pfarrer Hofius 09.02.2016

18. Februar 1546  –  Todestag Martin Luthers

Bereits Ende 1545 war Luther „wiewohl alt und schwach“ in seiner Geburtsstadt Eisleben, um dabei zu helfen, Erb- und Rechtsstreitigkeiten innerhalb der Grafenfamilie von Mansfeld beizulegen. Am 17. Januar brach er einer letzten Predigt in der Wittenberger Stadtkirche erneut nach Eisleben auf. 11 Tage später, am 28. Januar, traf er dort ein – gezeichnet von der Kälte und Anstrengung bei der Überquerung der Saale. Viermal predigte Luther noch. Mehrmals sprach er dabei von seinem bevorstehenden Lebensende. Nur zwei Tage vor seinem Tod bemerkte er drastisch: „Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komme, so will ich mich alsdann in Sarg legen und den Maden einen feisten Doktor zu essen geben.“

Am 17. Feb­ruar gab es wie gewohnt ein Abendessen, in dessen Verlauf Luther aber einen Anfall von Angina pectoris erlitt. Daraufhin ging er in sein Zimmer, um zu beten. Danach schlief Luther eine Stunde auf einem Sofa. Gegen 22.3o Uhr begab er sich in die Schlafkammer ins Bett und befahl seine Seele Gott mit den häufig von Sterbenden gesprochenen Worten aus Psalm 31,6: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöset, Herr, du treuer Gott.“ - Um 1 Uhr am 18. Februar1546 erwachte Luther nach Auskunft seines Begleiters Justus Jonas durch einen neuen Schmerzanfall. Nüchtern rechnete er nun mit seinem baldigen Tod. Er wechselte noch einmal auf das Sofa in der Stube, betete mehrfach den Psalm 31,6 … und wurde dann von Jonas gefragt, ob er auf Christi Namen sterben und dessen Lehre bekennen wolle. Luther antwortete mit einem schlichten „Ja“. Kurz darauf schlief er wieder ein. Das Gesicht wurde bleich, Füße und Nase erkalteten. Um 2.45 Uhr verschied der 62-jährige mit einem letzten hörbaren Atemzuge, ganz in Frieden.

Bereits am frühen Morgen des 18. Februar informierte Justus Jonas Kurfürst Johann Friedrich und die Universität Wittenberg über Luthers Tod. In Schreiben an die Grafen von Mansfeld beschied der Kurfürst, Luther nicht in Eisleben, sondern in der Wittenberger Schloßkirche beizusetzen.

Am 19. Februar beklagte Melanchthon in seiner Vorlesung Luthers Tod.

Luthers Frau Katharina drückte ihren Schmerz in einem Brief an ihre Schwägerin Christina von Bora aus.

Luthers Leichnam wurde in Eisleben in einem weißen Kittel auf seinem Bett aufgebahrt, bis ein Zinnsarg gegossen war. - Am 19. Februar mittags um 14 Uhr überführte man den Leichnam in den Chor der St. Andreaskirche, wo Jonas die Leichenpredigt hielt. Tags darauf wurde der Leichenzug um die Mittagszeit aus der Stadt geleitet. In den meisten Dörfern, durch die der Zug kam, läuteten die Glocken. 17 Uhr wurde Halle erreicht, wo der Sarg in der Sakristei der Marienkirche aufgebahrt wurde.

Am 21. Februar gegen Mittag wurde bei Bitterfeld kursächsisches Gebiet erreicht. Am Morgen des 22. Februar zog der Leichenzug endlich durch das westliche Elstertor in Wittenberg ein. Voran gingen Schüler und die Geistlichen, dann die Beauftragten des Kurfürsten und die Grafen Hans und Hoyer von Mansfeld mit vielen Berittenen. Dann kam der von vier Pferden gezogene Wagen mit dem Sarg, der mit einem schwarzen Tuch mit einem weißen Kreuz bedeckt war. Dahinter fuhren in einem kleineren Wagen Katharina, ihre Tochter Margarete und einige andere Frauen. Die anderen Angehörigen folgten zu Fuß. Dann schlossen sich der Rektor mit den adligen Studenten, mit Kanzler Brück die bedeutendsten Professoren (Melanchthon, Jonas, Bugenhagen, Cruciger, Hieronymus Schurff), sowie die übrigen Doktoren und Magister. Am Ende folgten der Rat, die Studenten und Bürger, zuletzt Frauen und Kinder.

Das Grab in der Schloßkirche war unter der Kanzel ausgehoben. Die Leichenpredigt hielt Bugenhagen über den Bibeltext aus dem 1. Thessalonischerbrief 4,13f.:

„Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen.“

Die anschließende Gedenkrede hielt Philipp Melanchthon, der keinen Hehl daraus machte, daß Luther kein „Heiliger“, sondern ein Mensch mit Ecken und Kanten war.

