Gedanken Pfarrer Hofius 19.12.2017

Bethlehem

Beim Propheten Micha im Alten Testament lese ich im Kapitel 5:

1   Und du, Bethlehem Efrata,

     die du klein bist unter den Städten in Juda,

     aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei,

     dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.

2   Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit,

     dass die, welche gebären soll, geboren hat.

     Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten.

3   Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des Herrn

     und in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes.

     Und sie werden sicher wohnen;

     denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.

4   Und er wird der Friede sein.

 

Diese Passage wird dann in der Geburtsgeschichte im Neuen Testament beim Evangelisten Matthäus in Kapitel 2 zitiert:

1   Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa

     zur Zeit des Königs Herodes, siehe,

     da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

2   Wo ist der neugeborene König der Juden?

     Wir haben seinen Stern aufgehen sehen

     und sind gekommen, ihn anzubeten.

3   Als das der König Herodes hörte, erschrak er

     und mit ihm ganz Jerusalem,

4   und er ließ zusammenkommen

     alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes

     und erforschte von ihnen,

     wo der Christus geboren werden sollte.

5   Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa;

     denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1):

6   »Und du, Bethlehem im Lande Juda,

       bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas;

       denn aus dir wird kommen der Fürst,

       der mein Volk Israel weiden soll.«

 

Die Fahrt von Jerusalem nach Bethlehem dauert unter guten Bedingungen nicht einmal eine halbe Stunde. Und doch bedeutet sie eine wahren Weltenwechsel; heute mehr noch als vor 30 oder gar 2017 Jahren: Man betritt heute ein Sperrgebiet. Eine menschenverachtende, acht Meter hohe Mauer umgibt die Stadt und das angrenzende  Gebiet, das nicht mehr ist als Ödnis. Keiner kann dort rein oder raus, es sei denn, er hat eine Genehmigung der israelischen Behörden.

Direkt hinter der Mauer jedoch gibt es ein Hoffnungszeichen: Das „Caritas-Baby-Hospital“, in dem seit 60 Jahren Kinder aus Bethlehem und Umgebung kostenfrei behandelt werden (lesenswert: www.kinderhilfe-bethlehem.de). Und das unabhängig von Religion, Nationalität oder sozialem Status. Das erfreulich hochtechnisierte Krankenhaus lebt nur von Spenden. Ein Zeichen der Hoffnung, wahrhaft adventlich. Mir kommt ein altes Weihnachtslied in den Sinn: „Zu Bethlehem geboren, im Stall ein Kindelein, gibt sich für uns verloren, gelobet muss es sein“. Mit diesem Gedanken gehe ich in die Weihnachtszeit: Dass Gott sich zeigen will in einem Kind - noch immer eine Hoffnung, dass diese Welt nicht ganz verloren gehen kann.  -  Eine gesegnete und friedvolle Weihnachtszeit und ein gesundes Jahr 2018 wünscht Ihnen und Euch Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 12.12.2017

Vézeley in Burgund im Sommer. Die Lichtgestaltung der Wallfahrtsbasilika ist einzigartig. Das liegt an ihrer Architektur und an dem Weltbild, das sich dahinter verbirgt. Wenn die Sonne ihren höchsten  Punkt erreicht, fallen ihre Strahlen so durch die oberen Fenster, dass ein Weg aus Licht in der Kirche entsteht. „Gott ist Licht“, das war der Leitgedanke der Architekten damals, die im 12. Jahrhundert Lichtdurchflutete Räume schaffen eine Ahnung von Gottes Schönheit. 

Auch das Kirchenschiff der Magdalenenbasilika in Vézelay entstammt dieser Zeit. Runde Bögen aus Sandstein sind getragen von dicken Säulen. Sie laden ein zum langsamen Gehen und Schauen. Viele Stunden laufen wir mit erhobenen Gesichtern durch die Kirche, denn an den Übergängen von Säule zum Bogen, an den Kapitellen, gibt so viel zu sehen. Dort, auf den Säulenköpfen, sieht man lauter geheimnisvolle Bilder aus Stein. Jedes ist anders, Geschichten aus der Bibel, alte Legenden und Mythen. Mehr als 100 davon sind hier zu finden. Und alle sehen noch fast so aus wie damals im 12. Jahrhundert, als sie entstanden sind.

Es ist wie ein Kino der Superlative: Äußere und innere Schau zugleich. Alles ist da, vom Anfang der Welt bis ins jetzt: Licht und Finsteres, Adam und Eva, Tugenden und Laster und auch der ganz normale Alltag: ein kleiner Mensch, der sich im Winter frierend in einen warmen Mantel hüllt und - auf der anderen Seite - derselbe im

Sommer, nackig glücklich in der Sonne. Hier ein Reiter auf einem Pferd, daneben ein Soldat, der einem anderen den Kopf abschneidet. Der Mensch mit seinen Träumen und Angstphantasien, Dämonen mit Flammenhaaren, der Grusel vor den Fremden, und dann wieder zwei Mönche, die friedlich ein Brot miteinander teilen. Die Steine erzählen, was wir wissen. Man muss nicht lesen und schreiben können, um zu verstehen: 1001 Geschichten … und darin auch meine.

Trotz Sommer machen wir uns auf die Suche nach Weihnachten … und finden ein Krippenbild aus Stein: Maria liegt ganz entspannt da. Eine Hand ruht auf ihrem Bauch. Darauf das Kind, Aug in Aug mit einem Tier, das es neugierig betrachtet. Marias Blick geht in die Ferne, sie schielt ein wenig, vielleicht träumt sie. Über sie gebeugt steht Josef. Er ist etwas kleiner als Maria und stützt staunend seinen Kopf in die Hand. Dahinter eine Amme, die das Kind versorgt . Über die kleine Gruppe spannt sich schützend ein Bogen, unter dem sie alle miteinander geborgen sind. Und darüber leuchtet der Stern, umgeben von schützenden und verkündigenden Engeln.

Der große Raum der ganzen Welt und der ganz kleine mit Mutter, Vater, Kind, einer

freundlichen Helferin und einem wärmenden Tier. In der Krippe kommt das Wichtigste zusammen. Gott wird Mensch. Das nehme ich mit … auch für diesen Moment jetzt.

 

Erinnert sich und schreibt Ihr und Euer Pfr. Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 05.12.2017

Weihnachten – überflüssiger Schnick-Schnack von gestern?

Ein kleiner Junge kramt in einer alten Schachtel. Zwischen schmutzigem Garn zieht er einen silbernen Stern hervor. „Was ist das?, fragt er seine Mutter. Der Fernseher läuft, die Mutter telefoniert. Sie ist genervt, als der Junge seine Frage wiederholt: „Was ist das?“ Sie antwortet kurz: „Das ist ein Stern, ein Weihnachtsstern.“ „Ein was?“, fragt das Kind. Widerwillig antwortet die Mutter dem Jungen: Das ist etwas von früher, es hängt mit einem Fest zusammen, einem langweiligen Fest. „Die ganze Familie stand in der Wohnstube um einen Baum herum und sang Lieder, oder die Lieder kamen aus dem Fernsehen.“

„Wieso um einen Baum herum?“, fragt das Kind. „Bäume wachsen doch nicht in Wohnzimmern.“ „Na ja“, sagt die Mutter, „der Baum war in einem Ständer befestigt, und man behängte ihn mit Lichtern, die entzündet wurden, mit Kugeln oder glitzernden Ketten.“ „Das kann doch nicht wahr sein“, sagt das Kind. „Doch“, sagt die Mutter und fügt noch ein paar Details hinzu: Vom Stern, der die Hirten zum kleinen Jesus in der Krippe führte. „Jesus“, fragt das Kind, „wer ist Jesus?“ „Das sage ich dir später“, antwortet die Mutter, die sich nur vage an die Geschichte erinnert. Aber nun ist die Neugier des Jungen geweckt. „Das muss doch ein schönes Fest gewesen sein“, sagt er. „Nein“, sagt die Mutter heftig. „Alle hatten Angst davor und waren froh,

wenn es vorüber war.“

 

Als düstere Vision verpachte die Dichterin Marie Luise Kaschnitz vor einem halben Jahrhundert das, was sie kommen sah: Nur noch eine vage Erinnerung an das längst vergessene Weihnachtsfest. Weil doch die Menschen hierzulande nicht mehr froh sein mussten, wenn sie das Nötigste zum Leben hatten. Der beginnende Wohlstand wird das Fest verdrängen und überflüssig machen, dachte Kaschnitz. Die Kinder werden nicht mehr wissen, was ein glitzernder Stern bedeutet, wofür man ihn braucht und mit welchem Fest er als Symbol verbunden ist. Und die Generation der Eltern wird wohl noch Erinnerungen an Weihnachten haben, aber sie wird nichts mehr davon wissen wollen. Das Fest hat zu viele Erwartungen geweckt … und sie immer wieder enttäuscht. Denn wer in einer lieblosen Welt lebt, für den wird ein Fest der Liebe nicht ersetzen, was ihm fehlt.

 

Ob Kaschnitz Recht behalten hat? – Noch nicht ganz, denn noch halten wir an den ‚Äußerlichkeiten‘ vehement fest – zumindest die Industrie, die um den lohnenden Absatz weiß. ... Und was ist mit der dem Trubel zu Grunde liegenden Geschichte? Jener Geschichte, an die die Mutter sich bei Kaschnitz nach und nach erinnert; von der sie Sätze und Formulierungen zusammenklaubt … und letzten Endes so viel mehr behalten und verinnerlicht hat, als sie selber dachte? Wenn ich im Fernsehen oder Radio die obligatorischen Fragen nach dem ‚Woher‘ und ‚Warum‘ bzw. die zumeist stammelnden Antworten darauf höre (und zwar quer durch die Generationen), dann wird mir regelmäßig angst und bang. Nicht um meiner, sondern um der Befragten willen. Denn die biblische Geschichte enthält doch etwas, worauf man nicht verzichten kann - weil es ohne sie noch dunkler wäre! Friede auf Erden, fürchtet euch nicht, große Freude, ein Kind, das irgendwie aus dem Himmel kommt, ein helles Licht in der Nacht. All das sind wichtige Wegmarken, entlang derer das Weihnachtsfest keineswegs in der Versenkung verschwindet. Wegmarken, die zugleich UNS helfen. Denn wenn die winterdunklen Straßen der Innenstädte mit gewaltiger Lichterpracht überzogen sind, weiß man: Bald ist Weihnachten. Aber das ist doch mehr als der äußere Glanz. Es ist ein heller, unser Innerstes treffende Schein, der sich nicht ersticken lässt, und der es bei und in und für UNS hell werden lässt.    Das hofft zumindest Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

 

Gedanken Pfarrer Hofius 28.11.2017

Aufgehendes Licht aus der Höhe

„Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.

Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest …

durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,

durch die uns besuchen wird  das aufgehende Licht aus der Höhe,

damit es erscheine denen,

die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,

und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

(Lukas 1,76-79)

 

… so steht es als Monatsspruch über dem gesamten Dezember 2017.

Den Weg bereiten für etwas noch Größeres und Staunenswerteres,

das soll das ‚Kindlein‘, um dessen willen der greise Zacharis in seinem Lobgesang Gott preist. – Dieses ‚Kindlein‘, die Erst- und Zweitklässler wissen’s gerade genau, ist kein Geringerer als Johannes – später „der Täufer“ genannt.

Schon seine Existenz ist mehr als ‚merk_würdig‘, wird er seinen betagten Eltern doch erst recht spät geschenkt. Ihre Namen spiegeln die Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie verkörpern die Geschichte Gottes mit den Menschen.

„Zacharias“ - der eine Name-, heißt übersetzt: ‚Gott hat sich erinnert, Gott gedenkt.‘                         „Elisabeth“ - der zweite Name -, heißt: ‚Gott hat geschworen.‘

Diese beiden Namen stehen wie ein Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte, die über die beiden hinausweist. Gottes Bund, seine Treue, seine Erinnerung gewinnen neu Gestalt … und beide machen eine unglaubliche Erfahrung.

 

Zacharias ist Priester im Tempel in Jerusalem. Er ist alt geworden und hat keine Nachkommen. Sein Traum und seine Hoffnung, dass sein Geschlecht an der Geschichte Gottes teilhaben wird, hat sich nicht erfüllt. Seine Frau Elisabeth ist kinderlos geblieben. Das bedeutete damals gedemütigt und verachtet zu sein. Eine kinderlose Frau war sozial so gut wie tot. Die Lebensträume der beiden sind untergegangen. Alt sind sie darüber geworden.

Aber Gott erinnert sich (das bedeutet der Name Zacharias) derer, die im „Schatten des Todes sitzen“, das hat Gott geschworen (Elisabeth).  Zacharias und Elisabeth stehen exemplarisch für das, was Menschen erleben können: Alle Lebensträume gehen verlustig. Ausgrenzung, Depression, Todesschatten, das ist die eine Seite der Erfahrung - und auf der andern Seite: Sehnsucht, Hoffnung, Gottes Hilfe, und Rettung. So war das in der Geschichte Israels schon immer.  Und nun wird an diesen beiden Alten gezeigt, wie sich Hoffnung erneuert und - für beide unfassbar- wie das Geschick sich wendet.

 

Über die Geburt des Sohnes „Johannes“ ist Zacharias so ergriffen, dass er völlig aus dem „Häuschen gerät“ und als alter Mann zu singen beginnt.  Er schlägt jetzt ganz neue Töne an. Er singt ein großes Loblied. Zacharias sieht das Leben jetzt anders. Sein Horizont wird weit: Es fängt bei dem kleinen privaten Glück an und geht weit darüber hinaus. Das beschreibt sein besonders kunstvoll aufgebautes Loblied. In der Mitte dieses Liedes stehen als Dreh- und Angelpunkt die beiden Namen Zacharias und Elisabeth. Sie sind wie die Achse einer Drehtür mit zwei Flügeln. Zu dieser Mitte führen folgende Stichworte hin: Besuchen – Volk – Heil – Propheten – Feinde – Hand - unsere Väter  . Und angekommen bei dem Dreh- und Angelpunkt führen sie in  umgekehrter Reihenfolge wieder weg. Da hat sich eine Tür geöffnet. Das Geschick hat sich gewendet. Was in der Vergangenheit galt, nimmt vom Dreh- und Angelpunkt aus seinen neuen Lauf:

Gott wird sein Volk besuchen in einem Kind, im Stall  geboren … . In der Art wie Lukas dann die Weihnachtsgeschichte erzählt, tauchen inhaltlich die gleichen Stichworte wieder auf. Menschen brauchen solche Geschichten, die die Lebensträume bewahren und helfen, das eigene Leben in ein neues Licht zu rücken.

Und dann kommt von ganz tief innen, von Gott vielleicht, ein Gedankenblitz, der die Fantasie und die Sehnsucht befeuert und das Leben in ein neues Licht rückt.                                                                       

 

Das Hoffen sowie die Sehnsucht zu spüren und zu nähren und die Bitte um Gottes Hilfe bleiben auch heute ein Dreh- und Angelpunkt an bestimmenden Stellen in der Lebensgeschichte von Menschen; gewiss auch in unserer.

 

 

Das überlegt und hofft Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 09.11.2017

Eindrücklich für mich erzählt eine Kollegin aus Freiburg folgende Geschichte:

Bei kühlerem Wetter ist die Wasseroberfläche spiegelglatt. Dann kann man ihn sehen, den Gedenkstein, der im Becken versenkt ist.

Auf dem Stein steht, warum auf diesem  „Platz der alten Synagoge“ eben keine Synagoge zu sehen ist. Bis 1938 stand sie genau da, wo jetzt das Becken steht - die Attraktion des Platzes. In der so genannten ‚Reichskristallnacht‘ haben juden-feindliche Freiburger sie angezündet. Sie ist damals komplett niedergebrannt. Jetzt zeichnen die Umrisse des Beckens das Gebäude nach.

Wenn in Freiburg die Sonne scheint, ist die Erinnerung an das böse Geschehen in der Nazizeit überlagert vom Spiel der Kinder, die sich mit den Erwachsenen über das schöne Becken freuen und lebensfroh durchs Wasser waten.  -  Manch einer mag das – unbedacht – pietätlos finden; aber ist es das?

An einem richtig warmen Tag war sie mit einer Freundin und deren 2 ½ -jährigen Tochter dort. Ehe die Erwachsenen etwas sagen können, steht Ira halbnackt im Becken und quietscht vor Vergnügen. Dann sieht sie den Gedenkstein im Wasser … und fragt, was das ist.

Ihr wird erzählt, dass hier einmal ein großes Haus gestanden hat, in dem Menschen zu Gott gebetet haben. Und dass andere, böse Leute dieses Haus angezündet haben.

Ira schaut die Freundin der Mutter mit großen Augen an. Dann nickt sie und sagt: „Die haben dann sehr geweint.“ „Ja“, sagt die Frau, „die haben dann sehr geweint. Und damit wir nie vergessen, wie böse das war, hat das Becken den Umriss von dem Gebetshaus.“

Ira schaut sich das Becken genauer an. Dann stupst sie ein anderes Kind neben ihr an.  -  „Du“, sagt sie zu dem fremden Kind. „Hier haben Leute gebetet. Dann haben die Bösen das Haus angezündet. Da haben die sehr geweint. Weil das nicht gut ist. Alle sollen beten können.“

 Das fremde Kind nickt. Sichtlich beeindruckt.  -  Dann spielen sie zusammen.

 Dieses tiefe Begreifen der grausamen Realität und zugleich das selbstverständliche In-Besitz-Nehmen des Mahnmals – beides wünsche ich auch uns Älteren. Ich wünsche es mir weltweit … und an so vielen Stellen unseres Landes; einige liegen gar nicht weit entfernt, quasi vor der Haustür. Aber sich davon ergreifen und bewegen lassen haben gefühlt immer noch viel zu wenige.

 

Denkt sich Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 24.10.2017

„Der Gerechte wird aus Glauben leben.“  (Römer 1,17)

 

Vor Ort, im Kirchenbezirk, in der Württembergischen Landeskirche, in ganz Deutschland und sogar weltweit feiern evangelische Christinnen und Christen in diesem Jahr 2017 den 500. Jahrestag dessen, was man landläufig den Beginn der Reformation nennt.

Aus dem, was einmal in der deutschen Provinz seinen Anfang genommen hat,  ist nämlich eine weltweite und lebendige Kirche entstanden, die durch Luther gemeinsam mit seinen Mitstreitern Gestalt annahm. Durch die Ausbreitung des Luthertums auf der ganzen Welt ist die Kirche, die auf seiner Entdeckung im Wort Gottes fußt, zu einer globalen Gemeinschaft herangewachsen, … und wir gehören mit unserer Gemeinde dazu. – Und das, obwohl wir nicht dem ‚Durchschnittschristen‘ unserer Tage entsprechen: Denn der ist eine Frau … und dunkelhäutig … und wohnt auf der Südhalbkugel der Erde. -

Wenn das Reformationsjubiläum nun mit dem Reformationstag am 31. Oktober auf die Zielgerade einbiegt, wollen wir in den letzten Wochen des Kirchenjahres im November hier im Oberen Gäu mit einer Predigtreihe auch in unserer Gemeinde noch einmal besonders in den Blick nehmen, was es bedeutet, dass wir eine evangelisch-lutherische Kirche sind. In einer Zeit, da viele Menschen nicht mehr wissen, woran sie eigentlich glauben können … und die Religionen und Konfessionen für sie verschwimmen, ist es besonders wichtig, sich über seine Wurzeln und sein eigenes Profil klar zu werden.

Für Luther war die Entdeckung, dass Gott gnädig ist, der Durchbruch zu einem Gottvertrauen, das ihm nicht die Ehrfurcht nahm, wohl aber seine tiefe Angst vor dem Verlust des Lebens. Das Wort aus dem Römerbrief „Der Gerechte wird aus Glauben leben“, das eigentlich ein Zitat aus dem Buch des Propheten Habakuk ist, war für ihn der Schlüssel zu dieser neuen Gewissheit. Auch heute noch dürfen wir staunen, mit welcher Kraft und Geschwindigkeit sich seine Entdeckung ausbreitete und Anhänger auf der ganzen Welt fand. In dieser Kraft liegt auch der Same für eine weltweite Versöhnung der Kirchen untereinander, dass der eine Glaube an das eine Wort Gottes von der Gnade (allein) in Christus alle, die sich Christen nennen, zueinander bringt.

Ich freue mich darauf, wenn sich – parallel zum Auftakt mit der Lichterkette durch Herrenberg – auch jetzt wieder viele mit auf diese letzte Etappe des Reformationsweges im Jahr 2017 machen!

 

Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 18.10.2017

Gottes Segen

Das kleine Wörtchen „Ade“ im Schwäbischen hat sich aus den französischen „A dieu“ entwickelt; es bedeutet: „Mit Gott“.

Folglich ist dieses Wort – in unseren Breiten so manches Mal im Laufe eines Tages gesprochen wie andernorts ein ‚Tschüß‘ – ein Segen … und meint: Ich lasse Dich gehen, aber Du bist nicht allein, Gott ist mit Dir.

 

Im Gottesdienst ist es genauso.

Am Schluss kommt der Segen,

so eine Art „Gotteskraft to go“.

 

Eine Gottesdienstbesucherin habe ich nach Jahren noch vor Augen, die stellte sich zum Segen immer in den Mittelgang: „Damit ich möglichst viel abbekommen, ich hab‘s nötig“, erklärt sie. … Mein stille Frage dazu: Wer nicht?

 

Als Liturg gehe ich gegen Ende des Gottesdienstes zum Altar, dem „Tisch des Herrn“, der die Geistesgegenwart Christi in der Kirche symbolisiert. Ein uralter priesterlicher Ort, an dem sich Himmel und Erde verbinden. Ich versuche, mir Zeit zu nehmen, bete still … und erwarte den Segen zuerst als eine Kraft, die mich durchfließt. Erst dann kann ich sie weitergeben. Schließlich ist nicht mein Segen gefragt, sondern - durch mich hindurch und immer schon da - die göttliche Kraft. Ich gebe nur weiter, was ich selbst empfange.

Als Liturg tue ich etwas in einem Grenzgebiet; dort, wo man eigentlich gar nichts mehr tun kann. Außer eben: Sich empfänglich und durchlässig zu machen.

 

Gottes Segen empfangend und ihn weiterleitend hebe ich die Hände. – Nicht nur einer Person lege ich damit die Hände auf, sondern umfasse die gesamte versammelte Gemeinde.

 

Ich lasse Dich, lasse Euch gehen – zu Euch selbst wie auch zu Gott.

Auf dem je einzelnen, eigenen Weg bist Du aber nicht allein unterwegs – Gott sei’s gedankt! -; sondern, Gott ist mit Dir.

Solcher Segen schützt davor, überheblich und nazistisch zu werden. Wir erkennen an, dass unsere Kraft oft nicht ausreicht, unsere Liebe nicht groß genug ist, dass wir Angst haben und nicht weiterwissen. Dass wir begrenzt sind und uns die Liebe, die wir brauchen, nicht selbst geben können. Aber es gibt etwas darunter, dahinter, das den Weg zeigt und das Herz weit macht – Gottes Segen, sein ‚Ja‘ mitten in dieser Welt.

 

Ich finde: So kann man ziemlich gut in die restliche Woche starten. – Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 12.10.2017

„Beten ist meiner Meinung nach

 nichts anderes als ein Verweilen bei einem Freund,

 mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen,

 einfach um bei ihm zu sein,

 weil wir sicher sind, dass er uns liebt.“

 

Teresa von Avila (1515 – 1582) hat das gesagt.

Ich finde – auch als protestantischer Pfarrer – das als bedenkenswerten Ausspruch einer – katholischen – Christin.  …  Denn ein  Missverständnis zieht sich durch die Geschichte des christlichen Glaubens. Nämlich das Missverständnis, als sei unser geistliches Leben und damit die Frömmigkeit an sich (nur) eine gewisse Zeitspanne, die man dem Gebet widmet; also: ein kurzer Zeitabschnitt des Tages, der dem weitaus größeren Teil der Arbeit und der Freizeit einen religiösen Rahmen gibt.

Die Folgen zeigen sich in der uns allen bekannten Frage: „Wie finde ich bloß im hektischen Tagesablauf die Zeit für Gott?“

Teresa von Avila hat ihren Mitschwestern vorgelebt, dass sich ein geistliches Leben nicht auf die Stunden des Gebets und der Betrachtung reduzieren lässt, sondern der Alltag in seiner ganzen Breite und Fülle geistlich gelebt werden kann. Schlüsselworte in ihren Schriften sind: „Beten ist wie das Verweilen bei einem Freund.“ 

Und: „Christus ist auch in der Küche, mitten unter den Kochtöpfen.“

Sehr bekannt geworden sind auch die Worte auf einem Meditationszettel, der in ihrem Brevier gefunden wurde, und die mit dem Ausspruch enden:

„Solo Dios basta!“ – „Allein / einzig Gott …“ bzw. „All-ein Gott – Gott in allem und überall - , und ‚fertig‘.“

Wer wie Teresa den eigenen Glauben als Leben in Beziehung versteht und in Christus einen Freund und Weggefährten sehen kann, findet wie von selbst dahin, dass das oft so profane Tagewerk nicht nur vom Gebet umrahmt, sondern auch mit Gott gestaltet sein will. So denke ich auch heute mit Teresa von Avila daran, dass Gott da ist - in der Küche ebenso wie in der Kirche.

 

Ich wende mich Gott zu, ohne etwas von ihm zu wollen, und sage einfach „Du“ zu ihm. Ich verweile bei ihm in den Zeiten des Gebets, und ich gehe mit ihm an die Arbeit, treffe meine Entscheidungen mit ihm, lache und weine mit ihm. Denn Gott ist in allem und bei allem mit dabei. Er ist kein Teil des Lebens, sondern er IST das Leben. … Und er ist – Gott sei’s gedankt - immer und überall der große Freund meines Lebens.

Gedanken Pfarrer Hofius 02.10.2017

Wir Deutsche sind - allen Unkenrufen und Wahlergebnissen zum Trotz -grundsätzlich sehr tolerant. Neun von zehn Personen befürworten Glaubensfreiheit. Rede- und Meinungsfreiheit gelten als hohe Güter des Zusammenlebens.

Die übergroße Mehrheit der Deutschen kann also scheinbar problemlos tolerieren, dass andere Menschen andere Meinungen haben oder an etwas Anderes glauben als sie. Doch da, wo es konkret wird, sehen diese Zahlen allerdings völlig anders aus: Nur jeder vierte von uns befürwortet beispielsweise Moscheebauten und noch weniger den Bau von Minaretten. Und knapp die Hälfte aller Deutschen ist der Ansicht, dass die Ausübung islamischen Glaubens eingeschränkt werden muss. – Aber wissen wir über den Islam wirklich Bescheid? Hat jemand von Ihnen oder Euch den 3.Oktober genutzt, der zugleich auch „Tag der offenen Moschee“ war und ist, um sich zu informieren?

Wenn es um die konkrete Praxis geht, kommt Toleranz schnell an ihre Grenzen.

Toleranz ist nicht leicht.

Denn Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit.

Was mir egal ist, muss ich nicht tolerieren.

Toleranz ist aber auch nicht Wertschätzung.

Sondern Toleranz bedeutet, dass ich etwas dulde, was ich nicht gut finde.

Sinnvoll ist es also, zwischen Toleranz und Anerkennung zu unterscheiden. 

Manches Fremde kann ich anerkennen und wertschätzen.

Anderes gefällt mir nicht, aber ich kann es tolerieren.

Ich tue mich beispielsweise schwer damit, dass unsere Söhne zu bestimmten Zeiten meinten, dass zum Erwachsen-Werden oder -Sein Zigaretten und Alkohol ganz selbstverständlich dazugehören. – Wenn das stimmt, dann bin ich immer noch nicht erwachsen - J .  - Aber ich kann ihr Verhalten tolerieren.

Toleranz stellt immer eine Herausforderung dar. Denn wer tolerant ist, dem ist es weder einfach egal, was der andere glaubt, sagt oder tut. Noch hält er es für gut. Wer tolerant ist, duldet etwas, dem er nicht zustimmt. Damit ist Toleranz eine Haltung, die mir einiges abverlangt.

Und natürlich gibt es Grenzen von Toleranz. Dort, wo Gewalt mit im Spiel ist. Wo die Gleichberechtigung aller Menschen geleugnet wird. Rassismus z.B. darf nicht toleriert werden.

Toleranz macht in meinen Augen überhaupt nur dann Sinn, wenn sie einem bestimmten Zweck dient. Dieser Zweck ist der Schutz unserer freien demokratischen

Gesellschaft, in der allen Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte zugesprochen werden.

 

Dafür sollten wir alle – gerade auch als Glaubensgemeinschaften, Kirchen und deren Vertreter/innen – (ein)stehen!

 

 

Findet Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 19.09.2017

Nur was sich ändert bleibt

„Nur was sich ändert bleibt“ – unter diesem Motto steht das gemeinsame Kirchenfest der Ökumene in Nebringen am kommenden Sonntag. Ein Fest, zu dem wir Sie und Euch alle von Herzen einladen.

„Nur was sich ändert bleibt“, das ist keine Anspielung auf die am gleichen Tag stattfindende Wahl zum Deutschen Bundestag – ein Wahl, bei der deutlicher denn in den Jahren zuvor die Frage nach der Demokratie bzw. Radikalisierung von und in Politik und Gesellschaft gestellt ist. Da muss man (und frau) sich entscheiden und klar Stellung beziehen … und darf nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen, indem man einfach zu Hause verweilt im irrigen Glauben, das alles betreffe uns im Hier und Jetzt ja nicht.