Hinweise Pfarrer Hofius 02.02.2016

Ein  modernes  Fresko,  direkt  an  die Wand gemalt:  Südlich von Rom befindet sich in einem Landhaus in San Pastore solch ein Bild. Dieses Landhaus gehört zum Germanicum, dem Studienkolleg der deutschsprachigen, römischen Theologiestudenten. Das Bild hängt im Speisesaal, wo sich Studenten der Theologie und Priester zu den Mahlzeiten versammeln: Eine  Szene  an  einem Tisch, in  der  Mitte die  Hände  von  Jesus,  der  das  Brot  bricht.  Man  könnte  an  das  Letzte  Abendmahl  denken.

Aber nicht die zwölf Jünger sitzen mit Jesus am Tisch. Nein, der Maler setzt Menschen aus der  Gegenwart  zu  Jesus.  Eine  merkwürdige  Mischung  ist  dort  zusammengekommen:  Eine alte Bettlerin. Ein trauriger Clown. Eine aufreizende Prostituierte. Ein dunkelhäutiger Kranker. Ein  skeptischer Wissenschaftler.  Ein  frommer  Jude.  Und  eine  reiche  Frau.

Welch  seltsame Darstellung!

Das  Wandbild  ist  vielleicht  das  wichtigste  Werk  eines  ungewöhnlichen  Künstlers.  Sieger Köder wurde in Schwaben geboren, vor 91 Jahren. Er wird Lehrer und unterrichtet Englisch und Kunst. Die Malerei ist seine Art, sich auszudrücken. Mit vierzig Jahren fängt er noch mal neu  an.  Er  studiert  Theologie  und  wird  Priester.  Etwas  Künstlerisches  zu  schaffen  ist  ihm weiterhin  wichtig.  Er malt  auf Leinwand,  gestaltet  Glasfenster,  erschafft  Skulpturen.  Und  so wird  aus  dem  ehemaligen  Kunstlehrer  der  Malerpfarrer  Sieger  Köder.  Er  verkündigt  mit Bildern, was andere mit Worten tun.

„Ich hoffe, dass ich auch mit Bildern predigen kann und nicht bloß Kunst mache. In meinem innersten Beweggrund hoffe ich, dass über die Kunst hinaus die Botschaft des Evangeliums ankommt.“

Dem  Künstler  ist  vor  allem  eines  wichtig:  Dass  das  Leben  der  Menschen  von

heute in seinen Bildern auftaucht. Die Erzählungen der Bibel sind für den Maler nicht etwas von damals. Sie wollen vielmehr die biblische Botschaft für heuteerschließen. So ist es auch bei diesem Bild, das Köder „Das Mahl mit den Sündern“ genannt hat. Da sitzen nicht die heiligen   Überflieger   um   Jesus   herum.   Sondern   Menschen, die   ihn   heute   besonders brauchen. Weil sie auf die eine oder andere Weise Außenseiter sind. Der Jesus von Sieger Köder  hat  keine  Berührungsängste.  Seine  Liebe  schließt  niemanden  aus.  Weder  damals noch heute.

Sieger  Köder  starb  vor  einem  Jahr am 9. Februar 9o-jährig.  Was  er  von  Gott  begriffen  hatte,  brachte  er  den Menschen  mit  seinen  Mitteln  nahe. 

Ich  denke,  solche  Menschen  brauchen  wir  zu  allen Zeiten.

Hinweise Pfarrer Hofius 26.01.2016

Matthias Claudius: Mondsüchtig in Wandsbek

 

Am 21. Januar 1815 – also vor nunmehr 201 Jahren -  starb Matthias Claudius. Der Dichter und Journalist verbrachte fast sein gesamtes Leben in Hamburg.

Geboren am 15. August 1740, wurde Claudius einer weit über die Grenzen der Hansestadt reichenden Öffentlichkeit bekannt mit seinem Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“, mit dem bis heute Kinder ins Bett gebracht werden. Auch der Text des Ernteliedes „Wir pflügen und wir streuen“ stammt von ihm. Seine Zeitung, der „Wandsbeker Bote“, gilt als Meilenstein der Pressegeschichte.

Dabei wurde Matthias Claudius in eine Pastoren-Dynastie hineingeboren. Sein Vater hätte es gern gesehen, wenn auch er Geistlicher geworden wäre. Doch nach dem Studium, von dem nicht ganz klar ist, ob er es überhaupt abgeschlossen hat, lebte er wieder jahrelang bei seinen Eltern in Reinfeld, einem kleinen Ort zwischen Hamburg und Lübeck. Das Leben dort, das einfache Leben der Bauern, die mit harter Arbeit und ihrem Glauben ein zufriedenes Leben hatten, hat er immer wieder in seinen Gedichten und Texten thematisiert.