„Die Welt ist aus den Fugen geraten“. Was einst für Shakespeares Hamlet galt, kommt heute jedem in den Sinn, der aufmerksam die Welt der großen Politik oder der persönlichen Beziehungen im Kleinen verfolgt. Da verlieren tausende von Menschen auf der Fluch ihr Leben. Da werden Menschen aus religiösem Fanatismus gnadenlos hingerichtet oder bleiben wegen der menschlichen Profitgier auf der Strecke. Da werden lang bestehende Verbindungen aus egoistischen Launen heraus aufgekündigt. Und immer wieder sind es die Kleinsten und Schwächsten, die darunter leiden.

Mit politischen Schnellschüssen oder umtriebigem Aktionismus ist das nicht zu ändern. Die Radikalisierung der Welt erfordert eine radikale Antwort, eine Radikalität

im Denken und Handeln. Genau das bringt Jesus im Bild vom Weinstock und den Reben zum Ausdruck: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Eine nachhaltige Veränderung und Erneuerung der Welt kann nur von innen, aus der Wurzel (lateinisch ‚radix‘) heraus erfolgreich sein. Das gilt im Übrigen auch für eine Erneuerung der Kirchen. Nur wenn wir in die Tiefe gehen und in unseren eigenen Wurzelgrund hineinspüren - uns also im wahrsten Sinn des Wortes radikalisieren - sind Veränderungen in der großen Welt und den persönlichen Beziehungen fruchtbar.

Eine solche Sichtweise stellt auch die vorherrschende Kirchengeschäftigkeit auf die

Probe und ruft zur Unterscheidung: Ist der Betrieb in den kirchlichen Gemeinden und

Behörden wirklich geeignet, die Menschen mit sich selbst und der Wirklichkeit Gottes

in Kontakt zu bringen?

Als Werkzeug der Versöhnung in einer heillosen Welt braucht auch die  Kirche eine

Umkehr: Es geht darum, sich mehr um lebendige Beziehungen zu sorgen, statt Aufgaben zu erledigen; um weniger Tempo und mehr Zeit für Muße; um weniger wortreich inszenierte Frömmigkeit und mehr Zeit zum Hören und Ermutigen; um weniger Strukturdebatten und mehr Mut, sich selbst in Frage zu stellen; es geht darum, wachsam für sich selbst zu sein und mehr auf das zu hören, was Gott von uns will. Vielleicht entstehen gerade so neue kreative und dynamische Impulse für die Sendung der Kirche in einer säkularisierten und aus den Fugen geratenen Welt.

- Am kommenden Sonntag wollen wir’s im Kleinen versuchen: Ohne allzu großen Aktionismus, ohne große ‚Show‘, aber im intensiven Gespräch und Austausch miteinander einander wahr- und ernstnehmend.

Ich freue mich auf diese Begegnungen!

 

 

Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 12.09.2017

Aufbrechen und Ankommen

Das Evangelium, das gute Wort Gottes, die frohe Botschaft, war von Anfang an auf Wanderschaft. Mit Paulus und seinen Freunden wanderte es über die Grenzen der Städte und Länder, ja auch Kontinente hinweg, von Kleinasien bis nach Europa. 

Menschen aus unterschiedlichen Kulturen wurden von der Botschaft der Liebe  Gottes berührt. Diese Glaubenden brauchten Bilder, wie ihre neue Gemeinschaft  zu denken sei. So verschieden waren sie.

Ein Versuch steht im Epheserbrief. „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Ihr seid auf dem Grund der Apostel und Propheten erbaut, wo Jesus Christus der  Eckstein / der  Grundstein ist. In ihm wächst der Bau zu einem heiligen Tempel. Durch ihn werdet ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“

Dieses älteste Bild entwirft einen Hoffnungsraum:

Einmal werden alle Völker unter Gottes Dach friedlich beieinander  wohnen.

Die Propheten der hebräischen Bibel - des Alten Testamentes - erzählten schon davon. Kein Wunder also, dass sich diese Hoffnungsgeschichte des Friedens durch Jesus Christus hin zu allen Menschen entfaltet.

Das alte Bild bewahrt diese Weltenweite bis heute. Zugleich fordert es heraus, die verschiedenen Konfessionen, Kulturen und Identitäten miteinander anders zu denken. Hier beginnt das Neuland, und zwar heute - ohne angestammte Plätze, ohne irgendeinen Vorsprung. Das ist leichter gesagt als getan. - An vielen Orten, gerade auch in den Kirchen und Gemeinden, üben Menschen diese Vielfalt miteinander ein. Für manche ist und bleibt es leider verwirrend und fremd. Auch, weil sie sich von ihrem Beharrungsvermögen nicht freimachen wollen; weil sie nicht in Gedanken und Gefühlen aufbrechen wollen aus dem Wohlvertrauten, um im Her und Jetzt ankommen zu können.

Doch nicht nur für diejenigen, die physisch kommen, ist hier Vieles neu. Auch für die „Angestammten“ ist Manches – und manchmal auch sehr viel – neu und erst einmal befremdlich. Weiter, wohltuend weiter geht es nur, wenn man bereit ist, sich auf das für alle irgendwie Neue einzulassen. Denn im Neuland suchen alle den anderen … und auch sich selbst.

Manchen macht dies große Angst. Das Vertraute verschwimmt, das Neue ist noch nicht klar vor Augen. . Doch tröstlich: Im Neuland bleiben Menschen Menschen; und als solche sind und bleiben wir aufeinander angewiesen … und hoffentlich offen und neugierig. – Nicht mehr als „Gäste und Fremdlinge“ sollen und dürfen wir einander sehen, sondern als „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“.

 

Dass wir das auch tatsächlich tun, das wünscht sich und Ihnen

 

 

Ihr Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 25.07.2017

Raus und weg

Irgendwann war es genug. Immer für andere da sein, immer funktionieren, schlechte Nachrichten verkraften, Entscheidungen treffen. Es war genug.

Er spürte, dass er eine Auszeit brauchte. Eine Auszeit vom Alltag. Eine Auszeit, um Gedanken zu sortieren, dem Kopf frei zu bekommen, Kraft zu tanken. Denn das wusste er auch: Wer auf Dauer am Limit lebt, brennt aus.

So nahm er ein Boot … und fuhr weg. In eine einsame Gegend. - Allein.

Er brauchte weder Zerstreuung noch ‚Action‘.

Er brauchte keine anderen Leute um sich herum.

Nur Ruhe.

Nur Zeit für sich … und … Zeit für Gott.

 So kann man das lesen und verstehen, was Matthäus in Kapitel 14 in Vers 13 berichtet: Jesus macht Urlaub. - Für wie lange, das steht nicht in der Bibel, und auch das Wort ‚Urlaub‘ wird nicht erwähnt. Aber fest steht: Jesus nimmt sich eine Auszeit:

Als das Jesus hörte, entwich er von dort in einem Boot in eine einsame Gegend allein.

Ein einziger Vers; eigentlich nur ein halber.

Aber ich bleibe an ihm hängen. Mitten im Wortgetümmel des Evangeliums, zwischen all den Geschichten von dem, was Jesus sagt und tut und was die Leute von ihm halten und von ihm erhoffen, … steht dieser Vers. Jesus ‚entweicht‘, nimmt eine Auszeit. Er fährt weg. Er sucht Abstand … und die Einsamkeit. Er erlaubt sich, frei zu machen. Sich frei zu machen von den Ansprüchen und Erwartungen, sich frei zu machen von dem, was tagtäglich auf ihn einstürmt und ihn fordert. Er fährt weg. Ortswechsel helfen dabei, Abstand zu gewinnen.

Was tun Sie, um Abstand zu bekommen?

In ferne Länder reisen … oder einen Ausflug machen?

Spazieren gehen … oder im Garten liegen?

Eine Runde Joggen …oder Meditieren?

Fiebern Sie schon monatelang auf den heißersehnten Jahresurlaub hin … oder gönnen Sie sich immer wieder kleine Auszeiten?

Von Jesus lernen wir: Auch zu ‚entweichen‘ und Urlaub zu machen hat seine Zeit.

Wir brauchen Zeiten zum Durchschnaufen, zum Nichtstun und Genießen, zum Kopf frei kriegen und Kraft tanken. - Oder wie Astrid Lindgren schrieb: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

Wie und wo Sie auch Urlaub machen: Ich wünsche Ihnen, dass Sie finden, was Sie für Ihren Leib und vor allem für Ihre Seele brauchen!

Und kommen sie erfüllt und wohlbehalten wieder zurück … und lassen Sie uns gerne auch teilhaben.

 

 

Ihr Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 18.07.2017

„Weiter, liebe Brüder, betet für uns,

 dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch

 und dass wir gerettet werden vor falschen und bösen Menschen;

 denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.

 Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.“

(2. Thessalonicher 3,1-3)

Der Briefschreiber des 2. Thessalonicherbriefes hat ein unerschütterliches Vertrauen zu Gott. Und er weiß wahrscheinlich, dass Jesus seine Jünger aufgefordert hat zu beten. Und dass er dem Gebet eine große Verheißung mit auf den Weg gegeben hat. „Bittet so wird euch gegeben.“ Und deswegen sollten wir das Gebet nicht gering schätzen, sondern als konkrete Unterstützung werten.

Dann aber gehören Beten und Handeln zusammen - auch in der Nachfolge Christi.

Manchmal könnte es ja auch sein, dass wir Teil der Gebetserhörung unseres eigenen Gebets sind. - Ein Mensch, der das erlebt und in seinem Fall auch durchlitten hat, war Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Am 20. Juli 1944 begab sich der hochrangige Offizier mit einer Aktentasche in Hitlers Hauptquartier nahe dem ostpreußischen Rastenburg, in die sogenannte „Wolfsschanze“. Stauffenberg war einer der wenigen, vielleicht der Einzige aus dem Kreis des militärischen Widerstandes gegen Hitler, der überhaupt Zugang zum „Führer“ hatte. In seiner Aktentasche befand sich eine Bombe. Am Abend des 20. Juli betrat Stauffenberg die Baracke, in der Hitler eine Besprechung abhielt. Er stellte die Aktentasche am schweren Kartentisch ab, über den Hitler sich gerade beugte. Dann verließ er unter einem Vorwand den Raum. Die Bombe explodierte, doch Hitler überlebte. Der mit dem Attentat geplante Staatsstreich brach kurze Zeit darauf zusammen, die gesamte Verschwörung flog auf. An die 5.000 Menschen wurden in der Folge verhaftet, an die 1.000 Menschen starben – durch Selbsttötung oder Hinrichtung. Stauffenberg selbst wurde bereits am Abend des 20. Juli hingerichtet. 

Das fehlgeschlagene Attentat auf Hitler markierte das Ende einer länger andauernden Verschwörung. Stauffenberg und seine engsten Verbündeten waren überzeugt, dass es diese Tat, die Tötung Hitlers, brauchte. Einfach, weil etwas getan werden musste. Weil es eine Tat geben musste, die der Welt und vielleicht auch dem eigenen Volk zeigt: Wir haben es gewagt. Wir haben nicht hingenommen, dass unser Land nur noch durch die Fratze des Bösen repräsentiert wird.

So tut einer, was aus seiner Sicht getan werden muss. Er tut es, weil ohne diese Tat seine Schuld noch größer wäre. Für Stauffenberg hieß das: Als überzeugter Christ kannte er das fünfte Gebot. Zugleich war er zutiefst national gesinnt. Gedanken einer Demokratie waren ihm trotz seiner Kontakte zu Sozialdemokraten und Kommunisten eher fremd. Lange fühlte er sich an den Treueeid gegenüber dem „Führer“ gebunden. Als Stauffenberg jedoch vor den Gräueltaten der Wehrmacht im Osten und der Ermordung der Juden die Augen nicht mehr verschließen konnte, sah er sich gezwungen, gegen seinen Eid und gegen das fünfte Gebot zu handeln. Für die Erlösung vom „Führer“ und von den „unredlichen und gemeinen Menschen“ seiner Umgebung brauchte es die sichtbare Tat. „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen“, so Stauffenberg kurz vor der Tat. - Sein Gewissen wird ihm zur letzten Instanz, vor der er sich rechtfertigen muss.  Beten und Handeln gehören zusammen; ja, sie sind nicht voneinander zu trennen.

Einer, der dem Widerstand gegen Hitler nahestand und der in die Verschwörung um den 20. Juli 1944 direkt einbezogen war, war der Theologe und Pastor Dietrich Bonhoeffer. Schon im April 1943 wurde er verhaftet. Dietrich Bonhoeffer war einer der wenigen Kirchenmänner, die ein Attentat billigten, wohl wissend um die Schuld, die man mit der Tötung eines Menschen auf sich lädt. Eine Schuld, die niemand vergeben kann – außer Christus. – Dafür bittet er, darum betet er, wenn er schreibt:   „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. ... Ich glaube. dass Gott kein zeitloses Fatum (= Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten – ihnen gilt das Versprechen: Der Herr aber ist treu, der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.

Darauf sollten und dürfen vertrauen und neu entdecken, welche Kraft das Gebet hat … und wie eng es mit unserem Handeln verbunden ist.

Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 27.06.2017

„Gott besucht uns häufig,

aber meistens sind wir

nicht zu Hause.“

         Sprichwort aus dem Zululand

 

                           

 

Auf dem Weg zum dritten Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest, nach Trinitatis, denke ich über die Zahl ‚Drei‘ nach:

Die Zahl ‚Drei‘ hat es in sich. Vielleicht fallen uns spontan Weisheiten ein wie „Aller guten Dinge sind drei“, viele Kinderreime nehmen auf die Dreizahl Bezug: „Ene mene mu, raus bist Du!“. Vater, Mutter Kind ist die Einheit, mit der eine Familie beginnt und das Eigene weitergeführt werden kann. Wir nehmen unsere Welt in drei Dimensionen wahr und begreifen sie so. Kurzum: Die Zahl ‚Drei‘ ist einfach eine heilige Zahl.

Am kommenden Sonntag erinnern und feiern Christen nun nicht die heilige Zahl ‚Drei‘, sondern den dreieinigen Gott – „Vater, Sohn und Heiliger Geist“; und das zum dritten Mal nach dem Trinitatis-Sonntag, dem Sonntag der Dreieinigkeit. - Nach Weihnachten und Ostern bis hin zu Pfingsten mit den Geschichten von Gott und seiner Welt, mit Geburt, Sterben und Tod, die sehr anschaulich sind, … gibt es nun eine erstaunlich lange Phase mit über 20 Sonntagen, die in ihrer kontinuierlichen Zählung alle auf dieses Trinitatisfest rekurrieren. Eine Zeit, in der wir mit dem, was uns die Festtage erzählten und geschenkt haben, leben und arbeiten können. Eine Zeit, in der nun zum Tragen kommen soll, was wir von Gott erfahren und verstanden haben. Das Leben auf dieser Welt kann doch nur im Blick auf die „Heilige Dreiheit“, den dreieinigen Gott, richtig gelebt und verstanden werden.

Andrej Rubljow, ein Ikonenmaler um 1400, hat das in seiner berühmten Ikone Troiza wunderbar dargestellt. Er nimmt Bezug auf eine Geschichte, die von einem Besuch Gottes bei Abraham und seiner Frau Sara erzählt. Gott besucht Abraham und redet durch drei Engel mit ihm. Die Engel sitzen am runden Tisch, auf dem in der Mitte eine Schale oder ein Kelch mit geheimnisvollem Inhalt steht. Viele weitere Symbole verweisen auf den heiligen Besuch der drei Engel. Dem Stammvater geht es nicht gut. In die Jahre gekommen, vermisst er immer noch den Stammhalter und befürchtet, dass der versprochene Segen Gottes nicht eintreffen wird. Am Ende des Besuchs der „Heiligen Drei“ kann seine Frau wieder lachen. Ein Sohn, Isaak, in dessen Namen das Wort ‚Lachen‘ enthalten ist, wird geboren, und der Stammvater weiß: Es wird alles gut werden.

Auch für uns gilt, dass wir im Gespräch mit unserem dreieinigen Gott frohgemut und gestärkt und mit dem nötigen Humor ausgestattet unsere Zukunft angehen und unser Leben gestalten können. Der dreimal heilige Gott hat versprochen, dass er uns immer wieder besucht. In vielerlei Weise, vielleicht sogar in Gestalt von Engeln, die uns begegnen, in Gestalt von Mut machenden Mitmenschen, in Gestalt von guten Gedanken, die uns plötzlich beflügeln, in ergreifenden Erlebnissen, die uns in Gottes guter Welt geschenkt werden – „heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll“.

Mögen wir wach und zu Hause sein, wenn ER kommt.

 

Denkt sich Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 21.06.2017

Nicht nur beim Erntedankfest, sondern auch mitten im Jahr ist es sinnvoll, über meine Dankbarkeit gegenüber Gott nachzudenken.

Ob nach schönen Tage in den Bergen … oder einer Erholungsphase auf ‚Balkonien‘;

oder gar in Anlehnung an unseren diesjährigen ökumenischen KleinKinderGottesDienst mit dem Thema ‚Elemente‘ … und Franz von Assisi als Begleit- und Leitfigur: Vielleicht fällt einen Aufmerksamen dann der 104. Psalm ein.

In ihm geht es um das Lob des Schöpfers als des einzigen Erschaffesr der Erde und allen Lebens auf ihr. Dabei gipfeln die Worte des Psalmbeters in seinem Dank an Gott.

Doch wie selbstverständlich nehme ich tagein, tagaus in Anspruch, satt zu werden, eine Wohnung zu haben, gesund zu sein. - Und wem verdanke ich das? Mir selbst? Meiner Leistung und Tüchtigkeit? … Der Dichter des 104. Psalms hat darüber nachgedacht und dann in tiefer Ehrfurcht ausgesprochen: „Lobe den Herrn, meine Seele“.

Er lobt, obwohl er die Probleme dieser Welt sicher kennt und möglicherweise auch am eigenen Leib erfahren hat. Trotzdem ist er nicht verbittert. Er lobt Gott. Von ihm weiß er sich geschaffen, getragen und geführt. Sein Gott ist sein Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Vollender. Jeder neue Tag ist ein neues Geschenk. Das Leben ist eine Leihgabe Gottes, kein fester Besitz. Alles, was ich habe, ist mir vorübergehend anvertraut - von dem lebendigen Gott, der uns zugetan ist.

Davon redet der Beter des 104. Psalms.

Das ist seine Freude, sich zu diesem Gott zu halten, zu ihm zu gehören, auf ihn angewiesen zu sein.

Der Beter hat in Psalm 104 alle Geschöpfe zusammengefasst. Alle sind sie vom Schenken des Schöpfers abhängig, der sie mit seinen Gaben erhält. In solcher Abhängigkeit warten sie auf die Speise. Diese hängt von der gebenden Hand Gottes ab. Gott dankt er dafür, dass er nehmen und sammeln kann.

Und das ist nun auch die Frage an mich, wenn ich nicht nur am Erntedankfest, sondern mitten im Jahr eine Art Zwischenbilanz ziehe, nachdenke über mich und diese Erde: Gott loben? Kann ich das auch?

 

Fragt sich und Sie und Euch Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 07.06.2017

Pfingsten – konkret

Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel kommen  zusammen  und  verstehen sich: Das ist  das Wunderbare an der Pfingstgeschichte, die die Apostelgeschichte  erzählt (Apg  2, 1-11).  Doch wir haben ganz andere Bilder vor Augen,  etwa  aus Syrien und   aus  verschiedenen   Staaten  Afrikas,  aus   Afghanistan,  Bilder  von

Terroranschlägen,  auch  in  unseren  Städten. Menschen  verschiedener Völker, Kulturen und Religionen verstehen sich nicht immer,  sondern gehen aufeinander  los  oder bringen sich sogar um. Und Politiker jedweder Couleur befeuern das noch – sei es aktiv oder durch stillschweigende Duldung. Und WIR? Wir machen auf die eine oder andere Art … mit. - Der Stärkere jagt den Schwächeren, der Einheimische oft

den Fremden. Der Traum von einer multikulturellen Gesellschaft scheint ausgeträumt zu sein. Das Fremde und die Fremden lösen zum Teil Ängste aus. Viele haben die

Sorge, dass sie wegen der zu uns Geflüchteten selbst zu kurz kommen könnten. Manche fühlen sich irgendwie nebulös bedroht.

Die Griechen nannten die Fremden früher schroff „Barbaren“.  Die Römer nannten  sie sogar schlicht „Feinde“. 

Ganz anders die Christen. Für sie waren die Fremden Freunde. Weil sie Freunde  Gottes waren. Und das gilt bis heute: Freunde Gottes, ja: ‚Kinder Gottes‘ können keine Barbaren oder Feinde sein. Der Geist Gottes kümmert sich nicht um Einteilungen, die wir vornehmen, und auch nicht um Grenzen, die wir ziehen. Ohne Vorbehalte spricht er zu allen Menschen auf der  Erde in ihrer Muttersprache. Von daher verbietet sich jede  nationale Arroganz und Abschottung  gegenüber anderen   Kulturen und Sprachen. Sie sind vielmehr eine Bereicherung. Das merkt man aber erst, wenn man sich auf die Fremden einlässt und mit ihnen ins Gespräch kommt.  

Pfingsten hat den Horizont auf alle Völker und Sprachen hin geweitet. Für uns  Christen gibt es keine Fremden. Daran hat uns das Pfingstfest gerade wieder erinnert. Wir alle sind gleichermaßen Töchter und Söhne Gottes, auch wenn wir aus  verschiedenen  Ländern  kommen  und  verschiedene  Sprachen  sprechen.

Einheit und Vielfalt sind keine Alternativen, sie gehören zusammen. Mit den jeweils eigenen Kulturen und  Religionen bilden  wir eine große Menschheitsfamilie. Fremde werden Freunde, das bewirkt der Geist Gottes.

Lassen wir uns doch von unser aller Vater im Himmel mit seinem Heiligen Geist begeistern, statt uns selbst zu ‚begeistern‘ durch den Ungeist der Separation und eigenen Machtgelüste.

 

Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 30.05.2017

Pfingsten ist anders.

Während Weihnachten und Ostern ein buntes Brauchtum um sich herum entwickelt haben, angeführt vom Weihnachtsmann und vom Osterhasen, erscheint das Pfingstfest eher nüchtern.

Dabei ist Pfingsten alles andere als ein nüchternes Fest. Den Menschen, die das erste Pfingstfest damals in Jerusalem erleben, vergeht bei ihrer Zusammenkunft Hören und Sehen. Sie werden Zeugen eines gewaltigen Brausens, so berichtet es die Apostelgeschichte. – Denn es geschieht, was an den Schöpfungshymnus am Anfang der Bibel erinnert. Damals schwebt der Geist Gottes auf dem Wasser und lässt aus der Erde, die wüst und leer war, einen geordneten Lebensraum entstehen. Aus Chaos wurde Kosmos, aus Finsternis Licht. … Genau an diese Erinnerung knüpft Pfingsten an: Es ist die Wiederbegegnung und die Wiederbelebung mit dem Geist Gottes. Aus dem chaotischen Gemenge zusammen gewürfelter Menschen wird eine Gemeinschaft Aus dem babylonischen Sprachgewirr wächst Verständnis füreinander. Herkunft und Hautfarbe, Alter und Geschlecht, Sprachen und Dialekte verlieren ihre Bedeutung, weil alle die Botschaft vom Wirken Gottes gleich erfahren.

Die Menschen erwachen, nachdem der Geist die Schockstarre der Jünger Jesu erst einmal durchbrochen hat. Der Geist Gottes beendet alle Nüchternheit und fährt hinein in das trockene Stroh enttäuschter Hoffnungen und leerer Worte. Er entzündet sie zu einer neuen Vision. Nach den Karfreitagserfahrungen von Verlust und Zerstreuung bekommen die Menschen hier ihre Träume zurück.

Und wie ist Pfingsten heute? Lassen wir es ein Fest gegen die Nüchternheit sein? Gegen die trockene Bilanzierung des Lebens, bei der nur zählt, was in Zahlen und Fakten ausgedrückt werden kann? Feiern wir es als ein Fest gegen die Apathie und Interesselosigkeit, gegen die Grauzonen, wo sich Helles und Dunkles vermischen?

Pfingsten ist geistvoller Widerspruch! Martin Luther hat in seinem Pfingstlied „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geíst“ (EG 126) auf wunderbare Weise theologische Weisheit und poetische Ausdruckskraft miteinander verbunden … und den an Pfingsten wirkenden heiligen Geist „ein lebend Brunn, Lieb’ und Feuer“ genannt.

Der Brunnen – das ist der Schöpfergott, aus dessen Händen die Welt ans Licht gehoben wird, so wie eine Hebamme das neugeborene Kind ans Licht hebt.

Die Liebe - das ist Geist auf der Beziehungsebene! Geist Gottes als das Liebesband, das Menschen zusammenbringt. Als Emotion, mit der wir aus uns herausgehen. Als Netz, das Beziehungen erstellt und erhält.

Und der Geist als Feuer! In alten Bibeln wird die Pfingstbegeisterung als Feuerflamme - schwebend über dem Haupt der Christen - dargestellt. Als Symbol für die von Christus angefachte neue Bewegung des Glaubens.

Aber dieser Geist Gottes ist uns unverfügbar; wir haben ihn nicht, können ihn nicht einsperren oder vorweisen, sondern können am Anfang eines jeden Gottesdienstes unsere leeren Hände ausstrecken und darum bitten: „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“!

 

Und: Gottes Geist kommt – wo und wann (und wie Gott das will. Kommt zu den Wartenden, Hoffenden, Eingeladenen, Sehnsüchtigen; und auch zu denen, die gar nichts mehr erwarten. – Gottes Geist kommt … und begeistert uns. – Aber dafür gibt’s keine Schokoladenfigur und kein Abziehbild. Da müssen wir schon uns selbst mit hineinnehmen lassen in den frischen Schwung und guten Geist Gottes!

Gedanken Pfarrer Hofius 23.05.2017

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2017 – jetzt zwischen Himmelfahrt und Exaudi - steht unter dem Leitwort „Du siehst mich“ (1. Mose 16,13).

In diesen drei Worten steckt grundlegende alttestamentliche Theologie. Gleichzeitig greift der Vers aktuelle gesellschaftliche Themen auf.

 

„Du siehst mich“ ist die kürzeste Zusammenfassung von 1. Mose 16,13. Besagt doch die ganze Gesichte, dass Gott und Mensch Beziehungswesen sind

In der Geschichte von Abraham, Sarah, Hagar, Ismael, Isaak und Gott kommt die Sehnsucht der Menschen nach „angesehen sein, wahrgenommen werden“ stark zum Tragen. Die Sehnsucht der Menschen danach ist groß. Dafür schicken wir permanent Bilder von uns selbst in die Welt, per Selfie, Facebook und WhatsApp. Doch wirklich gemeint zu sein - das geht tiefer.

Weil Sarah nicht schwanger wird, zeugt Abraham ein Kind mit Sarahs ägyptischer Magd Hagar. Es kommt zum Konflikt zwischen den beiden Frauen, weswegen Hagar in die Wüste flieht. Dort findet sie der „Engel des Herrn“ … und es kommt zu einem spannenden Dialog – Sie können ihn gerne nachlesen. Am Ende bekennt die Ägypterin Hagar: „Du bist ein Gott, der mich sieht.

                             Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen,

                             der mich angesehen hat.“

Hagar erfährt die direkte und ungeteilte Aufmerksamkeit Gottes; sie, die ausgenutzte und abgelehnte Frau in hoffnungsloser Lage. Gott verlangt zwar etwas Unzumutbares von ihr, nämlich in die schwierige Dreiecksbeziehung zurückzugehen, spricht ihr aber dafür Mut zu. Für Hagar bedeutet schon die Tatsache, dass sie in ihrer Situation wahrgenommen und angesehen wurde, unendlich viel. Ermutigt und in der Gewissheit, nicht allein zu bleiben auf ihrem weiteren Lebensweg, kehrt sie zurück zu Abraham und Sarah.

 

Die Wendung „Du bist ein Gott, der mich sieht" zeichnet dabei ein Gottesbild, das auf Beziehung gegründet ist. Der Gott, von dem im Alten und Neuen Testament der Bibel die Rede ist, ist kein fernes und unnahbares Wesen, sondern er wendet sich dem einzelnen Menschen zu … und gibt sich zu erkennen. Ein Mensch, der sich von Gott gesehen fühlt - von ihm gefunden wird wie Hagar - , fühlt sich wertvoll und geachtet, kann trotz aller Demütigung aufrecht durchs Leben gehen.

 

Hochaktuell ist dieser Gott … und ist das, was wir von ihm für unser Leben und unser Zusammenleben lernen können. Denn dass wir alle - als Menschen, als Geschöpfe - von Gott angesehen werden, begründet die Würde des Menschen. Solches Gesehen-Werden und Sehen stiftet Beziehung - nicht nur mit Gott, sondern auch im Miteinander aller Menschen.  -  Bemerkenswert finde ich, dass die Geschichte der Hagar nicht nur in der Torah, dem heiligen Buch der Juden und ‚unserem‘ „Alten bzw. ersten Testament“, sondern auch im Koran und im Neuen Testament aufgegriffen wird. Damit ist dieser Satz „Du siehst mich" eine konzentrierte Zusammenfassung, die über den biblischen Kontext hinaus auch heute Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt.