Nach einem trockenen Bürojob in Hamburg holte Graf Schimmelmann Claudius nach Wandsbek, das damals noch nicht zu Hamburg gehörte. Wandsbek, heute größter Stadtteil Hamburgs, war damals ein idyllisches Dörfchen. Matthias Claudius gründete im Auftrag Schimmelmanns eine Tageszeitung - den berühmten „Wandsbeker Boten“ - und schuf darin auch eine Art Feuilleton. Der Asmusweg in Wandsbek erinnert bis heute an das Pseudonym, unter dem er immer wieder Texte veröffentlichte. Aber auch Beiträge von Lessing, Herder und Goethe konnte man lesen. Diese Zeitung machte Wandsbek zum berühmtesten Marktflecken Deutschlands. Doch das Blatt war zu anspruchsvoll. Der „Wandsbeker Bote“ war mit nur 400 Abonnenten finanziell ein Flop. Nach dem Rückschlag arbeitete Claudius einige Jahre in Darmstadt, kehrte aber bald wieder nach Wandsbek zurück.

75-jährig starb der Vater von zwölf Kindern, von denen nur neun ihn überlebten, 1815 im Haus seines Schwiegersohnes am Jungfernstieg in der Hamburger Innenstadt. Neben seiner Frau Rebekka liegt er auf dem historischen Friedhof in Wandsbek begraben.

Bis heute streiten sich mehrere Orte darum, wo Claudius sein berühmtes Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ gedichtet hat. Die Reinfelder schwören, er habe die Inspiration in einem großen Tannenwald am Ortsrand bekommen, in Darmstadt haben sie in einem Wald sogar ein Schild aufgestellt. Die Wandsbeker Version ist vielleicht die schönste: „Er lag gern im Wandsbeker Gehölz auf der Erde, hat den Nachtigallen zugehört und dann den Mond hier stehen sehen.“

Um Gottes Schöpfung genießen und sich an ihr freuen zu können, braucht’s keinen Reichtum. Wache Sinne und ein feines Gespür reichen aus. – Und beides hatte Claudius, der nie reich, aber fast immer glücklich war.

 

Erinnern wir uns gemeinsam mit Liedern, Texten und Musik an Matthias Claudius, den „Wandsbeker Boten“, am kommenden Sonntag … um die Stunde, da der Mond aufgeht J .  -  Herzliche Einladung, Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Hinweise Pfarrer Hofius 21.01.2016

“Lachen verboten?“

Der  Glaube  ist  eine  ernste  Sache, das  behaupten  jedenfalls  die  meisten  Menschen - egal  ob  gläubig  oder  nicht. Wenn  man  in  Kirchen,  Synagogen oder  Moscheen  geht,  wird  in  der  Regel  weder  geschmunzelt  noch  gelacht.  Dabei  haben Glaube  und  Humor  ein  geradezu  brüderliches  Verhältnis.

Im  ersten  Buch  Mose wird  vom  fast  hundertjährigen  Abraham  erzählt,  wie  er  darüber  lacht,  dass  Gott ihm  ein  Kind  verspricht.  Und  ein  Kapitel  später  hört  Sara,  die  Frau Abrahams, dasselbe noch einmal. Jetzt sogar mit der Zusage, dass dem Paar Nachkommen verheißen sind so viele wie es Sterne am Himmel gibt. Sara ging es bereits, wie es  so  schön  in  der  Bibel  heißt, „nicht mehr nach der Frauen Weise“. Wenn also eine Frau in diesem Alter so eine Botschaft hört, muss sie einfach lachen - so wie auch schon ihr Mann, der das ebenfalls nicht glauben konnte.  Wer  auch  immer  den  Beiden  diese  Botschaft  mitteilt, das  bleibt  in  der  Bibel  ein bisschen rätselhaft: Der Alltag und alles Vertraute, auf das sich die Beiden eingerichtet  haben,  wird  durch  diese  göttliche  Botschaft  infrage  gestellt.  Natürlich,  wir Nachgeborenen  wissen,  dass  sich  die  Prophezeiung  erfüllen  wird.  Aber  aus  der Sicht  des  hochbetagten  Paares  muss  diese  Nachricht einfach  lachhaft  gewesen sein. Das  passt  so  gar  nicht  ins  menschliche  Denken.

Aber  so  ist  das  eben  mit Gott: Da ist nicht alles logisch und vom menschlichen Verstand zu erfassen. Die hebräische  Bibel,  für  Christen  das  Alte  Testament,  erzählt  von  Anfang  an  immer wieder solche Geschichten, in denen alles Selbstverständliche ins Wanken gerät.