Gedanken Pfarrer Hofius 09.05.2017

Im  Monat  Mai  denkt  die  Katholische  Kirche  in  besonderer Weise  an  Maria, die Mutter Jesu. … Und da wir innerweltlich auf den ‚Muttertag‘ zugehen, möchte ich mich als evangelischer Pfarrer hier auch mit einigen Gedanken einklinken:

 

Meine frühere Freundin, die inzwischen verheiratet ist – zu meinem Glück … mit mir – studierte ein Jahr im sogenannten Theologischen Studienjahr an der Dormitio-Abtei in Jerusalem. Von Besuchen dort weiß ich, dass die Benediktiner in Jerusalem eine Leiche im Keller haben. Nicht im buchstäblichen Sinne, sondern dergestalt, dass sich in der Krypta ihrer Kirche (siehe Bild) eine liegende weibliche Figur befindet: Maria.

Über ihr wölbt sich ein steinerner Baldachin. Dieser ist verziert mit sieben als Mosaik gearbeitete Gesichtern, bei denen es sich um sechs große Frauengestalten des Alten Testamentes handelt: Eva, Mirjam, Ruth, Jael, Ester und Judith.

Die Geschichten dieser Vorgängerinnen im Glauben verbinden sich so mit der Geschichte der Mutter Jesu, die der Überlieferung zufolge hier auf dem Zionsberg,  im  Kreis  der Apostel gestorben sein soll. Daher der Name „Dormitio“, der wörtlich „Entschlafung“ bedeutet.

Der Heimgang der Maria und ihre Aufnahme in den Himmel wird darum auch in der Krypta dargestellt; und zwar auf einer Ikone in byzantinischem Stil: Hier stehen zunächst einmal die Apostel um die sterbende Mutter ihres Herrn herum. Eine Etage höher thront der auferstandene Christus, und er empfängt die Seele seiner Mutter – sie erscheint in Gestalt eines Kindes auf seinem Schoß. … Ein interessantes Bild: Die Seele als Kind – nicht als ein flatterhaftes Etwas, als unsichtbarer Hauch, als unbegreifliches ‚Es‘, … sondern als kleine, reine, zarte Ausführung ihrer selbst, der Maria. Und diese sitzt dem Auferstandenen auf dem Schoß; gewissenmaßen eine ‚umgedrehte‘ Pietá.  Dort hält die Mutter ihren toten Sohn auf dem Schoß, hier nun der Sohn die Mutter. Gottes Heil für sie wird da sichtbar und spürbar. Und wir als Betrachtende dürfen uns da mit hineingenommen wissen und erfahren. Denn der Jesus, den sie zu Lebzeiten so oft nicht verstanden hat, gibt ihr in dieser Szene  Anteil an seinem Leben, an seiner Herrlichkeit. In Ewigkeit.

Die Nähe Gottes so erfahren zu dürfen, sie wie Maria auch erneut erfahren zu dürfen gegen all unsere Vorstellungen von Richtig und Falsch, von Werden und Entstehen, von Sterben und Zerfallen, … ich empfinde es als äußerst tröstlich. Weil es immer Gabe und Geschenk Gottes ist; nicht Werk oder Verdienst menschlicher Leistung.

Und weil er es ist, der uns hält, werden wir am Ende nicht irgendwo verschwinden -im Grab, im Nichts, auch nicht in den Weiten des Universums, sondern eben gerade bei ihm ankommen … als seine geliebten Kinder.

Ob es uns gelingt, das vom Sonntag JUBILATE herkommend auch an KANTATE zu singen und an ROGATE im Gebet zu bedenken? Ob es uns gelingt, diese Botschaft weiterzusagen und unseren eigenen Alltag prägen zu lassen. Ob es uns gelingt, das im Hintergrund habend … über unseren oftmals immens großen eigenen Schatten zu springen … und unseren Müttern etwas Gutes und Liebes zu tun; ihnen, die gewiss nicht weniger über uns verwundert und verzweifelt gewesen sind als Maria über ihren Jesus? … Der erste Schritt ist immer ein guter Anfang J .

 

Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

 

Gedanken Pfarrer Hofius 12.04.2017

‚Wahrheit oder Pflicht‘ … oder doch ‚Wahrheit IST Pflicht‘?

Was ist richtig … und was falsch?

Was ist wahr … und was ist nicht wahr (und damit gelogen oder nicht gewusst oder schlicht dreist behauptet).

In den USA ist jetzt ein neues Kartenspiel der Renner. Es heißt „Alternative Fakten“. Die Spieledesigner wollen damit die abenteuerlichen Behauptungen von Präsident Donald Trump entlarven … und jedermann zugänglich machen. Denn dass der Präsident Falsches behauptet und seine Berater solche Unwahrheiten einfach als „alternative Fakten“ verkaufen, das geht doch nicht. Oder doch?

Das Spiel geht einfach: Ein Spieler zieht zwei Karten. Aus der Kombination beider ergibt  sich  eine  mehr  oder  weniger  glaubwürdige  Aussage.  Die  anderen Spieler  müssen jetzt beurteilen: Ist die Aussage Fakt oder alternativer Fakt? Natürlich  geht  es eigentlich um „wahr“ oder „falsch“. Aber gerade letztere Kategorie - „falsch“ - wurde kurzerhand aussortiert. Denn „falsch“ gibt es ja nicht mehr; das heißt jetzt – zumindest in Präsidentenmund - „alternative Tatsache“. … Und darum gibt’s auch Joker, nämlich sogenannte ‚Trump-Karten‘: Da steht dann, dass all das, was in der letzten Runde „wahr“ war, es jetzt nicht mehr ist, und darum Punkte abgezogen … oder auch dazugerechnet werden dürfen oder gar müssen.

Ein Glücksspiel, das einer soliden Basis entbehrt. Denn Fakten sind ja bekanntlich überprüfbar. Mit ihnen könnte es so einfach  sein. Doch vieles im Leben besteht nicht nur aus Fakten, nicht nur aus „wahr“ oder „falsch“. Dazu kommt, wie wir Dinge einschätzen. Fakten und Einschätzung sind aber zwei Paar  Stiefel. Wer das vermischt, landet schnell bei „Fake News“ … oder eben „alternativen Fakten“.

Sie denken, dass das jetzt wieder zu einseitig und rein politisch sei … und nichts in den Gedanken eines Pfarrers verloren habe?

Nun, machen wir die Probe auf’s Exempel mit einem theologischen Beispiel: Nehmen wir - gut nach-österlich - den Glauben an die Auferstehung Jesu. Sie ist nicht  beweisbar  im Sinn von „wahr“  oder „falsch“.  Deshalb  gehört  sie aber  noch  lange  nicht zu den „Fake News“; auch wenn einige das gerne hätten. Im Gegenteil: Sie ist eine gute Nachricht. Sie protestiert gegen die allgegenwärtigen Fakten des Todes. Auferstehung also als die Alternative zum Tod. Und doch gibt es hier bei uns schmerzliche Sterbefälle und all überall auf der Erde immer noch viel zu viele ‚überflüssige‘, ‚unnötige‘ Tote in Syrien und dem Sudan, Hungertote in Afrika, zu Tode gefolterte Glaubensgenossinnen und -genossen weltweit. Das sind die harte Fakten. - Auferstehung als die Alternative zum Tod leugnet diese Fakten nicht. Sie will ihnen aber eine  Hoffnung  entgegensetzen.

Sollte im amerikanischen Kartenspiel also eine Karte mit dem Namen „Jesus“ und eine mit der Aussage „hat den Tod überwunden“ kombiniert werden, wie würden Sie das einschätzen: „Fakt“ oder „alternativer Fakt“?

Ich denke: Die Welt ist, Gott sei Dank, vielschichtiger als dieser Dualismus.

 

Denkt Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius.

Gedanken Pfarrer Hofius 12.04.2017

Osterlieder müssen laut gesungen werden

- so lautete der Titel über einem spannenden Interview mit dem Tübinger Kirchenmusiker Ingo Bredenbach,  Kantor der Tübinger Stiftskirche und Bezirkskantor im Evangelischen Kirchenbezirk Tübingen, das ich kürzlich mit Genuss gelesen habe.

Obwohl Ostern eines der wichtigen Feste im Kirchenjahr ist, gibt es verhältnismäßig wenig bekannte Lieder dazu – ganz anders als zu Weihnachten. Nach dem Grund dafür gefragt, antwortet Bredenbach: ‚Es gibt durchaus einige Osterlieder, die zumindest in kirchlich geprägten Kreisen auch bekannt sind. Zum Beispiel „Christ ist erstanden“ oder „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“.‘

Das mag mit dem Geheimnis von Ostern zusammenhängen. Die Auferstehung kann man sich nur schwer vorstellen. Weihnachten dagegen hat durch die Geburt eines Kindes einen klaren Anhalt in der Lebenswelt der Menschen. Da weiß man, worum es geht. Das Thema von Ostern ist viel schwieriger zu fassen; keiner hat Erfahrungen dazu – und Aussagen dazu sind reine Glaubenszeugnisse.

Außerdem fehlt – zunächst einmal - Ostern das Volkstümliche: Es gibt kaum Rituale, die mit dem Ostergeschehen zu tun haben. Über den Osterhasen oder das Eiersuchen gibt es nur wenige Lieder; und wenn, dann eher aus dem Kinderbereich denn aus der ‚kirchlichen Ecke‘.

Das älteste Osterlied ist besagtes „Christ ist erstanden“ (das wir hier in Nebringen auch bei Beerdigungen häufig singen).  Es zählt zur Gruppe der sogenannten „Leisen", weil an jede Strophe ein „Kyrieleis", ein „Herr, erbarme dich" angehängt ist.

- Das hat also nichts mit der Lautstärke zu tun! Ganz im Gegenteil: Da es ein letztlich fröhliches Lied ist, welches den Sieg Christi über den Tod zum Thema hat, sollte man diesen auch triumphal und angemessen laut verkündigen.

Ob SIE Lust haben, diesen besonderen Schatz der überschaubaren Literatur zu Ostern mit uns zusammen zu heben und wieder neu laut werden zu lassen?  Schön wäre es – und dem theologischen Gehalt dieses Festes am Ausgang der ‚Heiligen Woche‘ angemessen. Denn  Ostern ist weit mehr als ein bloßes Frühlingsfest, zu dem wir es aus Bequemlichkeit oft haben ‚verkommen‘ lassen. … Zugegeben, die ‚Sache mit der Auferstehung‘ ist nicht ganz einfach (und schon gar nicht in drei Sätzen … nicht ‚erklärt‘, sondern … ‚bezeugt‘, bekannt, weitererzählt.  Aber gerade das ist es doch auch, was die Ostergeschichte ausmacht: Wie die Frauen ans leere Grab kommen. Wie Angst und Fragen sie ergreift … und der Auferstandene ihnen dann begegnet. Wie sie eilen, um es den Jüngern zu erzählen. Und wie die frohe Botschaft, das Evangelium, sich dann Bahn bricht. – Das alles will und muss erzählt und gehört, muss besungen und bejubelt werden! Denn es geht an Ostern auch ganz stark um uns und unser Heil. Und davon kann man nicht leise reden.

Findet Ihr und Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 04.04.2017

Männer weinen nicht. – Oder doch?

Indianer kennen keinen Schmerz. – Behauptet wer?

Mit solchen Sprüchen  sind  viele aufgewachsen.  Und  diese  vermeintlich maskuline  oder  anerzogen männliche  Härte  ist  es,  die  Männer  so  selten weinen  lässt. zumindest öffentlich.  Aber wer  weiß schon, was im Verborgenen geschieht.

Denn: Wenn es heraus will, wenn die Dämme brechen, dann fließt es.

Bei dem Vater, der sein totes Kind aus den Trümmern zieht.

Dem Kollegen, der zum letzten Mal vom Dienst nach Hause geht.

Wenn aus Scham Tränen die  Wangen  herunterfließen,  schmecken  sie  besonders  bitter.  Ertappt.  Bloßgestellt. - Als  ob  das  eigene  Versagen  mit  riesigen  Lettern  an  die  Häuserwände  geschrieben ist. 

Solcher  Scham  widmet  der  Evangelist  Johannes  nur  einige  wenige  sparsame Worte. Petrus hatte sich weggeduckt. Anders, als er es von sich gesagt hatte, steht er  nicht  zu seinem Meister. Jesus hatte es kommen sehen: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich verleugnen.“ Petrus wies das weit von sich: Ich werde bestehen. Und dann der „Härtetest“: Petrus weicht zurück. In kalter Nacht, nahe dem Feuer, zieht er den Umhang noch näher an sich. Unmittelbar hinter ihm sitzt eine Magd, namenlos, ohne Gesicht, deren Wort und weisend erhobener Arm ihn vom Rücken her trifft: „Dieser war auch mit Jesus von Nazareth!”. Petrus ist umstellt, kann nicht ausweichen. Er wollte und sollte seinen Herrn bekennen, … aber er verleugnet ihn: „Ich kenne ihn nicht.“ – Ist das wirklich das einzige ‚Türchen‘, weil er anders nicht ausweichen kann? Denn Christus und der Hahn sind über ihm, hinter ihm - so wie die Magd und das Feuer neben ihm sind. Petrus verleugnet den Herrn – dreimal. Dann kräht tatsächlich der Hahn. Und Johannes schreibt: „Da gedachte Petrus  an  die Worte  Jesu,  und  ging  hinaus  und  weinte  bitterlich.“

Ertappt.  Bloßgestellt. Petrus hat versagt. Und er weint. – Es ist bitter, dieses Innewerden der Sünde, des sündigen Menschen schlechthin, der ganz umstellt und verstrickt ist … und der doch unter Gott steht. Denn dies ist ja die Aussage des Bildes von Helmuth Uhrig und seiner klaren Ordnung: Der gefesselte, leidende Heiland steht hell und licht über dem dunklen Geschehen; er schweigt und leidet, sieht auf den Jünger … und sieht aber auch aus dem Bilde heraus, sieht uns an und erweist seine Macht und Hoheit nicht nur über Petrus, sondern über jeden im Glauben auf ihn Schauenden.

Für mich ist dieses wunderschöne, einfach gehaltene und zugleich sehr dichte Bild nur scheinbar locker und zufällig gemalt Der Künstler Helmuth Uhrig, dessen Werke inzwischen im Kloster Kirchberg zusammengetragen werden, wird sehr bewusst und  und formal-inhaltlich zwingend diese Zuordnung der fünf Bildelemente zueinander vorgenommen haben, die so zu Trägern einer zeitlosen und tiefen Aussage werden.

Männer weinen.

Und Frauen auch.

Selbst Jesus weint im Garten Gethsemane - Tränen aus Scham, Tränen aus Angst.

Auch Petrus weint, als der Hahn kräht; weint bitterlich.

 

Und das ist gut so! Denn wenn es fließt,  dann geht  es  weiter.  Tränen  können  öffnen.  Können  befreien.  Tränen  können  gesegnet sein.

Gedanken Pfarrer Hofius 28.03.2017

Isaac Newton – Der Mann mit dem Apfel

1665 wütet in England die Pest. Die Universität Cambridge schließt ihre Tore. Der Mathematikstudent Isaac Newton flieht aufs Land in sein Heimatdorf Woolsthorpe. Während die Seuche Zehntausende dahinrafft, macht der 23-Jährige die Entdeckung seines Lebens: Das Gravitationsgesetz. - Zu einem Mittagsschläfchen hatte er unter einem Apfelbaum gesessen, als ihm einer der Äpfel auf den Kopf fiel.  Daraufhin fragte er sich, warum der Apfel senkrecht herunter fiel und nicht seitlich nach rechts oder links. Statt über Schmerz oder Schreck nachzudenken, sann Newton über die Mach nach, die den Apfel derart in seine Bahn brachte … und erkannte die Gesetze der Schwerkraft! - Ob die Geschichte stimmt, sei einmal dahingestellt. Aber die Grundüberlegungen des Gravitationsgesetzes sind daran anschaulich festzumachen. Der Apfel fällt zu Boden, weil ihn die Erde anzieht. Das führt zur elementaren Frage: Wie weit reicht diese Anziehungskraft? Reicht sie bis zum Mond? Ist es gar die irdische Schwerkraft, die den Mond auf seiner Umlaufbahn hält, indem sie seine Fliehkraft kompensiert?

Erstaunlich bei einem Jungen, dessen Geburt unter keinem guten Stern stand: Der Vater, ein Schafzüchter, starbt kurz vor der Geburt seines Sohnes. Isaacs kam vorzeitig zur Welt; seine Kindheit war von zahlreichen Krankheiten geprägt. Neun Jahre lang lebte er getrennt von seiner Mutter bei seiner Großmutter in Woolsthorpe - Großmütter, die Heldinnen ihrer Zeit! Isaac Newton geht im King’s College im nahegelegenen Grantham zur Schule. Anstatt wie andere Jungs draußen Fußball zu spielen, zieht er es vor, Modelle von Einrichtungen und Apparaten wie Windmühlen oder Karren zu basteln. Diese haben nicht nur genau die richtigen Proportionen, sondern auch funktionierende Mechanismen. Isaac Newtons nächste Station ist das Trinity College der Universität Cambridge. Er trägt sich in der Absicht, Pfarrer der Church of England zu werden. Aber die Dinge laufen anders. Um die Kosten des Studiums zu decken, muss er nebenher hart arbeiten.

In jener Zeit sind die unterschiedlichen Disziplinen Politik, Religion und wissenschaftliche Bildung sehr ineinander verwoben. So kann man nur als Ordinierter der Church of England am Trinity College lehren. Newton studiert letztlich „nur“ Mathematik und Optik. Er steht einer Verstrickung politischer mit religiösen Angelegenheiten kritisch gegenüber. So stimmt er als hingegebener Christ nicht mit allen Lehren seiner Kirche überein, weshalb es ihm sein Gewissen nicht erlaubt, die Ordination anzunehmen. Er riskiert mit seiner gelebten Überzeugung seine Stellung. Deren Erhalt wird nur dadurch möglich, dass König Karl II. eine Ausnahme bei ihm macht.

Newton kehrt 1667 an die Universität zurück. Er verschweigt zunächst seine Überlegungen, die irdische Physik auf himmlische Gegebenheiten anzuwenden. Erst als er 1684 Professor der Mathematik wird, vertraut er sich Edmond Halley mit seinen Ideen an. Es kommt zur ersten Veröffentlichung seiner Gedanken: „Die mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie.“ Die Wirkung der Schwerkraft kann Newton mathematisch beschreiben. Ihr Ursprung bleibt jedoch rätselhaft.

Isaac Newton ist wegen seiner Genialität bekannt. Er verknüpft sie harmonisch mit einem schlichten, hingegebenen Glauben an Christus – was leider nicht so bekannt ist – und hat seine persönlichen Glaubenseinsichten über seine Karriere gestellt. Sein Leben zeigt: Man kann Spuren von Gottes Handeln in dieser Welt erkennen, wenn man sein Handeln nicht von vornherein ausschließt und die Welt nur unter der Prämisse, dass es keinen Gott gibt, betrachtet. Letzteres tut die heutige Naturwissenschaft mit ihrem methodischen Atheismus. Unsere Wirklichkeit, unsere Erfahrungen beinhalten weit mehr als das, was sich mit rein naturwissenschaftlichen Methoden erforschen lässt. Die Naturwissenschaften befassen sich mit „Wie-Fragen“ und lassen sämtliche „Sinn-Fragen“ unberührt.

Isaac Newton war einer der vielen herausragenden Naturwissenschaftler, die gleichzeitig überzeugte Christen waren. Ein Gegensatz zwischen diesen beiden Positionen ist bei ihm nie sichtbar geworden. -  Trotz seines Genies blieb Isaac Newton zeitlebens ein einfacher Mann. Das belegt ein schlichtes Zitat: „Die wunderbare Einrichtung und Harmonie des Weltalls kann nur nach dem Plane eines allwissenden und allmächtigen Wesens zustande gekommen sein. Das ist und bleibt meine letzte und höchste Erkenntnis.“

 

Am 31. März 1727 – also vor genau 29o Jahren – starb Sir Isaac Newton.

Gedanken Pfarrer Hofius 14.03.2017

Ist das Leben wie ein Spiegel?

Lächelt man hinein, dann lächelt es zurück?

Oder sind Spiel so wie ihre gleichnamigen Pendants aus dem Märchen, die Rede und Antwort geben und in die Ferne von Raum und Zeit schauen lassen?

Friedrich der Große hat einmal gesagt: „Es heißt, dass wir Menschen auf Erden die Ebenbilder Gottes seien. Ich habe mich daraufhin im Spiegel betrachtet. Sehr schmeichelhaft für den lieben Gott ist das nicht.“

Dabei  muss  ich  ihm  irgendwie  Recht  geben.  Es  klingt  nach  Selbstüberhöhung, wenn  mein  Körper und  mein  Gesicht  Gott  wiederspiegeln  sollte.  Der Mensch, ein Ebenbild Gottes? Schafft der Mensch sich nicht eher Gott nach seinem eigenen Bild?

Andererseits: Dieser Gedanke der Gottesebenbildlichkeit hat die Menschenrechte überall auf der Welt beeinflusst: Auch Kranke, Behinderte, Gebrechliche und von der Gesellschaft Ausgestoßene spiegeln das Göttliche wieder; darum sollen wir auch allen mit Würde und Wertschätzung begegnen. – Ich weiß, das ist oftmals schwer. Nur zu gerne arbeiten wir uns daran ab, dass jemand eben gerade nicht so ist … wie … ich selbst bin. Und doch, vielleicht gerade deswegen, ist es nötig das immer und immer wieder zu betonen: Alle Menschen sind gleich wertvoll. Die Würde hängt nicht ab von einem wie auch immer gearteten Nutzen. - Da kann ich noch so lange in den  Spiegel  schauen … oder anderen mein Spiegelbild vorhalten. Wenn es nicht bei mir, in mir ‚klick‘ macht, bin ich je und je nur mit mir selbst beschäftigt. Und es öffnet sich kein neuer Blick; es zeigt sich keine neue Zukunft. Dann stehen wir wie vor einer Wand  …  oder dem Kreuz unserer Schuld.

Erst, wenn ich mich befreien lasse von diesem gebannten Starren auf mich und die anderen, kann und wird sich meinem Blick Neues, unfassbar Großes erschließen:

„Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!

 Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein!“ – so heißt es in „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich ..“ (EG 27,5) zur Weihnacht. Im Zusammenhang mit Passion und Auferstehung darf uns das beim Blick in den Spiegel des Kreuzes erneut aufgehen … und freuen.

Denkt und schreibt Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 28.02.2017

Sie wissen ja gar nicht, wer Martin Niemöller war.‘

 

Das sagte mir Ende vergangener Woche mein Tischnachbar bei einer Einladung. – Wissen Sie’s?

Am 14. Januar vor 125 Jahren wurde der U-Boot-Kommandant, Pfarrer, Pazifist und Widerstandskämpfer Martin Niemöller in Lippstadt/Westfalen geboren. Er wuchs in einem Pfarrhaus auf und schlug 1910 eine Offizierslaufbahn in der kaiserlichen Marine ein. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Marineoffizier teil, zuletzt als U-Boot-Kommandant. 1919 begann er zunächst eine Landwirtschaftslehre, wechselte dann aber zu einem Theologiestudium. 1923 wurde er Geschäftsführer der westfälischen Inneren Mission in Münster und 1931 Pfarrer in Berlin-Dahlem. Aus seiner nationalen Erziehung heraus unterstützte er zunächst die NSDAP. Da er nach dem I. Weltkrieg aber Gewalt ablehnte, änderte er seine Meinung gegenüber den Nazis schnell.

Seit 1933 war er Mitbegründer, führendes Mitglied und kompromissloser Verfechter der Bekennenden Kirche. Als Niemöller während einer Audienz beim Reichsbischof, bei der auch Adolf Hitler anwesend war, dem Führer widersprach, erhielt er Redeverbot, dem er sich widersetzte. Bis 1937 liefen 40 Gerichtsverfahren gegen ihn wegen staatsfeindlicher Äußerungen und Kanzelmissbrauchs. Als die Gerichte den streitbaren Theologen jedoch frei sprachen, erklärte Hitler Niemöller 1938 zu seinem persönlichen Gefangenen und internierte ihn von 1937 bis 1945 in Sachsenhausen und Dachau. Während seiner Konzentrationslagerhaft genoss Niemöller hohes Ansehen im Ausland und galt als die Symbolfigur des Widerstands gegen Hitler schlechthin. 1945 wurde er kurz vor der Erschießung durch ein SS-Kommando von amerikanischen Truppen in Südtirol befreit.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges war Niemöller Mitglied des Rates der "Evangelischen Kirchen in Deutschland" (EKD) und von 1945 bis 1956 Präsident des Kirchlichen Außenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie von 1947 bis 1964 Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Außerdem hatte er zahlreiche ökumenische Ämter inne. Niemöller kritisierte scharf die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und die Wiederbewaffnungspolitik der Bundesregierung unter Konrad Adenauer. Der ehemalige U-Boot-Kommandant wandelte sich zum radikalen Pazifisten und Gegner der Atombewaffnung. 1958 nahm er am ersten Ostermarsch in England teil und wurde aktives Mitglied der deutschen Friedensbewegung. In den 70er und 80er Jahren kämpfte Niemöller gegen die Einführung der Neutronenbombe und den NATO-Doppelbeschluss. Niemöller starb am 6. März 1984 in Wiesbaden.

 

Anlässlich seines 1oo. Geburtstages erschien 1992 die (hoffentlich) oben abgedruckte  Briefmarke der Deutschen Bundespost.

Gedanken Pfarrer Hofius 28.02.2017

Luther auf dem Weg zu den  INVOCAVIT-Predigten

Seit dem Spätnachmittag des 4. Mai 1521 war Martin Luther vom Reichstag in Worms kommend … plötzlich verschwunden. - Luther, am 3. Januar 1521 durch Kirchenbann zum Ketzer erklärt, wurde auf Druck der Reichsstände und seines mächtigen Landesherrn  auf den Reichstag zu Worms geladen – er sollte vor dem Urteil der Reichsacht angehört werden. Luther begab sich am 2. April 1521 auf die Reise nach Worms. Seine Fahrt glich einem Triumphzug, allerorten wurde Luther mit Begeisterung empfangen. Der Reichsherold Kaspar Sturm berichtete dem Kaiser, dass „ohne dass er es verhindern könne, alle Welt, Alt und Jung, Knaben und Mädchen Luther entgegenströmten“. Der kleine Geleitzug erreichte am 16. April Worms: Luther, seine drei Begleiter aus Wittenberg und der „Reichsherold“ Kaspar Sturm, der für seine Sicherheit verantwortlich ist.

Der humanistisch gebildete Kaspar Sturm bewunderte insgeheim den Mut des Wittenberger Professors, der als verurteilter Ketzer vor den Reichstag trat. Luther war bereits am 3. Januar 1521 kirchlich exkommuniziert worden – öffentlichkeitswirksam verbrannte damals Luther am 10. Dezember 1520 die Bannandrohungsbulle des Papstes im Feuer. Das Feuer war die Todesstrafe für Ketzer. Luther durfte als Exkommunizierter in Worms nicht im Augustinerkloster wohnen, so logierte er bei der kursächsischen Delegation. Die öffentliche Verhandlung seines Falls fand nicht vor dem Plenum des Reichstages statt, sondern im kleinen Kreis im Bischofshof. Viele prominente Mitglieder des Reichstages besuchten Luther, wollten ihn kennenlernen und sehen. Die Reichsstände standen fast geschlossen hinter Luther – der Kaiser brauchte sie zur Finanzierung seiner Kriege. Der frisch gewählte, junge Kaiser, aufgewachsen in Spanien, verstand kaum ein Wort Deutsch.  Am ersten Tag der Verhandlung legte sein Ankläger Eck seine gesamten Schriften vor ihn und forderte ihn auf, alle zu widerrufen. Luther war überrascht und stand unter Schock. Er wirkte verunsichert, fast ängstlich, zögert, stottert. Luthers Anwalt bat um Bedenkzeit. Am nächsten Morgen holte Luther jedoch aus und beeindruckte mit einem souveränen Auftritt die vielen Anwesenden: „Er glaube weder dem Papst noch den Konzilen allein, weil es allgemein bekannt sei, dass sie oftmals sich geirrt hätten; darum, es sei denn, dass er mit klaren Sprüchen der Heiligen Schrift überwunden werde, sonst könne er nicht widerrufen, sintemal er mit seinem Gewissen in Gottes Wort gefangen und es nicht geraten sei, etwas wider das Gewissen zu tun.“

Während die Reichsstände noch versuchten seine Verurteilung durch einen Aufschub zu verzögern, wurde dann doch sogleich  das „Wormser Edikt“ (die Ächtung Luthers) ausgefertigt. – Doch der Kaiser sicherte ihm freies Geleit nach Wittenberg zu.  Das Wormser Edikt ächtete Luther, verbot ihm zu predigen und  die Verbreitung und den Besitz seiner Schriften. Da jedoch die Umsetzung des Edikts den Reichsständen übertragen wurde, entzogen sich viele reformierte Herrscher und Städte der Pflicht, das Edikt auch durchzusetzen. Die Reformation breitete sich weiter aus, mehr denn je. - Am 25. April 1521 erklärt Karl V. die Anhörung für beendet und verhängt am 8. Mai 1521 die Reichsacht über Luther. Sein Geleit sollte wieder  Reichsherold Kaspar Sturm sichern, denn  jetzt war Luther rechtlos – „vogelfrei“. Luther trennte sich jedoch schon in Friedberg bei Frankfurt von seiner „Lebensversicherung“, offensichtlich war Luther eingeweiht, was bald mit ihm geschehen würde.