Meistens  rufen  diese  Geschichten  bei  den  handelnden  Personen  ehrfürchtiges

Schaudern  hervor. - In einem  Comic  würden wir  jedoch darüber  lachen,  dass  sich das  Meer  teilt,  wenn  das  Gottesvolk  vor  den  anrückenden  Feinden  hindurchzieht.

Und dass der kleine David den Riesen Goliath mit einer einfachen Steinschleuder erschlägt, muss nicht, aber kann auch zum Lachen anregen.

Mit Gott kommt eine andere  Logik  ins  Leben.  Nichts  bleibt  so  wie  es  ist;  man  muss  umdenken.  Darin zeigt sich die Verwandtschaft zum Witz: Auch er verwirrt, indem er querdenkt und dem scheinbar Selbstverständlichen die Macht nimmt.

Das hat nichts mit ‚Narretei‘ und närrischem Treiben zu tun, sondern Lachen ist dann Ausdruck der sich abbauenden inneren Spannung: Ein befreiend befreites Lachen, weil Gott so gütig und rettend an uns handelt. Sollte uns das nicht viel öfter ergreifen … und andere mit anstecken?!        

 

Ich wünsche es Ihnen und uns, Ihr Pfarrer Christoph Hofius 

Hinweise Pfarrer Hofius 12.01.2016

Happy beginning - glücklicher Anfang

It’s a happy beginning with you, my Lord… Es ist ein glücklicher Anfang mit dir, mein Herr.

So heißt es in einem Lied von Gerhard Schnitter (z.B. in Feiert Jesus 1, Nr. 194). Dieses Lied ist mir spontan in den Sinn gekommen, als ich mir Gedanken gemacht habe hier ein Impuls zum Jahresanfang zu schreiben.

Ein glücklicher Anfang… Ich hoffe, den hatten und haben Sie. Vielleicht haben Sie über die Weihnachtsfeiertage, die Zeit zwischen den Jahren und Silvester mit der Familie oder Freunden verbracht, gemeinsam gefeiert, die Korken knallen gelassen. Es war vielleicht schön endlich mal wieder so viel Zeit miteinander zu verbringen. Es war ein happy beginning, ein glücklicher Anfang.

Gemeinsame Zeit: Dadurch ist es oft auch eine spannende Zeit. Zu keiner anderen Zeit im Jahr sitzt man sich so auf der Pelle wie in dieser Zeit.

Ein glücklicher Anfang?! Nein, vielleicht war der Anfang dieses Jahres nicht der glücklichste. Man wollte es gut und feierlich, harmonisch und schön haben. Und dann gab es eben doch Streit, Missklänge oder manches hat sich einfach nicht so einstellen wollen wie geplant. Oder Sie haben die Feiertage, Silvester und die restlichen Tage überwiegend ungewollt allein verbracht?!

Vielleicht war es ein vermurkster Anfang des neuen Jahres. Auf dass es einen neuen Anfang gibt!? Einen glücklichen?! Manchmal ist das leichter gesagt als getan. Wenn erst einmal der innere Schweinehund überwunden ist … oder man allen Mut zusammen genommen hat … oder man einfach mal drauf los gemacht hat… Dann ist schon mal ein Anfang gemacht. Schon ein erster Schritt kann schon der Anfang sein. Bei einem Anfang muss noch nichts vollendet sein. Nur Jesus ist Anfang und Ende gleichzeitig.

It’s a happy beginning with you, my Lord… Es ist ein glücklicher Anfang mit dir, mein Herr.

Bei und mit Jesus ist immer ein Anfang möglich. „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“, so heißt es im Lukas-Evangelium Kapitel 1 Vers 37. Auch wenn Berge vor mir stehen, wenn dieses Jahr schwere Hürden zu nehmen sind, Prüfungen auf mich warten, Einsamkeit oder knifflige Beziehungen gelöst werden wollen, dann wünsche ich Ihnen und uns allen, dass wir darauf vertrauen können: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Berge gemacht hat.“ (Ps 121,2). Auch wenn so manches daneben geht, bei und mit Jesus ist ein Anfang möglich – jederzeit, nicht nur am Anfang des Jahres, auch im Laufe des Jahres. Manchmal muss vielleicht auch ein Neu-Anfang in eine andere Richtung gewagt werden, ein Kurswechsel stattfinden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen zum Jahresanfang einen glücklichen Anfang. Nämlich einen Anfang im Bewusstsein immer wieder bei und mit Jesus anfangen zu können – so haarig oder ausweglos meine Situation auch sein mag.

 

It’s a happy beginning with you, my Lord… Es ist ein glücklicher Anfang mit dir, mein Herr.