Denn am Spätnachmittag des 4. Mai 1521  fielen plötzlich Schüsse, jagten vermummte Reiter heran, überfielen die Reisenden. Panisch flohen die Mitglieder der Reisegruppe in den Wald. Die Reiter ergriffen Luther, entführten ihn,  jagten in den Wald davon. Hinter dieser „Entführung“ stand Luthers Landesherr Friedrich der Weise. Sein Geheimsekretär Georg Spalatin plante diesen Coup. Der rechtlose Luther sollte in Schutz genommen und der Öffentlichkeit entzogen werden.

Martin Luther verwandelt sich  in den adeligen Junker Jörg. Nur wenige waren eingeweiht. Die einsame Burg im Thüringer Wald, in der Luther in ‚Schutzhaft‘ genommen wurde, gefiel dem Reformator jedoch bald überhaupt nicht mehr. Die Tatenlosigkeit setzte ihm zu. Er ließ sich Bücher bringen, Lexika, griechische und hebräische Bibeln. Und Luther nutzte die Zeit auf der Wartburg, um sein größtes literarisches Werk anzugreifen: Die Übersetzung des Neuen Testamentes in allgemein verständliches Deutsch. Er übersetzt in 11 Wochen die 27 Bücher des Neuen Testamentes.  Ihm unbewusst wurde er dadurch  zugleich Schöpfer einer einheitlichen deutschen Sprache. Das sächsische „Kanzleideutsch“ der Bibel setzte die Maßstäbe unserer heutigen deutschen Sprache.

Luthers Aufenthalt auf der Wartburg endete am 1. März 1522: Er verließ die Wartburg in Richtung Wittenberg und kehrt nie wieder in dieses Domizil zurück. In Wittenberg selbst stieg Luther am darauffolgenden Sonntag sowie an den weiteren Wochentagen auf die Kanzel und predigte.

Kommenden Sonntag feiern wir wieder um 10 Uhr Gottesdienst.

sine vi sed verbo - ‚ohne Gewalt, sondern durch das Wort‘  … so hat Pfarrer Hofius ihn überschrieben. – Denn am  Sonntag Invokavit 1522 kehrte Martin Luther von der Wartburg zurück nach Wittenberg. Seit dem Wormser Reichstag 1521 hatte er als Junker Jörg versteckt auf der Wartburg gelebt, wo er mit der Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache eine ungeheure Leistung vollbracht hatte. Dann aber drangen immer neue Nachrichten aus Wittenberg an sein Ohr. Die Reformen, für die Luther wesentlich verantwortlich war, hatten zu Tumulten geführt. Es war zum Bildersturm gekommen – und viele Gläubige trieb die Frage um, wohin die Reform denn führen sollte. Entfernung der Heiligenbilder aus den Kirchen, Abendmahl mit Brot und Kelch für jedermann, Priester, die in Straßenkleidung die Messe feierten – das drückte auf die Gewissen vieler. Und Luther sah deshalb die Zeit gekommen, persönlich einzuschreiten und das Werk der Reform in Bahnen zu lenken, die dem Geist der angestoßenen Veränderungen entsprachen.

Durch seine Predigten am Sonntag Invokavit sowie an den folgenden (Wochen-)Tagen erreichte Luther ‚sine vi sed verbo‘, ‚ohne Kraft/Gewalt, sondern durch das Wort‘, durch die Predigt, dass die Reformation in Wittenberg wieder einen geordneten Gang nahm.

 

Daran soll im Gottesdienst am kommenden Sonntag erinnert werden.

Gedanken Pfarrer Hofius 21.02.2017

Gottesdienst – Begegnung mit Gottes Wort

Ein evangelischer Gottesdienst ist ein ziemlich komplexes Gesamtkunstwerk. Es folgt einer Dramaturgie, ist quasi ein Wechselspiel der am Gottesdienst Beteiligten. Darüber möchte ich in diesen Wochen nachdenken.

 

Nach der Eröffnung und Anrufung mit dem Läuten der Glocken zu Beginn und dem Stille-Werden zum Ankommen bei Gott … ging es im zweiten Teil um den Bereich Verkündigung und Bekenntnis in der Begegnung mit Gottes Wort. Den Höhepunkt eines Predigtgottesdienstes lutherischer Prägung bildet dabei die Predigt. - Der dritte Teil wird nicht an jedem Sonntag in unseren Gottesdiensten gefeiert: Es geht um die Feier des Heiligen Abendmahls.

Der vierte und abschließende Teil eines Gottesdienstes evangelischer Prägung ist die Fürbitte und Sendung. Findet kein Abendmahl statt, schließt der Sendungsteil direkt an das Predigtlied an. Spätestens in den Fürbitten öffnet sich der Gottesdienst der Welt. Er nimmt die Anliegen der Gemeinde, Einzelner und aktuelle Notlagen wahr und bringt sie in der Fürbitte vor Gott. So macht die Gemeinde (!) ernst damit, dass kein Bereich des Lebens von Gott unberührt bleibt. Gott achtet auf alle. Wir sind betroffen von den Nöten und Leiden der Menschen. Wir rufen zu Gott um Erbarmen und Hilfe für alle Völker und Menschen, um Gerechtigkeit und Frieden in Kirche und Welt. Im Gebet für andere schulen wir unseren Blick für die Not anderer und vertrauen Gott, dass er sich ihrer … und auch unser … annimmt. Martin Luther schreibt im Kleinen Katechismus: „Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns geschehe.“ - Das heißt, der Beter ist im Gebet nicht außen vor. Wenn wir für die Not in der Welt bitten, dann beinhaltet das immer auch die Frage: ‚Was ist unser Auftrag dabei? Wo ist unser Platz?‘ - Abgeschlossen werden die Fürbitten mit dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser.

Nach einem Schlußlied sind es die Bekanntmachungen  / Abkündigungen / Vermeldungen aus dem Gemeindeleben, die fester Bestandteil des Gottesdienstes sind. Kirche hört ja nicht an der Kirchentür auf, sie setzt sich in den Alltag fort: Christliches Leben, Gruppen, Kreise, Geben und das Mitfühlen mit dem Leid und der Freude von Mitchristen, ist Gottesdienst in weiterer Form. So bildet sich in den Abkündigungen die Gemeinde als feiernde, lobende und trauernde Gemeinschaft selbst ab.

Auf dem Weg in die Woche hilft und stärkt der Segen Gottes, um den man zumeist mit einem Lied bittet, bevor er vom Liturgen zugesagt wird. Die Kraft des Segens trägt und begleitet uns, damit wir in Verantwortung und Nächstenliebe das Empfangene weitergeben im Gottesdienst des Alltags. Der Schutz und der freundliche Blick Gottes begleiten. Denn Gottes Zuspruch gilt:

Der Herr segnet dich und behütet dich.

 Der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir gnädig.

 Der Herr erhebt sein Angesicht auf dich und gibt dir Frieden. – Worauf die Gemeinde bekräftigend antwortet: „Amen.

 

So sieht Gottesdienst aus. Gott schenke es uns und helfe uns dabei, dass wir immer wieder miteinander und in Gottes Gegenwart Gottesdienst feiern können; dass wir Gott dienen, weil Gott uns dient. Das ist Gottesdienst.

 

 

 

Für’s mit-Bedenken und Mit-Feiern bedankt sich Ihr / Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 14.02.2017

Gottesdienst – Begegnung mit Gottes Wort

Ein evangelischer Gottesdienst ist ein ziemlich komplexes Gesamtkunstwerk. Es folgt einer Dramaturgie, ist quasi ein Wechselspiel der am Gottesdienst Beteiligten. Darüber möchte ich in diesen Wochen nachdenken.

Nach der Eröffnung und Anrufung mit dem Läuten der Glocken zu Beginn und dem Stille-Werden zum Ankommen bei Gott … ging es im zweiten Teil um den Bereich Verkündigung und Bekenntnis in der Begegnung mit Gottes Wort. Den Höhepunkt eines Predigtgottesdienstes lutherischer Prägung bildet dabei die Predigt. Sie will und soll und kann uns verändern, erneuern, bewegen.

Der dritte Teil wird aus unterschiedlichsten Gründen leider nicht an jedem Sonntag in unseren Gottesdiensten gefeiert. Und doch gehört er – wenn denn – m.E. auf jeden Fall in den Gottesdienst hinein: Die Feier des Heiligen Abendmahls. Das Abendmahl ist beileibe nicht bloß ein Anhängsel des Gottesdienstes, sondern konsequente Fortsetzung der Predigt; eine Predigt, in der von der Liebe Gottes und der Annahme der Mühseligen und Beladenen, der Heuchler und Sünder gewissin geeigneter Form die Rede gewesen sein wird. Zentrales Element des Abendmahls ist

die Rezitation der Einsetzungsworte (in anderen Landeskirchen oftmals auch in gesungener Form), womit der Liturg an das letzte Abendmahl Jesu erinnert und die Stiftung des Sakraments vergegenwärtigt: Christus selbst ist es, der im Hier und Jetzt die Glieder seiner Gemeinde an seinen Tisch einlädt. – Ein „Geheimnis des Glaubens“, das oft in den alten Worten zusammengefasst wird: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Mit der Feier des Abendmahls geben Christen diese Tradition weiter und hören nicht auf, auf die Wiederkunft Christi zu hoffen. - Dass das Abendmahl dabei nicht nur ein Geschehen zwischen Mensch und Gott ist, sondern dass auch das Verhältnis zwischen den Menschen nicht unberührt bleiben soll, zeigt der vielerorts übliche Friedensgruß. Denn: Wer gemeinsam am Altar das Abendmahl empfängt, kann nicht untereinander in Feindschaft leben.

Evangelische Christen empfangen das Abendmahl in „beiderlei Gestalt“ (wie die Reformatoren sagten), also in Brot und Wein respektive Traubensaft unter der Zusage: ‚Christi Leib für dich gegeben / Christi Blut für dich vergossen‘, oder: ‚das Brot des Lebens / der Kelch des Heils für dich‘. In vielen Gemeinden bilden die Gottesdienstbesucher einen Kreis um den Altar, essen Brot und trinken Wein. Aber auch die Wandelkommunion (Hostie und Wein werden im Gehen empfangen) oder die Intinctio (Eintauchen des Brotes in den Wein) sind praktizierte Formen. - Seit bald zwanzig Jahren sind auch in unserer Landeskirche Kinder beim Abendmahl willkommen.

Mit einem Dankgebet schließt die Feier des Abendmahls. Dieses Dankgebet beginnt traditionell mit einer Danksagung nach Psalm 103, die im Wechsel zwischen Liturg/in und Gemeinde (fett gedruckten Teile) gesprochen werden sollte:

 

„Lobe den Herrn, meine Seele,

            und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

 Lobe den Herrn, meine Seele,

            und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

 der dir alle deine Sünde vergibt

            und heilet alle deine Gebrechen,

 der dein Leben vom Verderben erlöst,

            der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.

 . . .  “

 Den vierten und letzten Teil schauen wir uns in der kommenden Woche an  J  .

 

Ihr / Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 07.02.2017

Gottesdienst – Begegnung mit Gottes Wort

Ein evangelischer Gottesdienst ist ein ziemlich komplexes Gesamtkunstwerk. Es folgt einer Dramaturgie, ist quasi ein Wechselspiel der am Gottesdienst Beteiligten. Darüber möchte ich in diesen Wochen nachdenken.

In der vergangenen Woche habe ich etwas über den Beginn mit dem Läuten der Glocken geschrieben. Der Passus von der Sammlung und dem Stille-Werden scheint inzwischen so ungewohnt zu sein, dass ich ihn hier gerne noch mal erwähne.

Gerade die Stille zu Beginn lässt mich bei Gott ankommen; und zwar, indem ich zu mir selbst kommen. Sie gibt mir Zeit zum Atem holen … und für meine Gedanken. Das Glockenläuten macht mir bewusst: Dies ist ein besonderer Tag in der Woche. Einer, der sich nicht primär im Austausch mit Menschen oder Medien bewegt; sondern einer, an dem ich mich voll und ganz auf Gott einlassen darf und soll.

Der zweite wichtige Teil eines Gottesdienstes ist die Begegnung mit Gottes Wort.

Nach langer Vorbereitung steuert der Evangelische Gottesdienst nämlich auf seine Mitte zu: Die Lesung und Auslegung der Heiligen Schrift. Auch der Verkündigungsteil geschieht im Wechsel zwischen Gottesdienstleitung und Gemeinde.

In ‚klassisch-lutherischen‘ Gottesdiensten werden bis zu drei Bibeltexte, für jeden Sonntag im Kirchenjahr festgelegt, verlesen: Eine Stelle aus dem Alten Testament oder den Briefen des Neuen Testaments (Epistel), eine Evangeliumslesung und der Predigttext. Oft ersetzt jedoch der Predigttext eine der beiden anderen Lesungen. – In Württemberg gibt’s in der Regel nur zwei Lesungen: Die Schriftlesung (bei uns meist durch ein Mitglied des Kirchengemeinderates) und den Predigttext.

Auf die Lesungen antwortet die versammelte Gemeinde häufig mit einem gesungenen oder gesprochenen (Glaubens-)Bekenntnis. Sie nimmt damit ganz aktiv an der Verkündigung teil und sagt ihr „ja“ dazu. Und sie singt es heraus - mit dem Wochenlied, einem für diesen Sonntag im Kirchenjahr festgelegten Lied.

Was folgt - und quasi den Höhepunkt eines Predigtgottesdienstes lutherischer Prägung darstellt – ist die Predigt.   In der Regel anhand eines für den jeweiligen Sonntag vorgegeben Predigttextes beschäftigt sich die Predigt mit Fragen wie …

* Worauf darf ich hoffen?

* Was hat mein Glaube an Jesus Christus mir heute noch zu sagen?

* Wonach kann ich mein Tun und Handeln ausrichten?

Anhand des jeweiligen Bibeltextes versucht die Predigt darauf Antwort zu geben. - Die so genannten Perikopen sind für jeden Sonntag im Kirchenjahr festgelegt und in Perikopenreihen angeordnet, die sich alle sechs Jahre wiederholen. Andere Kirchen, zum Beispiel die Reformierte, kennen diese Tradition nicht. Hier kann es auch einmal vorkommen, dass Sonntag für Sonntag ein ganzes biblisches Buch gepredigt wird. Die Predigt, die Auslegung der Heiligen Schrift, ist ein Herzstück des Gottesdienstes. In vielfältiger Form nimmt sie Bezug zur Gegenwart und versucht die Bedeutung des Glaubens für heute zu verdeutlichen. Denn: Wer nur am Sonntagsgottesdienst teilnimmt, dem kann es passieren, dass er im Alltag und in der Woche gar nicht als Christ wahrgenommen wird; weil er sich überhaupt nicht unterscheidet von allen andern. Wer aber das Gehörte, Gesagte und Gesungene mitnimmt hinein in die gemeinschaftlich begonnene Woche, der bleibt nicht oberflächlich, sondern hat Tiefgang, Kraft und Mut sich zu unterscheiden von andern. Wo wenn nicht darin unterscheiden wir Christen uns denn von der Welt? Hoffentlich nicht negativ, sondern als Hoffnungsträger! Die Predigt des Wortes Gottes will und soll und kann uns verändern, erneuern, bewegen.

Der erste Schritt gemeinsam mit dem Wort Gottes hin zur Welt ist das Predigtlied. Es nimmt das Gehörte auf … und lässt es im Mund der Gemeinde noch einmal laut werden; damit es sich durch’s Singen in unseren Herzen und Stimmbändern eingräbt … und wir selbst zu Predigenden werden.

Wie’s danach weitergeht, erzählt in der kommenden Woche

 

Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 31.01.2017

Womit beginnt eigentlich ein normaler Gottesdienst?

Ein evangelischer Gottesdienst ist ein ziemlich komplexes Gesamtkunstwerk. Es folgt einer Dramaturgie, ist quasi ein Wechselspiel der am Gottesdienst Beteiligten. Darüber möchte ich in diesen Wochen nachdenken.

 

Das Allererste, was geschieht, ist … das Glockengeläut (bei uns wird vor-geläutet, d.h. schon ab 9.54 Uhr laden die Glocken zum Gottesdienst ein). Wie wäre das schade, wenn es unsere Glocken nicht gäbe!  -  In einem Schulaufsatz schrieb ein Schüler einmal folgendes: „… am letzten Sonntag wurden unsere neuen Glocken eingeweiht. Der Herr Pfarrer und der Herr Bürgermeister hielten schöne Reden. Sie wurden dann aufgehängt. Seitdem ist es in unserem Dorf viel gemütlicher.“

 

Um wieder seriöser zu werden: Um sich in dem Gesamtkunstwerk ‚Gottesdienst‘ gut bewegen zu können, bedarf es nicht nur einer gewissen Übung und Praxis, sondern auch ein wenig Erklärung dessen, was im Gottesdienst geschieht. Gerade wegen des Einladungscharakters eines Gottesdienstes steht nämlich im Evangelischen Gesangbuch auf der Seite 1236 zu lesen:

 

„Vier große Abschnitte kennzeichnen die Grundform des christlichen Gottesdienstes: Eröffnung und Anrufung

  Gott lädt uns ein. Wir unterbrechen den gewohnten Lauf der Tage und versammeln uns im Namen Jesu zu seiner Gemeinde. Wir sammeln uns und werden still, wir öffnen uns und richten uns in Lied und Gebet auf Gott aus. Unser Leben sehen wir in neuem Licht.“

 

Die Stille zu Beginn lässt mich bei Gott ankommen; und zwar, indem ich zu mir selbst kommen. Sie gibt mir Zeit zum Atem holen … und für meine Gedanken.

Das Glockenläuten macht mir bewusst: Dies ist ein besonderer Tag in der Woche. Einer, der sich nicht primär im Austausch mit Menschen oder Medien bewegt; sondern einer, an dem ich mich voll und ganz auf Gott einlassen darf und soll.

Darum stimmt neben und nach dem Läuten gerade die Musik zum Eingang ein auf die Begegnung mit Gott: Zunächst mit der Musik zum Eingang, dem sogenannten „Vorspiel“. Und danach komme dann ich selbst im Eingangslied zu Wort. Aber ich singe nicht allein. Im Mitsingen der alten und neuen Texte zeigen sich die Gottesdienstbesucher als Gemeinde, die Gott feiert.

 

Erst jetzt tritt in der Regel der Gottesdienstleiter (Liturg) / die Gottesdienstleiterin (Liturgin) in Aktion. Er/sie begrüßt die Gemeinde und macht im Votum deutlich, in wessen Namen sie versammelt ist: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ - Gott, keine andere Macht steht über dieser Feier. Die Gemeinde bekräftigt das mit dem hebräischen „Amen“, „ja, so ist es / so soll es sein.“.

 

Eigentlich würde dann ein sogenanntes ‚Vorbereitungsgebet‘ mit  knappem, formelhaftem Schuldbekenntnis und der Bitte um Vergebung … sowie dem Zuspruch der Gnade und Liebe Gottes folgen. Denn der Mensch kann vor Gott nicht bestehen; er bedarf täglich neu der Vergebung.  – Doch in die Liturgie württembergischer Prägung hat dieser Teil (leider) keinen Eingang gefunden.

Hier folgen zumeist der ‚Introitus‘, das Psalmgebet, das seit dem frühen Mittelalter Bestandteil des Gottesdienstes ist. Bei uns wird er sonntäglich in der Regel im Wechsel gesprochen. Ursprünglich sangen sich die Mönche die Psalmverse von Chorgestühl zu Chorgestühl oder von Empore zu Empore zu. Jedem Sonntag ist ein anderer Psalm zugeordnet, eines jener uralten Lieder aus dem Gottesdienst des Volkes Israel, die die Fülle des Lebens - Lob und Klage, Dank und Zorn, Ermutigung und selbst das Bedürfnis nach Rache - vor Gott bringen.

Daran schließt sich das Eingangsgebet. In einfacher Sprache und mit Impulsen und Elementen der Stille geben sie dem Einzelnen Gelegenheit, vor Gott zur Besinnung zu kommen. Letztlich geschieht in beiden Formen das Gleiche: Ein Ankommen bei Gott und ein Ablegen dessen, was den Menschen belastet. Manche vergleichen das Eingangsgebet mit der Garderobe in einem Haus: Ohne Gepäck, das mich belastet, kann ich dem Gastgeber viel freier begegnen.

 

Nach dem Ankommen und Ablegen vor Gott, nach dem Lob seiner Herrlichkeit und dem Bekenntnis zu seiner Macht ist der Gottesdienstbesucher eingestimmt auf die Begegnung mit Gottes Wort.

… Und alles beginnt … mit dem Läuten der Glocken.

 

 

Wie’s weitergeht, erzählt in der kommenden Woche Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 15.01.2017

Momentan scheint alles allein auf Martin Luther hinauszulaufen: Egal in welchem Zusammenhang des 500-jährigen Jubiläums der Reformation (!) gedacht wird, immer ist es das Porträt des alten, dickgewordenen Martin Luthers, das uns von den Signets und Vignetten anschaut. Doch die ‚Reformation‘ ist so viel mehr als nur Luther.

Gewiss, es sind vor allem Männer, die die Zeit der Reformation geprägt  haben: Luther, Melanchthon, Calvin, Zwingli. Sie sind es oftmals, die im Gedächtnis der Menschheit bleiben. Dabei gab es auch im Spätmittelalter genügend Frauen,  die  tatkräftig, mutig und intelligent genug waren, frischen Wind in die Kirchen zu bringen.

Doch bis Frauen gleichberechtigt das Wort erheben konnten, sollten noch Jahrhunderte vergehen. Wollten Frauen ihrem Wissens- und Tatendrang nachgehen, mussten sie ins Kloster gehen. Dort genossen sie noch am ehesten die Freiheit, sich weiterzubilden, Bücher zu schreiben und ihre Meinungen und Einsichten auch einer  breiteren Öffentlichkeit kund zu tun. Im Gegensatz zu den Männern zahlten sie dafür dann einen hohen Preis: In der Regel keine Liebesbeziehungen, keine Heirat, keine Kinder, kein Familienleben. Auch durften sie die  bestehenden Verhältnisse nicht kritisieren  - das wurde von Frauen noch weniger geduldet als aus männlichem  Munde.

Die Scharfzüngigkeit eines Martin Luther hätte sich seine Zeitgenossin Teresa von Avila (* 28. März 1515, † 4. Oktober 1582) gar nicht erst erlauben können. Dafür versteht sie es, ihre Kritik äußerst humorvoll Gott anzuvertrauen. So betet sie:

„Mein umfangreiches Wissen sollte eigentlich nicht brachliegen, 

 sondern  weitergegeben  werden. 

Gedanken Pfarrer Hofius 17.01.2017

Bald ist es drei Wochen alt, dieses Neue Jahr. Und es fühlt sich gar nicht mehr so neu an. Wie erwartungsvoll hat man doch an Silvester zusammengesessen. Neue  Ideen waren da … oder eben auch nicht, weil man ja längst weiß, dass letztlich doch alles beim  Alten bleibt. Das Wetter trägt auch nicht gerade zur Aufbruchsstimmung bei. Auf den Straßen matschige Reste von Schnee, Eis; vereinzelt auch noch von Raketen und Knallern. Wäre schon Frühling, dann wäre es einfacher, daran zu glauben, dass auch für mich vielleicht etwas Neues kommen kann!

Viele Menschen wünschen sich solch einen Neubeginn, nicht nur zum Neuen Jahr. Zeitungen und Zeitschriften versuchen, unsere Bedürfnisse mit guten Vorschlägen  zu sättigen: Abnehmen, mehr Sport, mit dem Rauchen aufhören. Gern werden diese als „fromme“ Wünsche bezeichnet. - Christen dagegen hoffen doch auf einen radikaleren Neuanfang. Jesus spricht vom kommenden Himmelreich: „Selig sind die geistlich  Armen, sie sollen das Himmelreich besitzen. Selig sind, die da Leid tragen, sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie sollen das Erdreich besitzen. Die nach Gerechtigkeit hungern, sollen satt  werden.“ (Matthäus 5)

Ich weiß: Wenn ich diese  Neuanfänge will, muss ich auch Abschiede hinnehmen. Wenn ich die geistlich Armen seligspreche, muss ich mich von der Überzeugung verabschieden, dass nur glaubensstarke Menschen zu Gott gehören. Wenn ich die Leidenden mit Jesus seligsprechen will, muss ich vom Sofa ins Grau der Welt hinaus. Ich muss schauen, ob ich jemanden trösten kann. Wenn ich will, dass die Sanftmütigen das Erdreich besitzen, muss ich denen Raum geben, deren Heimat verwüstet ist. Und Gerechtigkeit ist nicht billig zu haben.

Abschied  und  Neuanfang  gehören zusammen.

Vielleicht passt nach den Höhenflügen des  Silvesterabends auch das  zum Neuen Jahr: Die matschigen Knaller-Reste in Feld und Flur aufzukehren, Ordnung zu schaffen … und noch lange vor den sichtbaren Frühlingsboten einfach mal zu fragen: Womit kann ich anfangen?

Gott hat doch die Saat für das Himmelreich in uns gelegt.

                                                                             Denkt Ihr/Euer Pfarrer Christoph Hofius

Gedanken Pfarrer Hofius 12.01.2017

Was wirklich zählt an Weihnachten

Ich sitze gerade am Schreibtisch und an diesen Zeilen, denke nach über Zahlen und Kontrolle, über Menschen, die andere beherrschen und bestimmen, die deren Wert oder ‚Unwert‘ und die Nützlichkeit der anderen ausrechnen wollen. Nicht nur damals vor über 2.ooo Jahren bei Augustus und Herrschern der Vergangenheit war das so. Das kennen wir auch heute. Aber soll das so sein? Muss das so sein? Ist das menschenwürdig? Ist das im Sinne Gottes?

Ich sitze also da und denke nach – auch über den Kommerz und das Vergnügungspotential unserer Gesellschaft, als die Nachrichten aus Berlin sich überschlagen: Weihnachtsmarkt, LKW, mindestens 12 Tote, unzählige Verletzte. – Das Stichwort ‚Anschlag‘ macht sofort die Runde. Oder doch „nur“ ein grausam-tragischer Unfall? Innenminister Thomas de Maizière äußerte sich am späten Abend zum Ereignis vom Breitscheidplatz. „Meine Gedanken sind jetzt bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzen des schrecklichen Vorfalls.“

Das, was ich ‚nebenher‘ im Fernsehen und Internet aufschnappe, sieht professionell und sehr opferorientiert aus. Kaum Bilder von Panik … und zum Glück auch jetzt, um Mitternacht, noch keine allzu plumpe und direkte Schuldzuweisung.

Aber ich überlege: Wir gehen auf Weihnachten zu; die Feiertage kommen … und bald auch der Jahreswechsel; und ich frage mich: Was zählt wirklich? Was ist tatsächlich wichtig? Worauf bauen wir … und worauf bauen wir auf? -  Wir suchen  die Antworten auf diese Fragen genauso wie viele Menschen damals und heute. Wir wünschen uns, dass es trotz aller Ereignisse in der Welt ‚da draußen‘ und in unserem nächsten Umfeld für uns Weihnachten wird. Wir wollen etwas spüren von dem Wunder der Heiligen Nacht. -  Und das besteht - zumindest damals - nicht in großartigen Geschenken; zumindest nicht in solchen, die viel Geld kosten.

Da geht es doch um Hoffnung und Vertrauen. Um zwei Menschen, die sich trotz widriger Situation auf den Weg machen; ohne vorher zu wissen, wie’s werden wird. Es begegnet ihnen Ablehnung … aber auch Unvoreingenommenheit und Rücksicht. Standesdünkel sind da völlig fehl am Platz: Rauen Naturburschen mit angeblich zweifelhaftem Ruf … wird der Zutritt zum Stall und zur Krippe nicht verwehrt. Oder ist Josef nur von der Reise, Herbergssuche und Spontangeburt völlig überfordert? Ich glaub’s nicht. Ich denke: Freundlichkeit zählt für ihn mehr. Und es ist etwas Besonderes um dieses Kind in der Krippe: Die Geringen sind wichtig. Und die Mächtigen spielen keine Rolle mehr. Die immer alles zu sagen haben, werden stumm

… und die Stummen trauen sich den Mund aufzumachen.

Sollte da nicht auch mein / unser Herz fröhlich springen zu dieser Zeit, in der vor lauter Freude alle Engel singen: Christus ist geboren? – Mit seinem Kommen in diese Welt wird deutlich was wirklich zählt: Liebe, Freundlichkeit, Vertrauen, erfüllende Aufgaben, Arbeit, Glaube an sich und den Mitmenschen, Hoffnung.

 

Manchmal meinen wir: Das kann doch gar nicht sein. … Aber ich sehe Bilder aus Berlin, in denen wildfremde Menschen um das Leben der Verletzten kämpfen. Ich weiß um Menschen, die andernorts jetzt Flüchtlinge aufnehmen und versorgen. Ich bete um Frieden und Einsicht auch bei den Mächtigen; und mehr noch bei uns ‚kleinen Menschen an der Basis‘. Mit Gottes Hilfe kann Hass und Gewalt aufgebrochen werden, damit sein Licht kommt und es hell wird an Orten der Dunkelheit.  -  Was wirklich zählt an Weihnachten ist, dass Gott da einen neuen Anfang gesetzt hat mitten unter uns … in diesem Kind: Jesus von Nazareth.